Montag den 15. Dezember.
Nr. 186.
1902.
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(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
In seinen Zügen prägte sich Ueberraschung aus. Er schüttelte abwehrend den Kopf und wollte antworten, aber bk. Schmerzen übermannten ihn; vor seinen Augen wurde es dunkel, und er lief; das Haupt sinken.
Wenige Minuten später lag Boris Mitrofanowitsch auf einer Bahre; kräftige Hände trugen ihn zu einem Krankenwagen, der sich mit dem Bewußtlosen vorsichtig nach Jefim Godunows Hause in Bewegung setzte.
Bor dem Theater spielten sich inmitten der VolkS- massen bewegte Szenen ab. Tie Kunde von dem Unglück hatte sich im Flnge durch die Stadt verbreitet. Wer Angehörige im Bazar hatte, stürzte in namenloser Angst herbei. Auch Jefim war in seinem Schlitten herbeigerast. Wortlos zog er seine Kinder aus dem Gedränge. Erst als er mit ihnen davonfuhr, vermochte er ein „Gott sei Tank" hervorzustoßen.
Sie sausten an dem langsam dahinfahrenden Krankenwagen vorüber; Tatiana wies mit der Hand auf ihn.
„Ter Wagen fährt zu uns", rief sie aufgeregt. „Boris Mitrofanowitsch Lyschnin, unser. Retter, der schwere Brandwunden davongetvagen hat, wird in unser Haus gebracht!"
,^Lyschnin, der Rheder aus Odessa?" fragte Jefim mechanisch, denn von der Angst über die Gefahr, in der seine Töchter geschwebt, war er noch halb betäubt.
„Ja, eben der, von dem Sie uns jüngst erzählt haben. Sie haben Recht, Papa, — er ist ein ganzer Mann! Er allein behielt den KVpf oben, während die übrige Gesellschaft wie feige Hasen davon lief."
Als Jefim schwieg, fuhr sie lauter und eindringlicher fort: ,Hören Sie, Papa? Ich Habe angeordnet, daß Lyschnin zu uns gebracht wird, da er in Kiew kein Heim besitzt und ihm die ganze Kajüte eines Tampfers unter den gegenwärtigen Umstünden keine geeignete Unterkunft Mietet."
„Er soll zu uns gebracht werden?" fragte Jefim, als begriffe er erst jetzt, um was es sich handelte.
„Ja, Papa! Ihn aufzunehmen, ihn, der für uns sein Leben gewagt und Schmerzen leidet, ist doch Christenpflicht!" Ihre Stimme vibrierte in Begeisterung, und über rhr Gesicht stog ein freudiger Schimmer.
„Aber Kind", kam es mit sanftem Borwurfe von JesimZ Lippen, „ich begreife nicht Seine Unklugheit. Einen Schwerkranken ins Haus zu nehmen, kann niemand verlangen. Gewiß verpflichtet uns seine That, falls sie sich so verhält, wie Tu erzählst, zu tiefem Danke, aber uns den größten Unbequemlichkeiten und sogar dem Gerede
der Leute auszusetzen, geht nicht an. Unmöglich! Er muß in die Klinik!" Und Jefim Godunow hieß den Kutscher halten, um den herankommenden Krankenwagen abzuwarten.
„Vater", entfuhr es Tatiana in einem Tone, der Zweifel und Schmerz zu erkennen gab, „das kann nicht Ihr Ernst sein!"
„Gewiß ist es mein Ernst", lautete die kühle Antwort. „In solchen Fällen entscheiden nicht romanhafte Ideen, sondern die praktische Vernunft. In der Klimt wird es Lyschnin hundertmal besser, als in unserem Hause haben, denn ihre großartigen Einrichtungen ermöglichen eine Behandlung und Pflege, wie wir sie gar nicht bieten können. Ich bin überzeugt, er wird uns noch danken, daß wir ihn dorthin gebracht haben."
Sie sprach kein Wort mehr. Ihre Augen, ints denen langsam schwere Thränen rollten, sahen den Vater groß und kalt an, und ihr Herz errichtete zwischen ihr und ihm eine Scheidewand.
Als der Krankenwagen in Sicht kam und Jefim zum Schlitten hinaussprang, um Anweisung zu geben, den Verletzten zur Klinik zu fahren, wäre fie dem Vater am Liebsten nachgestürzt und abwehrend entgegengetreten. Aber ihr blieb nur übrig, den Mann, der sich so edelmütig, that- kräftig und entschlossen erwiesen, in der Stille des Herzens tausendmal um Verzechung zu bitten.
Sie sah, wie der Wagen wendete. Ihr dünkte in diesem Augenblick, daß sie jemanden, der kraftvoll M schützen und zu schirmen vermochte, für immer verloren habe. Ein tiefes Leid erfaßte sie, aber als der Vater zurückgekehrt war, schüttelte sie in wieder erwachender Energie alle weichen Regungen ab, und aus ihrem Blick drang ein Strahl so verdammend, daß Jefim die Augen nieder- schlug und schwieg.
Gleichgrltig und apathisch ließ sie zu Hause die Freudenergüsse der Mutter über sich ergehen, und erleichtert atmete sie erst auf, als sie sich in ihrem Zimmer befand und ihren Gedanken ungestört nachzu- gehen vermochte.
Also solcher Art war ihr Vater! Nackter Egoismus war die Triebfeder seines Handelns, und die Regungen der Dankbarkeit waren ihm ftemd. Das war der Vater, der ihr vor wenigen Tagen zugerufen hatte, daß wirklicher Fortschritt nur sei, wenn die Menschen immer mehr das Gebot der Schrift beachten: „Siebet euch untereinander." Was sein Mnud gesprochen, straften feine, Handlungen Lüge. Alle jene schi-neu Gedanken von Nächstenliebe, von der gegenseitigen Hilfe in den Kämpfen und Nöten des Lebens, von dem Zusammengehen der Menschen zur gegenseitigen Förderung, an denen sie sich so gern erbaut hatte, zerrannen ihr in ein graues, trübes Nichts.
Sie hatte sonst immer lindernde Thränen gehabt, aber jetzt waren sie versiegt. Tüster blickte sie in die Flamme der Lampe, von deren Schirm die lustigen Amoretten wie


