1903, Nr. 130

Mittwoch den 2. September.

Hast Du mit jemand gesprochen?" flüsterte sie.

Nur mit Chauxville, heute nachmittag."

. , Paust das hatte gar nichts zu bedeuten"/

ries sre hastig.Er brachte mir bloß eine Botschaft von Ealharma Lanowitschf es war nur ein ganz freund- fchaftlicher Besuch. Es wäre ja sonderbar, wenn er diesen Besuch nicht gemacht hätte. Glaubst Du wirklich, daß mir an solch einem Menschen etwas ließen kann?"

Ich habe das bisher nie geglaubt", antwortete Paul gelassenAber wer sich entschuldigt, klagt sich an. Mög- lrcherweise liebst Du ihn, ich weiß es nicht. Mir liegt nichts daran."

Ste wandte sich langsam um, ging zu ihrem Stuhl Zurück, griff mechanisch wieder nachher Bürste und schüttelte ihr schönes Haar zurück. ' 1

Du willst damit sagen, daß Dir an mir nichts liegt. Paul, Nimm Dich in acht."

Paul sah sie an. Er war kein besonders scharfsinniger Geist, kemer tioit denen, die behaupten, daß sie die Frauen verstehen, als o6' Frauen in der Mitte zwischen dem Tier- und Menschengeschlecht ständen. Nein, dieser Mann achtete noch die Frauen und behandelte sie insofern wie Manner, daß er sie unter dasselbe Gesetz von Recht und Unrecht, von Gut und Böse stellte, wie jene.

Ich glaube nicht, daß Dir jemals viel daran lag, ob ich Dich liebte oder nicht", sagte er endlich.Ms Du mrch heiratetest, wußtest Du, daß ich einer der Haupt- anfuhrer der Armenliga war: ich habe Dir das in ziemlich klaren Worten gesagt, auf jeden Fall sagte ich Dir soviel daß Du sehen mußtest, wie tief ich in das Unternehmen verwickelt war, das Du verrietest. Du wurdest meine Frau' ohne sichere Beweise von dem Tode Deines Gatten zu habem so eilig hattest Du es, Fürstin zu werden. Jetzt erkenne sch aus Deinem eigenen Geständnis, daß Du einen heim­lichen Verkehr mit einem Manne unterhältst, der mich erst vor einer Woche zu ermordeu versuchte. Ist es da nicht recht widersinnig, von Liebe zu sprechen?"

Etta beugte sich vorwärts und starrte verstört ins Feuer; die Flammen zuckten auf und leuchteten in das blerche Gesicht, die tiefen Augen.

Du wirst mir ja wohl nicht glauben, wenn ich Dir sage, daß ich den Menschen hasse", sagte sie, ohne ihn anzublicken.Won dem, was vorige Woche vorgefallen ein soll, von diesem Mordversuch, meine ich-, weiß ich nichts. Du bist ein Fürst und in Deiner Provinz all­mächtig. Kannst Du ihn nicht ins Gefängnis stecken und' dort festyalten? In Rußland ist doch so etwas möglich!. Er ist gefährlicher, als Du glaubst, ich bitte Dich, tue es, ich bitte Dich"

Paul sah sie mit harten, unbarmherzigen Blicken an.

Ich bin nicht hergekommen, um von Claude von Chauxville zu sprechen, sondern von Dir und von unserer Zukunft", sagte er.

(Nachdruck verboten.)

Schloß Osterno.

Roman von S. M e r r i m a n.

(Fortsetzung.)

37. Kapitel.

Mann und Frau.

Es war, wie Karl Steinmetz es erwartet hatte: Etta erMen lächelnd nut unbefangenster Miene zum Diner. Auf der Schwelle des Salons wechselte sie mit dem Intendanten ernen oftct, das war alles. Während der Mahlzeit waren Nelly und Paul schjveigsam, Etta aber plauderte lebhaft und munter mit Steinmetz; sie bewies einen hohen Mut, denn sie war verzweifelt und zeigte es nicht.

Endlich nahm der Wend ein Ende. Nelly hatte zwei Steber gesungen, Steinmetz mit einer gewöhnlichen Meisterschaft Klavier gespielt, und alle hatten ihre Rollen bewunderungswürdig durchgeführt.

Etta erhob sich mit einem leichten Seufzer, um schlafen zu gehen. Jetzt kam es.

. Sie begab sich auf ihr Zimmer, uachdem sie Nelly nn Korridor gute Nacht gewünscht hatte, und ließ sich von der geschickten Jungfer mechanisch in einen Weichen, seidenen Schlafrock Hullen. Dann schickte sie das Mädchen beinahe ungeduldig fort, obwohl ihr Haar erst zur Hälfte gelöst war; sie wolle es selbst ausbürsten, sie sei müde, nein sie habe nichts mehr nötig. '

Wie gebrochen setzte sie sich vor den Kamin; sie ver­mochte kaum zu atmen.

Sie hörte, wie Paul in sein Ankleidezimmer trat, horte, tote er nut seiner tiefen, ruhigen Stimme eine Frage des Kammerdieners beantwortete. Dann die Wortegute Nocht mit derselben ruhigen Stimme. Der Kammerdiener hatte sich, entfernt. Jetzt befand sich nur die Tür zwischen rhr und - und wem? Ihre Finger griffen krampfhaft nach dem Halsausschnitt ihres Schlafrocks; die weichen Spitzen schienen sie zu ersticken. -

.. Jaul klopfte an die Tür. Jetzt kam es. Sie öffnete dte Lrppen, konnte aber zuerst keinen Ton hervorbringen.

Heretn", sagte sie endlich heiser.

v., ^arde er sie töten? Wo war das, war sie wirk- lich in ihren Gatten verliebt? In der letzten Zeit fragte rimb fragte sich's auch fetzt, als er ins

Zimmer trat. Er hatte den Frack gegen eine Joppe ver­tauscht, in der er gewöhnlich; mit Steinmetz in dem stillen, klemen Zimmer arbeitete, wenn alle Hausbewohner zu Bett gegangen waren.

Sie blickte auf, ließ die Bürste fallen und lief auf ihn zu.. Die Seide um ste her rauschte.

Paul, was ist geschehen?"

Sie hielt inne; denn der Anblick dieses kalten, starren Gesichtes nahm ihr den Mut, ihn zu berühren.