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ist ein viel vorsichtigerer Gesell, wenn sein melodischer Nus aus dem Walde herüberdringt, so dürfen wir schon eher des endlichen Frühlings sicher sein.

Während die Abreise der Vögel im Herbst sich meist im Rahmen weniger Wochen abspielt, verteilt sich die all­mähliche Rückkehr vielfach auf ein volles Vierteljahr. Ist der Februar besonders mild und schön, so erscheinen bereits am Ende dieses Monats die ersten Staare, Hänflinge, Lerchen, Finken, sowie die zierlichen Ringeltauben, manch­mal auch die weißen Bachstelzen u. s. w. Bon den Finken erscheinen zuerst die Männchen; denn Männchen und Weibchen reisen wenigstens bei der Rückkehr, in getrennten Zügen, und sehnsüchtig harren die zierlichen Strohwitwer an den herrlichen Lenztagen der Ankunft ihrer teuren Gefährtinnen.

Im März folgen die Hauptzüge der Arten, deren Vor­boten int Februar bereits eingetroffen sind, während die letzten Nachzügler den April herankommen lassen. In Busch und Hecken, in Garten und Feld, wird es nun lebendig von den munteren Sängern, überall vernehmen wir den hellen, kräftigen Schlag der Finken, die Lerchen jubilieren über den Saatfeldern, die Staare erproben hoch oben auf den Dachfirsten ihre Stimmen, die weichen schmel­zenden Flötentöne der Amseln erklingen aus dem Gebüsch. In der ersten Hälfte des März erscheinen in der Regel noch Heidelerchen, Singdrosseln, Rot- und Wachholderdrosseln, Bergfinken, Dohlen, Kiebitze, wilde Gänse und verschiedene Raubvogelarten, sowie von der Mitte des Monats ab die von den Jägern so sehnlich erwarteten Waldschnepfen (Oculi, da kommen sie", lautet der alte Jägerspruch)! In der zweiten Hälfte des Monats folgen Rotkehlchen und Rotschwänzchen, Braunellen, Ammern, Schwätzer, Pieper, Laubvögel, Störche, Kraniche, verschiedene Sumpf­vögel u. s. w. Anfang bis Mitte April zieht in der Regel die Rauchschwalbe wieder bei uns ein, die alte treue Freundin des Menschen, die zutraulich ihre kunstvolle Wohnung im Schutze unserer Mauern und Häuser sich er­richtet. Der April bringt aber noch weitere Gäste, Blau­kehlchen, Feldrotschwänzchen, Braunkehlchen, Steinschmätzer, Müllerchen und andere Grasmücken, Schwarzköpfchen, Sprossen, Rohrsänger, ferner den lautrufenden Kuckuck, den bösen Würger, den Wendehals u. s. w. Und noch einen Vogel, die Königin unserer heimatlichen Sänger, die herr­liche Nachtigall! Die letzten Nachzügler treffen Anfang Mai etp, unter ihnen (wenn sie nicht schon Ende April ge­kommen ist) die Turmschwalbe, der Zaunammer, der graue und rotrückige Würger, die Turteltaube, der Waldlaub­vogel, die Wachtel und andere mehr; vor allem die Wachtel belebt mit ihrem heiteren und gemütvollenPückwerwück" wie kein anderes Geschöpf die fruchtreichen Fluren. Der prächtige Pirol, die Nachtschwalbe und einige andere Arten machen in der zweiten Hälfte des Wonnemonats etwa den Schluß, und nun erst dürfen wir mit voller Berechtigung verkünden, daß alle Vögel nun da sind, alle, alle! Nun geht es mit frischem Mut an ein Heiraten und Häuserbauen, Futter gießt es in Hülle und Fülle, die Luft ist warm, die Sonne scheint, alles blüht und grünt und duftet da jauchzt auch der Vogel so recht aus voller Brust sein Lied in den goldenen Maitag hinein, er ist ja so sorglos, so frei, so glücklich!

Vielleicht erfüllt ihn auch ein Gefühl der Freude, daß er die Heimat wieder glücklich erreicht hat. Denn nicht gefahrlos war seine Wanderung, und viele der Aus- gezogenen kehren von der weiten Reise nicht wieder zurück. Zu Hunderttausenden werden die vom anstrengenden Fluge ermatteten Lerchen, Wachteln und Drosseln im Süden ge­fangen, um den Feinschmeckern die unersättliche Zunge letzen zu helfen, und auch wenn sie wieder zu uns kommen, erwartet sie von den Schrecken eines unvermuteten Nach­winters ganz abgesehen an vielen Orten das mörderische Garn und das heimtückische Netz. Das ist wahrlich ein schlechter Dank für die treue Anhänglichkeit an unserem immerhin rauhen Norden; denn könnte nicht der ILogel ebensogut im schönen Süden, wo ein ewig blauer Himmel lacht und weder Kälte noch Mangel an Futter ihm drohen, verbleiben, um sein harmloses Sein unter Palmen zu verträumen? Aber nein, er hängt treu und fest an der alten Heimat und setzt sich lieber jährlich zweimal den

.Anstrengungen uub Gefahren eiltet hundert Meilen laugen Reise aus, als daß er den traulich rauschenden Buchenwald, den düsteren Forst oder die schattigen Dorflinden und die Blütenhecken und Gärten des Vaterlandes entbehren möchte!

Eine seltsam und fürwahr großartige Erscheinung, dieser jährliche Vogelzug! So sehr man sich auch um Erklärungen bemüht hat, ist sie doch in vieler Hinsicht noch rätselhaft geblieben. Vor allem bei dem Wegzug ist es fast unerklärlich, wie die Vögel die Termine ihrer Abreise (die in der Regel an bestimmten Tagen des Jahres erfolgt, ohne Rücksicht darauf, ob es an diesen Tagen warm oder kalt ist) zu bestimmen vermögen. Denn daß sie, tote von einigen Forschern angenommen wird, einen gewissen Sinn für die Stellung der Sonne am Himmel haben, daß sie Unterschiede in der Beleuchtung und dem Schattentours zu erkennen wissen, erscheint doch nicht recht glaublich. Auch über die Entstehung der Vogelzüge selbst und die dabei benutzten Zugstraßen gehen die Meinungen auseinander. Einige meinen, die Vögel hätten sich früher ständig bei uns aufgehalten und seien allmählich in dem Grade, tote der Winter härter wurde, immer weiter zur herbstlichen Wan­derung nach Süden gedrängt worden, andere nehmen ge­rade das Gegenteil an, indem sie sich die Vögel von Süden nach Norden ausbreiten, und während des Winters nach ursprünglichen Gebieten zurückkehren lassen. Dadurch er­kläre sich auch, daß dieselben Landstrecken, auf welchen die ersten Einwanderer nordwärts zogen, noch jetzt als regel­mäßige Zugstraßen innegehalten würden. Die erste Er­klärung scheint mir noch am plausibelsten; denn wenn die Vögel nicht bei uns ihre ursprüngliche Heimat hätten, würden sie nicht hier brüten.

Die Frage, wie sich die Zugvögel unterwegs, besonders auf dem Meere zurechtfinden, hat ebenfalls zu mancherlei Hypothesen Veranlassung gegeben. Die Erklärung, daß die Vögel infolge immerwährender Benutzung der von ihren Voreltern schon vor Jahrtausenden benutzten Zug­straßen den Weg instinktiv zu finden wüßten, wird schon durch das Beispiel der Brieftauben hinfällig, deren wunder­baren Ortssinn sie ihren Schlag von jedem Platze aus, auf dem sie ausgesetzt wird, selbst aus weiter Entfernung finden läßt. Eine neuere Hypothese, nach welcher die Vögel sich der Richtung der Flutwellen als Orientierungsmittel bedienen, erscheint einleuchtender und hat auch die That- sache für sich, daß überall, wo im Meere keine merklichen Flutwellen bestehen, Seevögel auch nur selten oder nie­mals in größerer Entfernung vom Strande angetroffen werden.

Doch gleichviel die Vögel wandern nun einmal und kehren zu uns zurück, und so wollen wir die lieben Sommergäste auf das Beste empfangen, nicht blos mit wohlfeilen Liedern und Frühlingsgedichten, sondern auch mit reelleren Zeichen unserer Dankbarkeit, indem wir ihnen Wöhnungen errichten, bei noch rauher Witterung Futter streuen und sie nach Möglichkeit vor Gefahren und Ver­folgungen schützen. _____

Vom Monat April.

April 1900.

Nachdruck verboten.

Für die großen Fasten der Karwoche bringt der April reichhaltige Auswahl von guten und billigen Fischen, der Verbrauch steht auf einer Höhe wie zu keiner Zeit des Jahres. Der offene Markt bringt große und kleine Aale, Hechte, Schleien und Barsen, eine von Kennern hoch- geschätzte Delikatesse, sowie alle Sorten Weißfische, Brassen, Diebeln, Karauschen oder Bauernkarpfen, die in der ein­fachen Küche als Brat- oder Saueenfische gern Verwendung finden. Vor Barben ist im April zu warnen, da ihr Rogen giftige Wirkung hat; nach der Laichzeit ist die Barbe genießbar, bleibt aber von der feineren Küche ihres Gräten­reichtums wegen ausgeschlossen, selbst wenn sie aus der Weser kommt, die die vorzüglichsten Exemplare liefern soll. Besonders gut sind in diesem Monat Forellen, Rhein- und Ostseelachs. Aalraupen werden ihrer großen fetten Leber wegen besonders geschätzt. Von Seefischen sind Heil­butt und Steinbutt fein. In Räucherwaren giebt es milden fetten Lachs, billigen Dorsch, Knurrhahn u. s. w. In den Delikateßläden wird milder Kaviar vom Märzfang an-