1901. —- W. 176.
Sonnlag den 8. Dezember.
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it jedem Hauch cuiflieht ein Tci! des Lebens; Nichts beut Ersatz für das, was du verloren, Drum suche früh ein würdig Ziel des Strebens. Es ist nicht deine Schuld, daß du geboren.
Doch deine Schuld, wenn du gelebt vergebens.
Fr. Badenstedt.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold O r t m a n n.
(Fortsetzung.)
„Verzeihen Sie, wenn ich mich ungeschickt ausgedrückt habe. Aber schon die Rücksicht ans die peinliche Lage, in der ich mich befinde, sollte die Bedenken besiegen, welche Sie allem Anscheine nach an einer freimütigen Aussprache verhindern. Sie wissen, daß meine Braut unser Haus unmittelbar vor der Hochzeit, und ohne jede Angabe von Gründen verlassen hat, daß ich ihren gegenwärtigen Aufenthalt nicht kenne, und nicht ahne, welcher Art die ersten Nachrichten sein werden, die ich von ihr erhalte. Ich will nicht von meinem eigenen Seelenzustande sprechen; denn es ist nicht Ihr Mitleid, an das ich apelliere. Aber Sie bedenken vielleicht nicht, daß hier die Ehre einer ganzen Familie, und vor allein die Ehre der Entflohenen selbst der Vernichtung durch alle boshaften Lästerzungen der Stadt preisgegeben sind. Mir fällt die Pflicht zu, : sie zu verteidigen, und ich bin zu jedem Kampfe bereit, den ich nicht auf Kosten meiner Selbstachtung führen müßte. Andeutungen und Verdächtigungen aber, wie es die Ihrigen sind, müssen mich von vornherein zweifelhaft machen, ob ich mich überhaupt noch! zum Schützer von Felicia Rubarth's Ehre machen darf. Sicherlich wäre es Ihr gutes Recht gewesen, gänzlich zu schweigen; aber Ihr eigenes Gewissen mag Ihnen Antwort geben auf die Frage, ob Sie berechtigt sind, mich auch jetzt noch in dieser durch Sie selbst hervorgerufenen Ungewißheit zu lassen."
'Sier Assessor hatte vollkommen höflich, doch mit Nachdruck und tiefem Ernst gesprochen. Sicherlich hatte er eine andere Wirkung seiner Worte erwartet, als sie sich in Doktor Hermann Müllers Entgegnung offenbarte; denn schon bei dem ersten Satze dieser Erwiderung stand er auf, um eine sehr gemessene Haltung anzunehmen.
„Ich kann nur wiederholen, was Sie bereits gehört haben", sagte der Arzt, „die auffallende Aehnlichkeit des Bildes, das ich auf dem Schreibtisch Ihres Vaters fand, mit einer itttt bekannten Dame machte mich betroffen, und ich habe mich, wie es scheint, nicht hinlänglich beherrscht, um diese Betroffenheit vor den Augen des Fräuleins Ignatius zu verbergen. Ich war in jenem Augenblick über
zeugt, wirklich ein Portrait meiner — meiner Bekannten in den Händen zu halten; aber die Mitteilung, daß das Original der Photographie Ihre Braut sei, machte mich wieder in so hohem Maße unsicher, daß ich einen bloßen Zufall jetzt für ebenso wahrscheinlich halte, als er mir wünschenswert wäre. Volle Gewißheit freilich könnte mir nur eine persönliche Begegnung mit Fräulein Rubarth geben, und bis zu dem Augenblick, wo diese erfolgt sein wird, müssen Sie sich eben mit meiner jetzigen Erklärung begnügen."
„Und Sie wollen mir den Namen jener angeblichen Doppelgängerin nicht nennen, wollen mir nicht sagen, wo und unter welchen Umständen Sie sie kennen gelernt haben?"
„Das eben ist es ja, was ich Ihnen nicht sagen kann. Und Sie dürfen mir glauben, Herr Assessor, daß ich die allertriftigsten Gründe dafür habe."
„Es muß ivohl so sein. Entschuldigen Sie also, daß ich Sie belästigt habe. Die Wahrheit wird ja, wie ich hoffe, auch ohne Ihre Mitwirkung zu ermitteln sein."
Eisig kalt, und mit einer gewissen Schärfe hatte Herbert diese Worte gesprochen. Er verbeugte sich leicht, und ging, ohne dem Arzte die Hand zu reichen, zur Thür. Merklich unwillig wandte er den Kopf, als Hermann Müller ihn zurückhielt.
„Gestatten Sie mir noch eure Bitte, Herr Assessor! Es war selbstverständlich, daß ich Ihrem Herrn Vater gestern abend den ersten Beistand leistete. Aber ich habe nicht den Wunsch, störend in die Praxis meiner hiesigen Kollegen einzugreifen, zuinal da sich meine Thätigkeit ja in einer ganz' anderen Richtung bewegen soll. Sie würden mich also zu Dank verpflichten, wenn Sie die weitere Behandlung des Patienten in die Hände desjenigen Arztes legten, den Sie sonst zu Rate zu ziehen pflegen."
„Das heißt, Sie möchten der Notwendigkeit überhoben sein, noch einmal zu uns zu kommen?"
„Wenn Sie dieser Erklärung vor der meinigen den Vorzug geben wollen, so habe ich keinen Anlaß, Ihnen zu widersprechen."
Der Assessor verbeugte sich noch einmal.
„Ich iverde nach Ihrem Wunsche Verfahren,. Herr Doktor! Hoffentlich befindet sich irtetit Vater bald in der Lage, Ihnen hier in eigener Person für die geleistete Hilfe zu danken. Er wird dazu jedenfalls besser imstande sein, als ich es in diesem Augenblick vermöchte."
Die Thür fiel hinter ihm zu, und Hermann Müller klingelte nach dem Diener, der ihm fein Morgenbad fyen richten sollte. Der treuherzige, flachsblonde Mecklenburger, den er gleich nach der Ankunft in Deutschland in seinen Dienst genommen hatte, und der ihm mit einer geradezu rührenden Anhänglichkeit ergeben war, trat kopfschüttelnd über die Schwelle. ‘ ,
„Nun, was ist's, Pining?" fragte der Arzt. „Was. setzt Sie denn so in Verwunderung?"


