Ausgabe 
8.2.1902
 
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Meinetwegen, wenn der Röse ihr Verstand dabei aus den Fugen geht, leimt ihn der Vater wieder zusammen. Ich versteh nur mit Hammer und Riemen zu flicken, jeder nach seiner Hantierung."

Die Handbewegung dazu wäre schon deutlich genug ge=- wesen, daß er aber dabei auch noch mit einem! Stuck Leder, auf die Zuschneidetafel knallte, damit man die Handbeweg­ung nur auch ja höre, das trieb Riekchen berg' Blut ins! Gesicht. Jetzt lachten da drüben gewiß 26 Lippen! Hastig legte sie die Schuhblätter, die sre drüben an ihrer Ma­schine eingefaßt hatte, neben das Leder und hastig lief sie wieder hinaus. Keinen Blick hatte sie dabei für die 26 Augen der Werkstatt, obwohl sonst der Altgeselle zum min­desten einen besonderen höflich kühlen Gruß erhielt. Und der Altgeselle verdiente jenen besonderen Gruß, denn er war des Meisters rechte Hand.

Wenn man keinen Sohn hat, sondern nur ein windiges Mädel, muß man fiel), seinen Gesellen ordentlich! ranziehen, damit er fürs Geschäft denkt und nicht dagegen", sagte der Meister, wenn seine Frau von Verwöhnung sprach.

Zweimal hatten die Auserlesenen denn auch die Ver­wöhnung nicht vertragen, der dritte aber, der Merten Franz, dem schien sie anzuschlagen. Der dachte in des Meisters Tasche, der arbeitete zu des Meisters Ehre, der kränkte sich bis ins Inwendigste, wenn eine Dummheit aus der Werkstatt hinaus kam in die Welt.

Un das is das Wahre, Mutter, so einer is echt, so bin ich auch gewesen."

Diesmal war auch Mutter Klengel einverstanden mit dem Auserwählten. Bescheiden, höflich!, ein hübscher Mensch wir Frauen wollen doch auch! was fürs Auge^ und standfest, wenn ihm der lebhafte Meister mal Unrecht that. Kein Maulen, kein Trotzen, kein Widersprechen aber stand­fest, und da das die Meisterin selber durchaus nicht fertig kriegte, hielt sie um dieser Standfestigkeit willen den Merten Franz für einen Helden, und die Mitgesellen hielten ihn auch dafür.

Nur Riekchen erkannte des Altgesellen Vorzüge nicht an nein, durchaus nicht- Riekchen ärgerte sich sogar über ihn; am allermeisten, wenn er stramm vor ihr stand und ihr in aller Höflichkeit eine etwas wellenförmig geratene Ein-, saßnaht wiederbrachte.

Sie ärgerte sich auch!, wenn er Sonntags beim Vater saß und sich von dessen Lehr- und Wanderjahren erzählen ließ. Das war doch nur Liebedienerei! Er hätte ebenso gut mit dem jungen Volk Kahn fahren können.

Und sie ärgerte sich, wenn er den jungen Damen gar so sorgfältig Maß nahm. Sie saßen dann in der Wohn­stube, wo Riekchen von der Maschine aus zusehen konnte, und schwatzten mit Klengels hübschem Altgesellen, als ob der nichts weiter zu thun hätte.

Anfangs hatte sie ein paar Mal gegen den Merten geredet, da war der Vaterdem Gickgack, das nichts ver­stand", aber allemal derb über den Mund gefahren, so ließ sie es sein und gab ihm, mit ein wenig Spott gewürzt, die schuldigen Redensarten.

Heute aber nicht, nein, heute war sie so böse auf ihn, als sei er ganz allein schuld daran, daß sie nicht auf djen Maskenball durfte.

Als sie fort war, wollte der Meister ihre Schuhblätter austeilen, ciber da flog gleich ein: I Du verwetterteA Mädel! durch die Werkstatt. Erschrocken sprang der Alt­geselle auf und eilte hinter die Dapetenwand.

Ein, zwei, drei Stück ungenäht! Das kommt von Maskengedanken. Jetzt will ich ihr gleich mal den Marsch machen."

Meister, ich könnte ja!" fragte Merten Franz sehr rasch.Sie haben's doch! so eilig mit dem Zuschneiden!"

Meister Klengel sah das ein; er schob dem Altgesellen die ungenähten Blätter in die Hände.Wer den Marsch machen!" rief er noch mal, dann war der Wgeselle draußen.

Bor der Wohnstubenthür holte er noch einmal tief Atem, dann klinkte er leise auf und trat ein.

Drin war Riekchen, sie drückte den Kopf in die Arnre, die Arme aus die Maschine, schluchzte, hörte und sah! nicht, und dachte noch weniger ans Arbeiten. Die Einladungs­karte mit Goldschnitt und Kasper lag auf der Erde, aus der Küche nebenan kam kein Ton, Mutter und Magd waren im Waschhaus,: dem Altgesellen war unbehaglich zu Mute.

Er räusperte sich, aber wußte nicht, ob' Riekchen das vor Schluchzen hören konnte.

Er starrte in ihre Zöpfe hinein, die dick um den Kops lagen, und dann auf das Stückchen Halsj das aus der Bluse schaute, und von den eigensinnig krausen Zankhaaren verschüttet wurde.

Na, ja", sagte er endlich und legte die ungenähtenl Schäfte auf die Maschine. Da fuhr Riekchen auf, blitzte ihn aus den braunen Augen an und ärgerte sich über ihn, wie sie sich überhaupt noch nie geärgert hatte. Mußte er auch sehen, daß sie weinte." Mußte er immer alles hören und sehen, was sie kränkte? Und dann natürlich spotten? Gar nicht mehr schön war's zu Hause, seitdem der Altgeselle da war.

Da", sagte Franz Merten,da sind drei ungenäht« Schäfte, und den Marsch! wollte der Meister Ihnen machen, von wegen der Vergeßlichkeit. Und und ja, aber Fräulein Riekchen, geht Ihnen der verflixte Maskenball denn gar so nahe?"

Dabei machte er sein gutmütiges Gesicht, hob die Karte vom Boden auf und sah Riekchen treuherzig in die blitzen­den Augen. Das war aber natürlich nur Spott und Ver­stellung. Riekchens Finger zitterten, und die Lippen zitterten auch, aber sie sagte kurz ab:Gar uichls geht mir nahe, und wenn schon mal, so hat Sie das nicht zu kümmern."

Schnapp ab.

So", sagte der Altgeselle,da weiß ich,'s ja, guten! Morgen."

Stramm und standfest ging er in die Werkstatt zurück, ohne sich noch> einmal umzuschauen, und als Riekchen später die Schäfte hinüberbrachte, grüßten sie nur 24 Augen, Merten Franz hielt die seinen gesenkt, so lange des Meisters! Tochter in Sicht war.

Duckmäuser, Brummbär, Trotzkopf", sagte Riekchen vor sich hin, während sie am Herde stand; Brummbär, Trotz- kopf, Duckmäuser", sagte sie abends vorm Einschlafen; denn er hatte sie weder über Mittag noch beim Abendbrot an­geschaut.

Gesehen hatte er sie aber doch. Hatte gesehen, wie der Studiosus der Medizin, der die Einladung geschickt hatte, sich seinen Dank holen wollte, und statt dessen einen weh­mütigen Verzicht zu hören bekam. Hatte gesehen, wie in der Dämmerstunde Nachbars Röschen ans Thor kam und ein großes Getuschel begann. Ja, da hatte er sogar etwas gehört. Brocken nur, aber leidige Brocken:Abscheulich!- keit! Mißgunst! Alterseigensinn!" Das mußte doch wohl auf.den Meister gehen.Nur einmal jung im Leben Jugend ist keine Sünde lustig sind auch ehrbare Leute" das klang wie die Rederei der Schlange im Paradies.

Franz Merten war unruhig, verstimmt und unachtsam, er wußte selber nicht, warum. Am Abend aber vorm Ein­schlafen sagte er aus einmal vor sich! hin:Das ver- wetterte Mädel! jetzt heißt's aufpassen." Da wußte er's: Das Mädel war schuld, heute und gestern, wenn ihm heiß war und wenn ihm kalt wurde, immer das Mädel. Es konnte ihm die ganze gute Stelle verleiden.

Aber er paßte aus. Er sah, daß die beiden Studenten von drüben mit merkwürdig schlauem Lächeln zu dem Fenster herein grüßten, wo die Maschine stand, und er sah das Getuschel nut Nachbars Röschen, das von Tag zu Tag länger anhielt.

Ein schwarzer Verdacht stieg in des Altgesellen Seele auf, aber er schalt sich selber aus. Ihr so was zutrauen? Niemals! Heimlichkeiten mit windigen Studenten? Das Riekchen? Und wo's der Vater verboten hatte! Ja eben, daß es der Vater verboten hatte! Als ob einem das nicht gerade Appetit machte, wie Sens vor der Mahl­zeit.

Wer er traute ihr's doch nicht zu, er verbot sich ge­radezu, acht auf sie zu geben, und gehorchte diesem Ver­bot, bis für den Tag des Maskenfestes die Einladung einer Muhme kam: zum Spinnen und Pfannkuchen pro­bieren.

Die Muhme lud manchmal ein, dabei war nichts zu verwundern, und die Einladung wurde angenommen. Als aber der Altgeselle das Riekchen fragend ansah, wurde das so blutrot, daß eine andere Frage gar nicht mehr! nötig war. ... .

Er wußte sein Teil und sah nicht mehr nut emtzM