Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Nettchen fragte sich jetzt manchmal, wie es möglich gewesen, daß sie damals, nach ihrer Flucht von der Wandertruppe, während ihres Aufenthaltes in Köln, so sonnige Wochen mit ihrem Gatten verlebt hatte, — wie es überhaupt möglich gewesen, daß er sie so über alle Rücksichten und Hindernisse hinweg im Sturm zu seiner Frau gemacht hatte? Nur eine große und mutvolle Leidenschaft, wie sie selbst sie empfunden, konnte in ihren Augen das Rätsel erklären.
„Ja, dainals liebte mich Jerome, und er liebt mich auch jetzt noch!" sagte sie sich. Aber ihre Augen blickten kampfesmutig, und in der Art, mit der sie ihren Mann beobachtete, lag eine erregte Spannung.
Beinahe ein Jahr lebten sie nun schon in dieser fremden, ungeheuren Stadt, in der Jerome sich wohl und heimisch fühlte, während Nettchen von Anfang an mit schwermütigem Heimweh zu kämpfen hatte.
Ihre Abenteuerlust war gestillt. Oft kam es ihr vor, wenn sie unter den fremden, südlichen Menschen einherschritt, umgeben vom wilden Trubel der Straßen, und die Laute der unverstandenen Sprache auf sie niederschwirrten, als wäre das „Einst" ein versunkener, immer ferner rückender Traum, als sei der Umstand, daß sie dereinst in einem stillen Winkel Ostpreußens zur Welt gekommen, als das Kind einer armen Flurhüterswitwe, — als sei dies alles nur ein Märchen, und dieses laute, betäubende, gellende Leben allein die Wirklichkeit.
Die ganze Umgebung und ihr Verkehr darin wirkte so überraschend auf sie, daß sie sich selbst bei ihrer leichten Lebenskunst nicht sobald hineinzufinden vermochte. Bunte verworrene Existenzen, wie sie der Zufall auf diesen Weltmarkt zusammenwarf, bildeten ihren und ihres Gatten Umgang; ihr Heim war ein Chambre-garni, in dessen übrigen Räumen Studenten und Grisetten hausten. Die Mahlzeiten nahm sie mit Jerome in einem Restaurant, in welchem sich die männliche und weibliche Radfahrerwelt versammelte, wo geraucht, gespielt, gewettet und geboxt wurde, ein, die Nächte nach der Vorstellung verbrachte man
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o lang ist' keine Nacht, Daß endlich nicht der Helle Morgen wacht- Shakespearc.
in Cafees, in denen die männlichen Gäste beim Absynth die Würfel rollen ließen, und geputzte und geschminkte Mädchen sich dreist an die Tische drängten.
Nettchen hatte von einem außergewöhnlichen Leben geträumt, aber das Bild, das sie nun Tag um Tag erblicken mußte, hatte nicht in ihrer Phantasie gelebt. Als verheiratete Frau führte sie durchaus kein angenehmes häusliches Leben, sie verbrachte den größten Teil des Tages mit ihrem Manne in Gastwirtschaften fragwürdiger Art, die Abende wurden von den Vorstellungen ausgefüllt, und in den Nächten eine Tournee durch die Cafees von Montmartre unternommen.
Eine Weile laug ertrug Nettchens gesunde Natur die ungewohnten Anstrengungen ohne Nachteil; aber in ihrer Seele begann sich langsam ein Widerstand aufzurichten,' eine schmerzliche, bittere Erregung, die sich zu Trotz und festem Willen steigerte. Dieses Leben, das in vagabonden- Hafter Ilngebundenheit verfloß, begann sie abzustoßen, ihr graute vor der unsauberen Gesellschaft, mit der sie sich täglich beisammen sah. Sie hätte ihren Gatten schützen und vor dieser Umgebung zurückreißen mögen.
„Laß uns zu Hause bleiben", sagte sie eines Abends, als keine Vorstellung war, und Jerome sich trotzdem zum Ausgehen fertig machte.
Er wandte sich erstaunt nach ihr um. „Warum?"
„Weil ich dies Leben nicht ertrage", entgegnete Nettchen, in deren Stimme verhaltene Erregung zitterte. „Auch Dich kann es nicht glücklich machen, Jerome. Bleibe hier, laß uns zusammensitzen und plaudern. Ich will Thee bereiten, und wir schwatzen von der Vergangenheit."
Jerome war aufgestanden und hatte seinen Cylindev ergriffen. „Richt thöricht sein", sagte er. „Was sollen !vir hier in den kahlen vier Wänden? In der Kneipe ist's hell und gemütlich. Komm, mach' Dich zurecht."
„Ich gehe uicht mit!" stieß Nettchen hervor. Sieblickte ihn an. Ihre Augen glänzten vor fieberhafter Erregung, und glühend richteten sie sich auf Jeromes kalte und unbewegte Züge.
„Dann kann ich Dir nicht helfen", sagte er ruhig. „Wenn Du glaubst, daß ich geheiratet habe, um ewig am Schürzenbande meiner Frau zu hängen, dann irrst Du Dich. Adieu Schatz, und schlafe Deine Launen aus."
Langsam, und ohne daß sie ihn hinderte, ging er.
Sie saß wie erstarrt, dann schritt sie ans Fenster, riß es auf und blickte ihm nach.
Er ging die Straße entlang, — mit dem raschen, elastischen Schritt, der ihm eigen war. Sein eleganter Cylinder, der Helle, feine Paletot, der Spazierstock mit dem platten, silbernen Knopf, jede Einzelheit wurde von dem starren, trockenen Blick verschlungen, mit dem Nettchen ihm nachsah. Wandte er sich um? Winkte er ihr? Nein,


