Nr. 104
Mttttvoch den 16. Juli.
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Hulde und Traute liefen von einem Raum in den andern, bewunderten alles, trotzdem nichts als Oede, Leere Mitb dumpfe Luft sie umgab. Sie stritten um die Zimmer, Um die beabsichtigte Einrichtung und zogen Herrn Leh- migke lebhaft in" die Debatten, welcher Raum sich am besten als Eßzimmer, welcher als Wohnzimmer, als Arbeitsstuben und Schlasgemächer verwerten lasse.
„Die Veranda ist so hübsch, sie hat mir auf den ersten Blick gefallen", sagte Traute, „ich muß sie noch einmal in Augenschein nehmen. Komm, Hulde."
Aber Hulde lief gerade in das Nebenzimmer, um der Mutter beim Oeffnen eines Koffers zu helfen.
„Ja, die Veranda ist hübsch unter dem Nußbaum ist es innner schattig", erwiderte Paul Lehmigke, Traute folgend. Sie standen jetzt beide draußen in der dunklen Sommernacht, deren weicher, feuchter Atem ihnen erfrischend entgegenwehte nach der Schwüle der dumpfigen Zimmerluft.
Traute spähte neugierig umher, und Paul Lehmigke erklärte: „Dort ist der Kuhstall, d!a das Gesindehaus und so weiter.
Plötzlich schwieg er, und sein Auge blieb unbewußt bewundernd an Traute hängen. Sie hatte sich mit den Fingerspitzen leicht auf das Steingelände des Balkons gestützt, und den schlanken Körper etwas vorgeneigt, blickte sie hinaus, als sähe sie ganz etwas anderes als Ställe Und Hofgebäude. Sie atmete in vollen Zügen den Zauber der Nacht ein.
Sehen konnte sie fast nichts, da das Licht, das aus der Hausthür fiel, die Dunkelheit draußen noch schwärzer machte, aber diese Finsternis, hinter der sich eine noch fremde Welk, barg, hatte so viel Geheimnisvolles, Verheißendes.
In getragenen, feierlichen Akkorden, fast wie das Rauschen der See, durchzitterte ein donnerndes Brausen die Luft eintönig und gewaltig. Es kam wohl vom Wasserwehr an der großen Brücke, aber man konnte das Unendliche Meer wähnen, dort hinter den dunklen, unbestimmten Massen, die Baumgruppen und Dächer waren, aber ebenso gut Berge und Felsen sein konnten. Und dort auf der anderen Seite dehnte sich der ungeheure Wald, der sie von der übrigen Welt abschloß Und sie hier überall, tyo sie ging und stand, mit seiner großen, tiefen Einsamkeit Umgab.
Ein Schauer ging duchh! TrautenA Seele, Und' wie sie den schweren, feuchten Duft, der aus dem Garten herüberwehte und aus den massigen Blätterhaufen der Bäume
einatmete, wurde sie bleich, und ihre Augen größer.. Wunderbar hob sich ihr schönes, weiches Profil, auf das ein Lichtschein aus dem Fenster fiel, von dein rabenschwarzen Hintergrund ab, die reine, stolze Linie ihres leichL gebogenen Nackens mit dem hochgekämmten Hinterhaar und dem aufgesteckten Flechtenknoten. lieber ihrem Haupte! schwankten die blaßlilafarbenen Glocken einer Waldrebe, die sich, um 'den steinernen Seitenpfeiler der Veranda! schlang, und deren hellgrünes Laub fast weiß, im Lampenschein flimmerte.
An diesem schönerr Profil hingen Paul Lehmigkesi Blicke löte gebannt, als sich Traute, plötzlich mit einem leisen Frösteln aus ihrer Träumerei. auffahrend, ihm zuwandte.
„Wie gut, daß Sie da sind. Es wäre sonst so einsam!"
„Fürchten Sie diese Einsamkeit?"
„O nein — ja — das heißt nur zuerst. Werden Sitz nicht ein wenig hierbleiben?"
Sie sagte es ganz harmlos, nur aus dem dringenden Wunsche heraus, einen befreundeten Menschen um sich zu haben, bis die Fremde das Unheimliche verloren haben, würde.
„Ich kann vielleicht ein paar Tage bleiben — ich möchte gern sehen, wie Sie sich- erarbeiten — und — und — ob Sie es hier aushalten werden."
Menn seine Stimme den trockenen Geschäftston verlor, hatte sie eine seltsam weiche Klangfarbe.
„O gewiß daran ist kein Zweifel. Mir zuerst ist alles so fremd. Bitte, bleiben Sie, so lange Sie können."
„Wenn Sie mir versprechen wollen, kein Heimweh zUj bekommen."
„Ja — nein — ich. ivill — aber ich weiß nicht —"i
Sie lehnte gegen den Pfeiler mit dem zarten Geschlinge der Waldrebe und wandte das Haupt ein wenig zur Seite, als wolle sie seinem Blick ausweichen.
Er trat ihr ein ivenig näher und setzte sich rittlings aus das Gelände, sodaß er ihr gerade in das Gesicht sehen konnte. Er war noch blässer geworden.
„Traute, wollen Sie mir Vertrauen schenken? Sagen Sie mir, fangen Sie mit freiem Herzen das neue Leben hier an,oder haben Sie noch Fesseln aus der Vergangenheit, die Sie am Boden halten?"
Er sah die dunkle Glut der Scham in ihre Wangen steigen, und er fühlte ein leises Zittern durch ihren Körper gehen. „ , , ,
„Ich habe keine Fesseln mehr", sagte fte sehr leise, so leise, daß es nur tote ein Hauch von ihren Lippen
„Dann habe ich Hoffnung, daß alles gut gehen wird , erwiderte er, und es klang wie ein Frohlocken durch diese Worte. „Und nun lassen <&te uns von heute an gute Kameraden und Freunde sein, die in schweren Arbeitstagen treu


