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er schritt eilig weiter, als könne er nicht erwarten, an sein Ziel zu kommen.

Nettchen ivar ans dem Stuhl am Fenster nieder­gesunken, ihr Kopf preßte sich an die Fensterscheiben. Seine harten, kurzen Worte klangen noch in ihrem Ohr, diese Worte:Glaubst Du, ich habe mich verheiratet, um ewig am Schürzenbande meiner Frau zu hängen?" Ja, lieber Gott, vielleicht verlangte sie wirklich zu viel? Sie mußte gerecht seiu, mußte ihm seine Freiheit lassen, mußte ein­sehen lernen, daß er ein Mensch war wie nicht alle anderen, in der Freiheit ausgewachsen, und keinen Zwang ertragend?!

Was war nur mit ihr geworden, warum fiel es ihr so schwer, diesen Gedanken ganz zu erfasse», warum kämpfte ihr ganzes, besseres Gefühl dagegen?

Ja, was war ans ihr geworden diese wenigen Monate! Wohin war das Bagabondenblut? Wohin war Nettchen die einstige entschwunden, die Abenteurerin, die Leicht­gesinnte, die hierher an diesen Platz, in diese von Pat- chouligeruch erfüllten Zimmer, zwischen diese vier fremden, kalten Wände, an die Seite Jeromes gehörte? Sie war nicht meh«r da, an ihre Stelle war eine andere ge­treten, ein sorgendes, liebendes, unglückseliges Weib, das sich um Güter, die es einst verachtet hatte, in einsamer Nacht die Hände vusrang.

Stunden vergingen, und noch immer blieb die Gestalt der jungen Frau regungslos am Fenster.

Bon der nahen Kapelle tönten zu jeder Stunde die Glockenschläge, und als die Uhr mit langsamen, schweren Tönen die dritte Morgenstunde angab, hatte Nettchen die fieberische Vorstellung, es wäre ihr Herz, das da aus irgend einer fernen Höhe mit so schweren, schweren Schlä­gen die dritte Stunde verkünde.

Ihr Körper war kalt, wie erstarrt. Ihre Kniee schmerz­ten von der gezwungenen Stellung, in die sie gepreßt waren. Doch sie rührte sich nicht aus ihrer Lage, und als es vier Uhr schlug, waren es nur ihre Lippen, die sich noch einmal bewegten. Ein hartes, verzweifeltes Wort klang in die Nacht.

(Fortsetzung folgt.)

Der Vögel Wiederkehr.

Eine Frühlingsplauderei von Hermann Grelling.

Nachdruck verboten.

Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle" singt das alte Kinderlieb und fügt im Anschluß daran hinzu: Frühling will nun einmarschieren". Das ist recht hübsch, aber nicht ganz richtig. Die letzten Vögel treffen erst Ende Mai oder doch erst in der zweiten Hälfte des Mai wieder bei uns ein, und so lange wollen wir doch nicht aus den Frühling warten, da im Juni ja schon wieder der Sommer seinen Anfang nimmt. Immerhin sind das nur Nach-- zügler, die Hauptschwärme kommen im März und April, und wer sein Herz so recht am herrlichen Vogelgesang er­götzen ynb sein Auge an dem reizvollen Leben und Treiben der lieblichen Sänger weiden will, der muß im April und Mai fleißig dahin gehen, wo sich Lieblingsaufenthalts- und Brutplätze der Vögel befinden. Das belebende Element der Tierwelt fehlt ja allerdings auch dem Winter nicht, eine große Anzahl von Vögeln halten trotz Kälte und Nahrungsmangels bei uns aus, während andere uns nur verlassen, wenn der Winter sich als gar zu harter Mann kundgiebt, und wieder von anderen eilen nur die empfind­lichen Weibchen dem Süden zu.

Ueberhaupt herrscht in Hinsicht des Verhaltens der Vögel während der Winterzeit die größte Mannigfaltigkeit. Die alte Einteilung in Standvögel, Strichvögel und Zug­vögel genügt durchaus nicht, da viele Standvögel im Winter zu Strichvögeln werden, und viele Zugvögel dem Einflüsse des Wandertriebs nicht unter allen Umständen erliegen. Nicht gering ist die Zahl der bei uns aushaltenden Vögel, und fast hat es den Anschein, als wäre dieselbe sogar mindestens soweit die Zahl der Individuen in Frage kommt im Wachsen begriffen, seit die Tierchen während der rauhen Jahreszeit allenthalben gar sorgfältig gefüttert wer­den. Treibt sie doch in der Hauptsache der Nahrungs­mangel von uns fort, die Kälte muß schon einen hohen

Grad erreichen, wenn sie wenigstens den gut bei uns akkli­matisierten Arten allzuviel anhaben soll. Indessen wollen wir dahingestellt sein lassen, ob nicht vielleicht auch den milden Wintern der letzten Jahre ein erheblicher Anteil an der Vermehrung unserer gefiederten Wintergäste zu­zuschreiben ist.

Die hier bleibenden Vögel schweifen meistens ent­weder paarweise oder in Gesellschaften umher, da die Notwendigkeit der Nahrungsbeschaffung die Möglichkeit des Aufenthalts an einem bestimmten Orte in der Regel in Frage stellt. Die Sperlinge kommen bis an die Fenster, die Haubenlerchen und Goldammer hüpfen Nahrung suchend auf den beschneiten Straßen umher, das muntere Völkchen der Tannen-, Kohl- und Blaumeisen erfüllt die Gärten mit ihrem lustigen Ruf, der niedliche Zaunkönig läßt mitten im Winter seine bescheidene Strophe ertönen. Im dürren Laub scharren die Schwarzamseln, Baumläufer und Kleiber picken an den Stämmen, der Buntspecht hämmert im Walde, das liebliche Rotkehlchen lugt aus der Hecke, zu-' weilen treffen wir selbst auch Finken, Hänflinge, Zeisige, Bachstelzen, Goldhähnchen u. s. w. In den Fluren schwirren die Rebhühner in beständiger Furcht vor den verfolgenden Jägern und Hunden kreischend empor, im eisfreien Wasser tummeln Wildenten, Becassinen, Wasser­hühner; Raben, Krähen, Dohlen und Elstern lassen ihr Geschrei ertönen, und im Walde verkünden klägliche Ruse die Anwesenheit von Eulen und verwandten Arten. Auch die Raubvögel stellen ihr Kontingent. Habichte, Sperber, Bussarde, Falken fühlen ihren für die kleineren Vogel­arten so verhängnisvollen Appetit durch die Kälte durchaus nicht beeinträchtigt. Der Kreuzschnabel, der Papagei unserer heimischen Wälder baut sogar, dem Schnee und Eis Trotz bietend, mitten im Winter sein Nest und verrichtet sein Brutgeschäft, als wenn es der schönste Sommer wäre.

Aber nicht alle die genannten Arten bleiben sämtlich und unbedingt bei uns. Manche vielmehr nur in wilden Wintern, andere nur zum Teil, von anderen wieder bleiben nur die Männchen hier (wie z. B. größtenteils von Buch­finken und Amseln). In anderen dagegen, wie Schwalben, Wachteln u, s. w. ist der Wandertrieb noch so stark aus­geprägt, daß z. B. spät im Herbst Haus- und Uferschwalben sogar ihre zarten Jungen im Stiche lassen, die dann elend in ihrem Nest umkommen. Manche Arten, wie z. B. Schneeammern, Seidenschwänze, Schneeeulen und manche Entenarten, ziehen auch im Frühjahr, wo alle anderen Vögel zurückkehren, von uns fort; denn sie haben eben bei uns iihr Winterquartier genommen, und eilen mit Beginn der schönen Jahreszeit ihrer Heimat, dem höheren Norden, wieder zu. Andere Vögel steigen während des Winters von den Gebirgen in die Thäler hinab, und gehen im Frühling dahin zurück. Wieder andere, wie z. B. unsere berühmten Schnepfen, sind zum Teil nur Durchzügler, die sich weiter nach Norden begeben, ein Teil brütet auch bei uns, und in milden Wintern bleiben auch welche ganz bei uns zurück. Schließlich giebt es auch noch Arten, die, wie z. B. Kreuzschnäbel, Nußhäher, Schwalbenschwänze u. s. w. nur in gewissen Jahren in größerer Menge bei uns auf­treten, und zwar in solchen, wo reichliche Futtergelegenheit für sie vorhanden ist. Auch der Kuckuck stellt sich da, wo der Tisch für ihn gedeckt ist, in großer Menge ein, während er da, wo dies nicht mehr der Fall, plötzlich sehr selten wird. Die Art, wie diese Vögel von den für sie vorteilhaften Veränderungen in den einzelnen Gegenden Kunde erhalten, kennen wir nicht.

Die Rückkehr der lieben Süngßr und Sommergenossen wird allenthalben mit großer Freude begrüßt. Vor allem die Staare, die Schwalben und der Kuckuck als sogen. Früh­lingsboten heißen wir herzlich willkommen; die Staare, die mit am frühesten eintreffen, erscheinen uns als Herolde der schönen Jahreszeit, wir vertrauen ihrem Instinkt, der sie nicht eher zurückbringt, bis die Gefahren des Winters nicht mehr zu fürchten sind. Freilich läßt auch ihr Instinkt die armen Staare manchmal im Stiche. Sie lassen sich von einer Anzahl frühzeitiger Sonnentage mit hohen Wär­megraden u_nd milder Südluft genau so täuschen wie der Mensch und, kehren oftmals so früh zur lieben Heimat zurück, daß sic noch die Schrecken eines langen traurigen Nachwinters über sich ergehen lassen müssen. Der Kuckuck