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zum Hohn freudig herablächelten. Freude! In dem kalten, einsamen Elternhause hatte sie Freude nie erlebt, denn was fett ihrer Jugend in ihm geherrscht, war die Sucht nach dem Rubel, unter der alle anderen Regungen erstickt Waren. Fort von hier, nur fort von hier, das war der Gedanke, der bestrickend uckd lockend in ihr austauchte. Aber wohin? Nach Moskau? Zu ihrem Timitry? Ob er sie freundlich empfangen würde, sie, die Heimatlose, die ihm nichts als den Fluch der Eltern bieten konnte?
„Wenn ich ein Mann wäre, wre wollte ich arbeiten", seufzte sie.
Aber auch eine große Anzahl Frauen suchten und fanden in der Arbeit eine ehrenhafte und befriedigende Existenz. — Freilich, diese hatten etwas gelernt. Und was hatte sie gelernt? Gar nichts! mußte sie sich wahrheitsgemäß gestehen. Wie recht hatte Boris Mitrofanowitsch gehabt, als er jüngst das mangelhafte Wissen der jungen Tarnen beklagte. Das Versäumte nachzuholen, jetzt, in ihrem Mter, ging doch kaum an. Als sie das Buch über Elektrotechnik gelesen, war khr eist llar geworden, lvas exaktes Wissen heißt, hatte sie erst so recht empfunden, wie weit sie zurück war, und wie sie fremd einem Gebiete gegenüberstand, das jetzt weltbewegend geworden war. Wie auf diesem Gebiete, so war sie eine Fremde auf allen anderen. Stütze der Hausfrau, Gesellschafterin, zur Not Gouvernante bei Heinen Kindern, andere Stellungen wink- te*n ihr nicht. Und doch dünkte ihr eine solche bescheidene Thättgkeit hundertmal begehrenswerter als das goldene ©Habenleben im elterlichen Hause.
„Ja, nur fort, möglichst weit fort", flüsterte sie. Ihr Mick richtete sich sinnend auf den Heinen, zierlichen Schrank, der ihr Geschmeide barg.
Slls aus dem Nebenzimmer die Stimme der Schwester mahnte, das Lager aufzusuchen, fuhr Tattana empor und löschte seufzend die Lampe.
7.
Timitry Kalussoff befand sich feit mehreren Wochen wieder in Moskau. Zwischen ihm und seinem Bruder Jury hatten nach der Rückkehr von Kiew häßliche Nus- einandersetzungen stattgefunden, deren Ergebnis war, daß jeder bett andern mied. Die Möglichkeit, ohne Vorwissen des Bruders nach Belieben Eingriffe in den Warenbestand zu machen, war Dimitry vollständig genommen. _
Nichtsdestoweniger blieb die Lage des Geschäfts eine verzweifelte. Jury mußte sich gestehen, daß der Zusammenbruch, oa auf Hilfe nicht mehr zu rechnen war, am Tage der Regulierungen Mr Messe in Nischni unbedingt erfolgen mußte; seine ganze Sorge war jetzt darauf gerichtet, aus dem Schiffbruch so viel als möglich für seine Familie zu retten. Jrgenöwelch-e Benachteiligung der Interessen Ti- mitrhs hatte er sich nach allem, was vorhergegangen war, nicht vorzuwerfen, vielmehr betrachtete er die Beute, die er dem sinkenden Schiff entriß, als rechtmäßigen Entgelt Iür die bedeutenden Opfer, die ihm aus dem Leichtsinn ,es Bruders schon seit Jahren erwachsen waren.
Ganz im Gegensätze zu Jury gab sich Timitry wieder rosigen Hoffnungen hin. Wenn er so elegant und vornehm in seinem kostbaren Pelz hoch erhobenen Hauptes über die Twerskaja, die Hauptstraße Moskaus, dahin schritt, um im Klub §u speisen und lebhafte Unterhaltungen zu führen, oder wenn er im Theater von der Fremdenloge aus die Sterne des Ballets musterte und später noch nach Strelna hinausfuhr, um sich bis zum frühen Morgen an den wilden Tänzen und Gesängen der Zigeunerinnen zu erbauen, dann konnte er sich nicht vorstellen, daß dieses Leben einmal ein Ende nehmen müsse. „Pah, das Glück verläßt mich nicht, und die Chaneen sind noch nicht so ungünsttg", tröstete er sich bei etwa austauchenden Gedanken an die Unabwendbarkeit der Katastrophe.
Zu den Chaneen rechnete er noch immer den Akkumulator Popows und die Liebe Tatiana Godunows. Auch vergaß er nicht eine andere Chance, der er früher nur eine geringe Bedeutung beigemessen hatte, jene, die sich ihm un Spielsaale des Klubs bot. Es erging ihm, wie so vielen Senters, die ein Jongleur-Dasein führen: er begann, den Verdienst bei den Kurten zu suchen. —
Im Klub war ein großer Abend, denn der Fürst Trojanow, eine Koryphäe der Spieler- und Sportsiwelt, hatte sein Erscheinen angesagt. Die meisten Mitglieder des Hlubs waren zur Stelle, um an dem Spiel aktiven Anteil zu nehmen. Auch Timitry Kalussoff fehlte nicht.
obwohl seine Barschaft erheblich zuscrmmengeschmolzen war.
Ter Spieleifer, die Leidenschaft, die Sucht, zu gewinnen, leuchtete unheimlich aus allen Gesichtern und verzerrte manche von ihnen zu Grimassen. In fieberhafter Spannung harrte man der jedesmaligen Entscheidung. Unheimliche Sttlle herrschte, kaum daß ein Wort gesprochen wurde, und unhörbar schritt der vertraute Tiener über den dicken, schwellenden Teppich. Nur zuweilen ließ sich ein unwilliger Ausruf, ein Zischen der Erregung oder ein leiser Ruf der Ueberraschung vernehmen.
Es wurde Baccarat gespielt. Lanin und der Fürst hatten auf allgemeines Verlangen die Bank übernommen.
Timitry Kalussoff fröstelte, trotz der behaglichen Wärme, die in dem eleganten Raum herrschte, denn das Glück, das ihm anfänglich so hold gewesen war, schien ihn völlig, zu verlassen. Wütend knirschte er mit den Zähnen, und seine Hände befiel ein krampfhaftes Zittern. Schlag auf Schlag hatte er von dem Gewinn, der sich zu Anfang bei ihm angefammelt hatte, verloren. Und schon graute in den Saal durch die Spalten der Vorhänge der Morgen — eine stille Mahnung, das Spiel abziubrechen und heimwärts zu gehen.
Gerade standen in der Bank mehr als fünfz>ehntausend Rubel. Glühenden Auges blickte er nach den beiden Bankhaltern hin, deren Kaltblütigkeit schon längst dem Fieber der Aufregung gewichen war. Ta — was war das?! Er sah, wie der Fürst sich vorbeugte und in der Hitze des Gefechts die Karten zu früh aufdeckte.
(Sin Zug des Triumphes flog über Kalussoffs Gesicht.
„Sie haben mich der Möglichkeit beraubt, eine Karte hinzuzukaufen!" rief er in die Stille hinein, dem Fürsten zu.
Er hatte sechs und würde thatsüchlich nicht gekauft, also verloren haben, denn die Bankhalter hatten sieben.
Eine Pause entstand. Jeder war gespannt, was folgen werde.
„Verzeihen Sie", entgegnete höflich der Fürst, „es geschah ohne Ueberlegung, in der Erregung. Ihr Einspruch ist, wie ich leider gestehen muß, vollkommen begründet."
„Und ich bestehe auf meinem Rocht", kam e s kalt und schneidend von Kalussoffs Lippen. „Ter Fehler ist gemacht, und unter ihm M leiden können Sie mir nicht zumuten."
„Ten Pointeur zu benachteiligen, liegt mir durchaus fern", gab der Fürst in vornehmer Ruhe zurück, während sein Gesicht einen abweisenden Zug annahm, und ohne mit der Wimper zu zucken, schob er ihm die fünfzehn- tausend Rubel zu.
Mit einem Glücksgcsühl, als wäre ihm die höchste Seligkett zu teil getvorden, zog Kalussoff das Geld an sich.
Tas war ein sensationeller Fall. Tie Sttlle wich einer lauten Unterhaltung, man warf die Karten hin, debattierte mit leidenschaftlichem Eifer über das Geschehene, bezeichnete das Benehmen des Fürsten als außerordent- lilch fair und fand schließlich, nicht mehr die Ruhe, das Spiel fortzusetzen.
Timitry Kalussoff verließ den Klub mit gehobenen Gefühlen. Ter Glaube an sein unwandelbares Glück hatte eine neue Kräftigung erfahren. „Man darf nicht verzagen und die Hände nicht in den Schoß legen", dachte er. „Keck und unverfroren seine Rechte wahren, sich nicht verblüffen lassen, immer den Kops hoch, halten, auch wenn einem das Messer an der Kehle sitzt, führt allein zum Ziel."
Wie ein Feldherr, der eben eine Schlacht gewonnen hat und stolz den Erfolg genießt, schritt er dahin. Als ihm eine Bettlerin klagend die Hand entgegenstreckte, warf er ihr g roßmüttg einen Rubel zu, und als ihn ein alter Mann bittend ansah, reichte er ihm ohne Zaudern einen Trei-Rubelschein. Mitleidig schaute er aus die Männer und, Frauen, die schon in früher Morgenstunde zur Arbeit strömten. „Nun, sie sind es nicht besser gewöhnt", tröstete er sich. „Arbeit muß sein, das Getriebe darf nicht einrosten, und wer als Glied dieses Getriebes thättg ist, kann sich nur wohl fühlen, denn der Gedanke, beizutragen zu den Fortschritten der Kultur, ist geradezu beseligend."
Als er in seiner Wohnung angelangt war, fand er bereits die Morgenzeitungen vor. Gähnend und sich bequem auf einen Tivan streckend, begann er zu lesen. Unstät


