Ausgabe 
23.2.1901
 
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Ich konnte nicht essen; auch mürbe mir ber Aufenthalt irr ber Kajüte unerträglich. Ich mußte an Deck gehen unb wäre es nur auf eine Minute, um mich umzuschauen. Mit vieler Mühe unb in steter Gefahr, sowie ich mich losließ, an bie Wanb geschleudert zu werben, gelang es mir, meine Kammer wieder zu erreichen. Ich hüllte mich in einen dicken Regenmantel, zog bie Kapuze über bett Kopf, tappte bis an bie Kajütentreppe unb stieg bis zur Höhe der Luke empor. Oben angelangt, konnte ich im Schutz ber Kapp und dem Winde den Rücken kehrend, bie See in Lee überblicken. Es war ein schauerliches unb wildes Schauspiel, das unser kleines Schiff in dieser dunkeln, heulenden, stürmischen Nacht darbot.

er mit wunderbarer Geschick-

Habe ja gemacht, er ganz anhören daß ich

ja ängstlich werden."

Ich kann das sehr wohl verstehen", versetzte er.Hier dies Stück Fleisch und nimm einen kleinen Schluck zu

trinken."

O, wie das Schiff stampft, Richard! Ich niemals auf eine besondere Tapferkeit Anspruch Selbst mein Vater würde nervös werden, wenn allein hier unten sitzen, und dieses Konzert mit

Fuß im Grabe steht?"

Er fing an zu lachen.Ei, Jeß, das geht durchaus nicht. Wo ist Deine Begeisterung für bie See geblieben? Komm, fünf Minuten habe ich allenfalls Zeit. Ich will doch sehen, wenn ich ein paar Bissen nehme, ob Du nicht meinem Beispiel folgen wirst."

Er schlang den Arm um meine Taille, hob mich in die Höhe unb im nächsten Augenblick hatte er mich schon neben sich an ben Kajütentisch gesetzt.

Jeß", sagte er, indem er mit wunderbarer Geschick­lichkeit immer ben richtigen Zeitpunkt abpaßte und sich mit ider größten Leichtigkeit alles, was er wollte, von dem Schwingebrett nahm,aus so einem Sturm mußt Du Dir nichts machen. Wir sitzen hier doch nicht in einem alten Siebe, sondern in einem so wackeren, kleinen Kahn, wie nur je einer auf See geschwommen hat."

Es ist die Einsamkeit, und dabei muß ich das ^racEien und Knarren anhören, und wenn ich dann noch an jenen denke" ich deutete auf Herons Kammerso muß ich

müßte."

Ich wollte ihn nicht gern merken lassen, Angst hätte, sah aber auch wohl ein, daß es sehr albern sein würde, wenn ich ihm durchaus einreben wollte, daß ich ganz ruhig sei.

Dunkle Wasserberge rollten dahin, umspielt von flam­menden Feuerzungen, und wenn zuweilen ber Kamm einer riesenhaften See sich überschlug, stieg und fiel bie baburch entftanbene Schaumfläche auf den bahinjagenden Wogen, als ob sie mit brennenbem Terpentin begossen wären. Die Bark lag unter Top unb Takel, machte also keine Fahrt. Jebesmäl wenn eine See heranrollte, stürzte sie mit solcher Wucht in bie brausende Tiefe hinab, baß sich kolossale Schaummassen über ber bavoneilenben Woge ausbreiteten. Das flimmernbe Licht dieser schneeigen Massen vermischte sich mit dem höllischen Phosphorgefunkel ber See. In diesem Scheine hoben sich bie Umrisse des Schiffes klar hervor unb würben bis zu ben Fockrüsten sichtbar.

Aus ber Dunkelheit kam eine Gestalt auf mich zuge­glitten. Es war mein Mann, ber sich in ber Bucht eines Taues zu mir herabfierte. In ber Finsternis konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, obgleich er dicht neben mir stand. Was thust Du hier, Jessie?" fragte er.Du solltest unten bleiben. Hier ist nichts zu sehen, unb Du kannst leicht über Bord gespült werden."

Ich stieg einige Stufen weiter hinab, um ihm in der Kapp Platz zu machen, da er draußen meine Antwort nicht gehört haben würde.

Ich mag in solcher Nacht nicht allein da unten sein", meinte ich.Wenn wir einmal untergehen sollen, so will ich wenigstens nicht wie eine Ratte in ber Kajüte ertränkt werben."

Untergehen! Unsinn!" rief er lächelnd.Die Bark hält sich ganz vorzüglich,"

Weshalb kamst Du denn nicht zum Abendbrot?" fragte ich.

Weil ich nicht von Deck gehen will. Hast Du schon gegessen?"

Nein! Wie kann man essen, wenn man mit einem

Wenn Du Dein Abendbrot gegesssen hast", sagte er, mußt Du ruhig zu Bette gehen, und morgen früh, wenn Du aufwachst, scheint die Sonne und der ganze Sturm ist vorüber. Einen Kuß, Jeß, so!In einer halben Stunde komme ich einmal wieder herunter unb hoffe. Dich bann gut zugebeckt vorzufinben im Laube ber Träume, wo es keine Stürme giebt."

Ich gehorchte ihm, obgleich ich keine befonbere Lust verspürte, mich wieder zu legen. Lieber wäre ich die ganze Nacht aufgeblieben, indessen sah ich ein, daß Richard mich wohl nicht aufgefordert hätte, zu Bette zu gehen, wenn unsere Sage wirklich so gefahrvoll gewesen wäre, wie es mir schien. Das unb der ermutigende Einfluß seiner Unterhaltung hielten mich aufrecht.

Ich hätte allerdings todmüde fein müssen, um bei dem betäubenden Geräusch in meiner Kammer gleich einzu­schlafen. An das alltägliche Geräusch hatte ich mich bereits gewöhnt, und das störte mich auch nicht mehr. Dies war jedoch ein Aufruhr, wie ich ihn bis dahin in der Aurora" noch nicht gehört hatte.

Wie lange ich wach lag, weiß ich nicht; jedenfalls ein paar Stunden. Trotz seines Versprechens erschien mein Mann nicht wieder in der Kammer. Ich verfiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem ich alle Augenblicke auffuhr, um ängstlich den schrecklich en Tönen ringsumher zu lauschen, bis ich endlich fest einschlummerte und, soviel ich mich erinnere, nicht eher wieder erwachte, als am nächsten Morgen kurz vor neun Uhr.

Zwanzigstes Kapitel.

Untergang derAurora".

Der Sturm hatte sich gebrochen. Aber immer noch fah ber Himmel düster und trübselig aus, und es lief eine gewaltige See. Das Schiff war vor den Wind gebracht, und lenzte nun, mit dem Sturm etwas seitwärts achterlich, unter dicht gerefften Marssegeln unb gereffter Fock. Den ganzen Tag und bie folgende Nacht flog bie _Aurora" vor bem Sturme bahin, und wir legten in diesen vier­undzwanzig Stunden eine schöne Strecke zurück.

Ungefähr um zehn Uhr am folgenden Vormittag flaute ber Wind schnell bis zur völligen Stille ab; gegen zwei Uhr nachmittags erhob sich aber aber schon wieder ein leichtes, östliches Lüftchen. Es wurde allmählich stärker und ging nach Nordost herum, und nach einer Stunde hatten wir den Passat stark querein.

Es wurden jetzt Royals und ein Voroberleesegel bei» gesetzt, und die Bark flog dahin, etwas zur Seite geneigt, doch mit völlig trockenem Deck. Der heiße goldene Sonnen­schein funkelte und strahlte in ben blanken Masten, unb bem Glas und Messing ber Deckeinrichtung. Das schaum­bedeckte Kielwasser schoß unter dem Heck hervor, unb tanzte in schneeweißer Linie über einer See dahin, bie eine ebenso schöne und glänzende blaue Farbe hatte wie ber Himmel, an bem bie lammweißen Passatwölkchen entlang zogen.

Wenn sonst bei uns an Bord aUes in Ordnung gewesen wäre, über das Wetter brauchten wir uns bis dahin nicht zu beklagen. Der Orkan war ja allerdings furchtbar ge­wesen; aber er hatte uns nichts geschadet. Im Gegenteil, ber darauffolgende Sturm hatte uns unmittelbar in ben Passat hineingeweht. Wir machten vorzügliche Fahrt, und Richard redete davon, daß wir Sierra Leone anfangs März prrpiffiipTt hriirbPH

Aber nicht nur das Betragen der Leute, auch ber Umstand, daß ber Steuermann in seiner Kammer gefangen saß, verdüsterte unsere Stimmung so, daß auch- günstige Winde unb schnelles Segeln dieselbe nicht zu heben ber- mochten. Ich rede hier besonders von mir selber. Ich konnte in der Kajüte niemals ruhig fein, weder allein noch in Richards Gesellschaft. Wenn ich je aufgelegt war zu lachen, unterdrückte id; diese Anwandlung stets, da ich sofort daran dachte, daß der Steuermann in feiner Kammer säße und es hören könnte. Es war ein fortwähren­der Zwang. Wir mußten uns leise mit einander unter­halten, unb bie Annahme, daß Heron jedes Wort hören könnte, wirkte so lähmend auf meinen Mann, daß ich oft bemerkte, wie er etwas zu mir sagen wollte, dann inne hielt, und es sich erst noch einmal überlegte, ehe er sprach

Einige Tage vergingen, und der Norbpafsat verließ uns,