Nachdruck verboten.
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
XXIII.
D i e Z a r i z a.
All' . mein Leben
Soll ein Wandern sein nach Dir, ein Ringen Mit der Welt um Dich! ich will nicht rasten, Bis den Tod ich oder Dich gesmiden.
Geibel.
Und muß dies unser Scheiden sein? O nein, ich liebe Dich auch nach dem Tode.
Campbell.
Tie Energie der jungen Frau hatte alle Hindernisse überwunden, die wichtigen Urkunden lagen in ihrer Hand. Ter um eine Audienz bittende Brief war ihr bereits voraus an eine der Ehrendamen der Kaiserin geeilt. Sie selbst, ihm unverweilt folgend, harrte auf dem Bonner Bahnhofe des Zuges; die innere Unruhe hatte sie viel zu frühe kommen lassen. Sie verließ den schwülen Wartesaal, und wollte eben den Perron entlang schreiten, als der Kammerdiener ihr, von einer Neuigkeit ganz erfüllt, eilig meldete; „Wissen Mademoiselle, daß Herr von Karin hier ist? Ich sah ihn soeben!"
Wirklich, Nikolai war wieder in Bonn. Hätte Wera auch nur eine Ahnung davon gehabt, ihr Bekenntnis wäre wohl nie abgelegt worden; selbst die Angst hätte es ihr nicht entrissen. — Marita wurde durch des Dieners Meldung weniger überrascht; sie hatte ja einst gehört, wie Nikolai Lisavetten seine Absicht ausgesprochen, im Sommer nach Deutschland, nach Ems zu gehen. Freilich vergaß Clarita dessen später vollständig, jetzt aber fiel es ihr, wie das ja so leicht mit den Erinnerungen zu gehen pflegt, augenblicklich ein. (Sme Hoffnung knüpfte sich rasch daran. Nikolai Karin konnte ihr nützlich fein; er hielt sich vielleicht noch in Ems auf, oder kam gerade von dort und konnte ihr schätzenswerte Auskunft geben.
„Wo haben Sie Herrn von Karin gesehen, Paul?" fragte sie daher eilig.
„Er schlug soeben den Weg nach der Kastanienallee ein, Mademoiselle!"
Clarita nahm denselben Weg. Unter den prächtigen
Freitag dm 21. Februar.
wf
R. |
Ä
1902. — Nr. 28
imsM
Ms
'VÄVH
M
em in gewissen Situationen der Witz nicht ausgeht, der liefert damit den sichersten Beweis, daß er kein Gemüt hat.
Eduard von Hartmann.
Bäumen, in der schattigen Allee trafen die beiden richtig zusammen. Karin erfüllte das Wiederseheir mit wehmütiger Freude: er war natürlich der zumeist Ueberraschte, nimmer hätte er vermutet, Clarita um diese Stunde zu begegnen. Er war eben nur wieder zu dem Professor gekommen, um Erkundigungen über Feodor einzuziehen. Nach der ersten Begrüßung mit Clarita fragte er auch jetzt lebhaft nach jenem. Clarita gestand die augenblicklich große Aufregung ' des Kranken. „Wir haben eine wichtige Entdeckung gemacht, Herr von Karin!" sagte sie dabei rasch auf ihr Ziel steuernd. „Und dieserhalb bin ich soeben auf dem Wege nach Eins zu Ihrer Kaiserin. Vielleicht könnten Sie mir einen großen Freundschaftsdienst erweisen, indem Sie mir helfen, eine bereits nachgesuchte Audienz möglichst rasch, vielleicht heute noch zu erlangen?"
Karin versprach gern, dazu behilflich zu sein. Dies schien ihm sogar leicht; denn er befand sich zurzeit noch in Ems mit seinem alten Verwandten, General Romanzow, der zum Hofe in naher Beziehung stand.
Langsam schritten die beiden die in der Morgenfrühe stille Allee entlang, es war noch Zeit im Ueberfluß, der Zug noch gar nicht signalisiert. Clarita faßte einen raschen Entschluß. „Nikolai Pawlowitsch", sagte sie weich, „ich möchte ihnen meine Mission anvertrauen, und Ihren Rat hören. Ich gehe zur Zariza, um durch sie möglichst rasch die Befreiung eines unschuldig nach Sibirien Verbannten zu erlangen."
„Meinen Sie damit Alexis Ornatoff?"
„Ja!" Groß schlug sie dabei ihre schönen, seelenvollen Augen zu dem eifrigen Frager auf: „Ja, es ist Alexis Ornatoff, mein Gatte. Die Beweise für seine Schuldlosigkeit an dem ihm zugedachten Verbrechen sind in meiner Hand."
„Ihr Gatte?" Seine Stimine bebte: „Ihr Gatte —1 Alexis Ornatoff — verstehe ich Sie recht?"
„Gewiß; Sie sollen mich völlig verstehen. Ich vertraue Ihnen mein Geheimnis. Vor etwa drei Jahren sind Alexis Ornatoff und ich zu Santa-Cruce auf Teneriffa heimlich' getraut worden. Als seine Gattin kam ich nach Rußland, um den geliebten Verschollenen zu suchen."
Und nun erzählte sie mit geflügelten Worten ihre verhängnisvolle Geschichte bis zu der gestrigen Entdeckung von Wladimirs Brief, der erwies, daß der Unglückliche keinem Morde, sondern einem verhängnisvollen Ehrbegriff zum Opfer gefallen war.
Nikolai war tief erschüttert, aber er spannte alle Willenskraft an, seine Empfindungen zu beherrschen, und den Erklärungen Maritas aufmerksam zu folgen. Er durchschaute die Sachlage schnell. Finster fragte er endlich: „Und Wera — wußte sie um jenen verhängnisvollen; Brief?"
„Ja — sie hat ihn entdeckt."
„Wann?".


