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flogen seine Augen über die Spalten, hier und da eine rnteressante Neuigkeit erhaschend und eine Pikanterie erspähend. Plötzlich prägte sich Ueberraschung in seinem Gesicht aus. Seine Züge wurden ernster, seine Stirn furchte sich, und über seine Lippen drangen Ausrufe der Mißbilligung und des Aergers.
„Ta haben wir die Geschichte", rief er zornig, während er die Zeitung hinwarf. „Um ein Haar wäre das ganze Lager in Flammen ausgegangen. Solch ein Leichtsinn! In der Panik sind zahlreiche Unglücksfälle Vvrgekommen. Glücklicherweise ist in der Liste der Verunglückten und Verletzten ihr Name nicht genannt."
Es durchrieselte ihn kalt, je mehr er über den Fall nachsann. Wie leicht hätte Tatiana der Katastrophe zum Opfer fallen können, und er wäre um eine Chance ärmer geworden — um seine Hauptchance in dem Kampfe um eine glänzende, sorgenlose, genußreiche Zukunft. Es erschien ihm geradezu lächerlich durch einen Bazar von dem Erreichen eines großen Zieles für immer abgedrängt zu werden.
Sein Gesicht erhellte sich wieder, als er an seinen Gewinn dachte. Tie Fünfzehntausend kamen ihm trefflich zu statten und machten ihn mit einem Schlage zum Herrn der Situation. Tas Verhältnis zu Popow hatte sich infolge der Ergebnislosigkeit der Reise nach Kiew und der Unmöglichkeit, die dreißigtausend Rubel bis zum festgesetzten Termin zu beschaffen, sehr verschlechtert. Sogar Milica Popow zeigte, obwohl sie den kostbaren Zobel in Gnaden entgegengenommen hatte, einen Anflug unangenehmer Kühle. Zwar war sein fester Wille gewesen, weitere Huldigungen zu unterlassen, aber in dem Wesen der schönen Pianistin lag doch ein prickelnder Reiz, der ihn unwiderstehlich fesselte und alle guten Vorsätze zum Wanken brachte. War sie abweisend gegen ihn, so fühlte er sich geärgert, verletzt, unzufrieden, und hielt er sich vor, daß ihm ihre Launen gleichgiltig sein könnten, da sein Herz doch Tatiana gehören müsse, so tröstete er sich über alle Gewissensbedenken mit der Versicherung hinweg, daß er ihr nur aus geschäftlichen Rücksichten in Bewunderung nahe und lediglich beabsichtige, ihren Bruder bei guter Stimnnmg zu erhalten.
„Tatiana kann unbesorgt sein", beruhigte er sich „sie Wird in mir den besten und solidesten Ehemann der Welt finden. Aber vorläufig muß ich klug, sehr klug verfahren, und dazu gehört, die Gunst der schönen Milica nicht zu verscherzen. Nichtig bedacht, ist auch nichts dabei, wenn ich vom gewöhnlichen Wege der Philister abweiche, denn die Freiheit des Individuums darf durch das Schablonisieren der Liebe nicht beschränkt werden."
Wohlgefällig schmunzelnd, strich er die Asche von seiner Papyvos. Er gähnte wieder und schaute träumerisch in die Rauchwolken.
„Was die schöne Milica für Augen machen und wie Popow strahlen wird, wenn ich mit den sünszehutausend Rubel heranrücke! Es ist ein Glück, daß wenigstens die Hälfte des Mammons vorhanden ist, um endlich! mit der Ausbeutung des Akkumulators beginnen zu können." — Nachdem Timitry Kalussoff einige Stunden geschlafen und alsdann sorgfältig Toilette gemacht hatte, setzte er sich beim brodelnden Ssamovar vergnügt in seinen Arbells- sessel und schrieb an Tatiana Godunow einen Bries, in dem er unter der Versicherung unwandelbarer Liebe und höchster Sorge um sofortige Auskunft über ihr Befinden bat. Tief ergriffen von dem furchtbaren Unglück müsse er darauf bestehen, daß sie in Zukunft solchen Veranstaltungen fernblerbe, sowohl in Rücksicht auf sich, als auch auf ihn, ihren zukünftigen Gatten.
Aufmerksam las er, während ein Lächeln der Beftiedi- gung seinen Mund umspielte, das Geschriebene durch, besonders eindringliche Stellen sorgsam unterstreichend.
Elastisch erhob er sich, um seine Wohnung zu verlassen. —
Ter Avril zeigte sich von der launenhaftesten Sefte: an Stelle des milden, hoffnungsreichen Frühlingswetters, unter dem die dichte Schneedecke zu schmelzeri begann und das Eis der Ströme bereits gebrochen war, hatte er wieder Frost und wildes. Flockengewirbel gesandt. Tie alle Zarenstadt schien sich in ein Gewand von schimmernder weißer Seide gekleidet zu haben, zu dein die mächtigenKnäufe und griechischen Kreuze der originell geformten Kuppeln »nd Türme der Kirchen einen reichen, prächtigen Gold-
schmuck bildeten. Es war ein Gemälde von bezaubernder Schönheit, zumal um die Mittagszeit, da die siegreich durch die grauen Wolken brechenden Strahlen der Sonne zuckende, flammende Aureolen um die Kreuze zauberten und die I Schneekrystalle wie Brillanten vom reinsten Wasser leuchten und funkeln ließen.
Auf der Twersja hatte sich ein Schlittenkorso entwickelt, in dem sich die feurigen, edlen Gespanne und die kostbaren Pelze in langer Folge an einander reihten. Sausend fuhr eine Troika nach der anderen unter dem Peitschenknall der langbärtigen Kutscher dahin, während von der Tuga die harmonisch gestimmten Geläute lustig in die Weite drangen. Langsam über den reinen, knirschenden Schnee schreitend, ließ Timitry Kalussoff seine Blicke vergnügt über das wechselvolle Getriebe schweifen. Mit graziöser Handbewegung und unter höflichem Lächeln winkte er zuweilen einen Gruß nach vorüber fahr end en Bekannten hinüber, und wie ein echter Sportman, der sich I für Rassepferde begeistert, blieb er wiederholt stehen, um mit Kennermiene ein besonders auffallendes Gespann zu mustern. Während einiger Sekunden überlegend in dis Sonne blinzelnd, schien ihm ein großer Entschluß gekommen zu sein, denn er trat in einen Blumenladen und wählte ein duftendes Arrangement von Rosen, Flieder und Orchideen aus, mit dem Auftrage, es sofort Mademoiselle Milica Popow in der Lubjanka zu überbringen. Sich selbst eine kleine Blüte in das Knopfloch des Rockes steckend, trat er wieder ins Freie, in der Absicht, zunächst im Sslaw- jansky Basar das Frühstück einzunehmen und alsdann zu Popows hinaufzugehen.
Als er eben die Dwerskaja verlassen wollte, sah er, daß Glinkas Gespann heranbrauste.
„Famose Pferde", murmelte er bewundernd, und behaglich blieb er stehen, um Glinka mit der Hand einen Gruß zu senden. Als der Schlitten näher gekommen war, bemerkte er, daß in ihm kein Herr, sondern eine Dame saß. Er beugte den Kopf vor, um besser sehen zu können.
„Milica Popow", rief er überrascht.
Auch sie hatte ihn erblickt und mit freundlichem Neigen des Hauptes und lächelnder Miene seinen Gruß erwidert.
Wütend und mit einer Verwünschung auf den Lippen schaute er dem schnell dahinjagenden Gespann nach!; das bald seinen Augen entschwunden war.
„In seinem Schlitten und in meinem Zobel", grollte er, während er weiter schritt. „Sie erweist sich sehr talentvoll und von überraschender Wandlungsfähigkeit. Vor wenigen Wochen war ich so einfältig, Glinka bei ihnen einzuführen, und heute benutzt sie schon seine Troika."
Tas Frühstück im Sslawjansky Basar wollte ihm durchaus nicht schmecken und der K'ellner, der ihn bediente, brachte ihn in Zorn.
„Wenn die Geschichte mll dem Akkumulator nicht wäre", dachte er, „würde ich der ganzen Gesellschaft den Laufpaß geben. Sich mit ihnen einzulassen, erfordert dis äußerste Vorsicht, und nur u iter diesem Gesichtspunkte werde ich das Geschäft mit Popow zum Abschluß bringen."
Und doch fühlte er, daß der Gleichmut, den er anzunehmen versuchte, kein wirklicher, sondern nur ein gekünstelter war. Es peinigte ihn, daß er, Timitty Kalussoff, einer der Chefs des Großhauses „Gebrüder Kalussoff", vor Glinka die Segel streichen sollte. Und mit dem Ehrgeiz, den Namen des Unwiderstehlichen beizubehalten, paarte sich auch die Eifersucht. Ganz leise hatte sie ihn umkrallt, wiewohl er sich ihrer spottend zu erwehren suchte. Seine Leidenschaft für Milica war doch stärker, als er geglaubt hatte, und nicht mehr zu bekämpfen.
Er fand Ilja Popow in übler Laune, die sich aber sofort Härte, als er von dem Zweck seines Kommens sprach.
„Es war die höchste Zeit", rief der Erfinder hoch erfreut, „denn sonst, lieber Timitry Akimowitsch hätte ich zu meinem Bedauern einen anderen Geldmann heranziehen müssen. Für die Verwertung guter Patente findet sich! ja auch mit Leichtigkeit ein Kapitalist, der die erforderlichen Rubel hergiebt. Erfreulicherweise kann ich eine günstige Mitteilung machen: das Patent auf den Akkumulator ist soeben eingetroffen. Unserer Verabredung,


