Ausgabe 
22.11.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ortmann.

' (Fortsetzung.)

- Drittes Kapitel.

Das Dienstmädchen, dem er seine Karte gegeben hatte, führte Rudolf Sandory in den kleinen Damensalon der Norrenbergschen Villa, und schon wenige Augenblicke später trat Dora durch die entgegengesetzte Thür in das Gemacht Sie hatte sowohl in ihrer ganzen äußeren Er­scheinung, wie - im Ausdruck ihres Gesichts heute sehr wenig Aehnlichikeit mit jener heißblütigen, ausgelassenen Bachantin, der vor zwei Tagen die jungen Herren der Waldenberger Gesellschaft ihre Huldigungen zu Füßen ge­legt hatten. Ein dunkles Kleid von beinahe gesuchter Ein­fachheit umschloß ihre prächtige Gestalt; ihr Haar war schlicht gescheitelt undam Hinterkopf zu einem Knoten aufgesteckt; auf ihrem Antlitz aber lag ein herber Ernst, der das! Harte und Herrische darin ausfallend stark hervortreten ließ. Es war, als ob ihr darum zu thun gewesen sei, so unvorteilhaft als möglich! auszusehen; ein einziger Blick in den Spiegel mußte sie jedenfalls! belehrt haben, daß heute beinahe alles aus ihrer Er­scheinung verwischt war, was derselben sonst den Reiz einer prickelnden, fremdartigen Schönheit gegeben.

Ich, hoffe, daß ich den rechjten Zeitpunkt getroffen habe, mein gnädiges Fräulein", sagte Sandory, indem er Miene machte, ihr die Hand zu küssen.Nur Ihr ausdrücklich'es Verbot hielt mich ab, mich schon gestern nach! Ihrem Befinden zu erkundigen."

Dora hatte ihm ihre Hand fast sogleich! wieder ent­zogen, und ohne daß ihr Gesicht seinen ernsten Aus­druck verlor, deutete sie auf einen der Sessel.

Gewiß, wir hatten es ja verabredet, daß Sie erst heute kommen sollten", erwiderte sie in jenem kurzen, entschlossenen Ton, der ihm keinen Zweifel darüber lassen konnte, daß sie irgend etwas Bedeutsames im Sinne habe.Ich wünschte mit Herrn Georg Lengfeld zuvor vollkommen im reinen zu sein."

Ah, deshalb also! Und hat Ihre Erwartung sich erfüllt?"

Donnerstag den 22. November.

1900.

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f insamkeil ist der Tod jedes Genusses. Eine Freude, die wir nicht mit andern teilen können, ist keine Freude mehr. Der einsame Mensch hat keine Ermunterung, vollkommener und edler zu werden. Zschokke.

Ja! Mein Vater erhielt gestern mittag von dem Staatsanwalt diesen Brief."

Sie reichte ihm ein zusammengefaltetes Blatt, das sie in der Kleidertasche getragen.

Als Sandory wie in übergroßem Zartgefühl zögerte, es auseinander zu schlagen, fuhr sie fast ungeduldig fort:

Lesen Sie! Denn Sie sind doch gekommen, mir bei­zustehen nicht wahr?"

Gewiß! Und wenn Sie befehlen"

Er überlas den in sehr gleichmäßigen und korrekten Schriftzügen, offenbar nach einem sorgfältig ausge­arbeiteten Entwurf niedergeschriebenen Brief und gab ihr dann mit einem Kopfschütteln das Papier zurück.

Eine richtige Absage und dazu in der denkbar nüchternsten Form. Es ist mir geradezu unbegreiflich, wie ein Mensch so sein eigenes Glück mit Füßen treten kann. Dieser Staatsanwalt ist der trockenste Philister, den ich! je gesehen habe, und dazu ein ausgemachter Narr."

Um Doras Lippen zuckte es höhnisch, aber sie bewahrte vollkommen ihre gelassene, beinahe geschäftsmäßig kuhke Haltung.

Wenn diese Charakteristik zutreffend ist, müssen Sie es verstehen, daß ich einem solchen Menschen meine Zu­kunft nicht anvertrauen konnte. Diese tragisch-lächerliche Episode meines Lebens liegt also fertig und abgeschlossen hinter mir."

Ihr Vater hat ihm bereits geantwortet? Und er hat in die Aufhebung des Verlöbnisses gewilligt?"

Was blieb ihm denn anderes übrig? Wir haben es dem Herrn Staatsanwalt überlassen, die Lösung unserer Beziehungen der Welt gegenüber ganz nach! seinem Er­messen zu erklären."

Das war sehr unvorsich!tig. Zwischen den Zeilen seines Briefes ist ja deutlich genug zu lesen, daß er sich für schwer beleidigt hält und von hochgradiger Erbitterung gegen Sie und Ihren Vater erfüllt ist. Von seiner Ritter­lichkeit aber habe ich keine allzu hohe Meinung, und ich fürchte, er wird Sie nicht schonen."

'Das ist auch! meine Ansicht."

So hätten Sie ein anderes Arrangement herbei­führen sollen, mein verehrtes Fräulein."

Ein anderes Arrangement? Was verstehen Sie darunter, Herr Sandory?"

Nun, Sie müssen doch in Betracht ziehen, daß hier gewissermaßen Ihr guter Ruf auf dem Spiele steht. OB sich der Herr Staatsanwalt durch seine Darstellung lächer­lich macht oder uichj jedenfalls kann er Sie dadurch bloßstellen, und es dürfte Ihnen nachher sehr schwer fallen, die Welt, die das Häßlichste immer am liebsten glaubt, eines anderen zu belehren. Man trifft in solch»« Fällen, wenn ein Bruch unvermeidlich geworden ist, doch