en die Götter lieben, Segnen sie mit Leiden, Mit der stillen Seele, Die den Schmerz versteht. Viel ist dann geblieben, Was im Lärm der Freuden Wie der Philomele
Dunkles Lied am Tag verloren geht.
Paul Heyse.
Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth' Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Um die siebente Abendstunde kam Johanne, um ihrem Mann das Nachtmahl zn bereiten und ihm auf den Spirituskocher den Thee zu kochen; denn Paul hatte beschlossen, erst des Abends warm zu essen und sich zur Mittagszeit mit etwas kaltem Vorrat zu begnügen.
Sie fand ihren Gatten schlafend. Leise hob sie seinen Kops von seinen Armen, lehnte ihn an ihre Brust, ohne daß Paul von dieser zärtlichen Bewegung erwachte, und nun sah sie in sein blasses, entmutigtes Gesicht, das während des erschöpften Schlafens einen Ausdruck von Kummer angenommen hatte. Er hatte ihren Eintritt nicht gehört, fest und müde schlief er, und man hätte ihm den ganzen Laden ausräumen können, ohne daß er es gewahr geworden wäre!
Im Laufe der Zeit fanden sich jedoch nach und nach auch einige feste Kunden ein, die ihren Bedarf an Haushaltsartikeln aus der weiß-blau-vergoldeten Drogenhandlung entnahmen. Auch der Zuspruch der Passanten wurde um die Weihnachtszeit herum lebendiger; einen Hauptteil daran hatte wohl das geschmückte Schaufenster, in welchem Paul eine ganze Weihnachtsausstellung aufgebant hatte. Viele Abendstunden vor Geschäftsschluß war er mit seiner Frau in die Stadt gegangen, um Einkäufe an Weihnachis- schmuck zu machen, während der Hausdiener in dieser Zeit den Prinzipal hinter der Theke vertreten mußte. —
Durch Regen, Frost und dichtes Schneegestöber waren sie von Hauptstraße zu Hauptstraße, von Zeichner zu Lohse, und von dort zu Puttendörfer, von Puttendörfer zu Schwarzlose gewandert, um deren Schaufensterausstellungen zu studieren, und darauf in der Großbeerenstraße,
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dicht unter der Krinoline des Kreuzberges, einen Abglanz der gesehenen Herrlichkeiten zu schaffen.
Johanne .besonders in ihrer Vergoldungs- und Versilberungssucht hatte sich gar nicht -genug thun können am Einkauf all der feenhaften Dinge, die" um diese Zeit herum ein so phantastisches Gepräge über die Schaufensterwelt ergießen. Wie ein gelernter Dekorateur hatte sie die Spiegelscheibe aufs feinste mit weißem Sammt, über dem schwarze Sterne aus zusammengesetztem Cachou lagen, austapeziert, goldenes und weißes Christkindleinhaar hing in leuchtenden Strähnen von oben herunter, während der Hintergrund von einem aus roter und weißer Gelatine hervorgezauberten Wasserfall romantisch ausgefüllt wurde. Große Seifenstücke waren als Felsgeröll angelegt, über welche die Gelatine in wilden Strömen hinunterflutete, rechts und links aber sah man zwischen kleinen Büscheln getrockneten Lorbeers saubere, von Putzpulver ausgefüllte Wege sich hinziehen. Ein mit Kupfervitriol-Lösung gefülltes Glas paradierte als Bassin in der Mitte, und warf seinen blauen Schein über diesen feenhaften Garten, in welchem kleine Korkdamen mit Gesichtern aus Schwamm und Hüten aus Luffah melancholisch auf ihren Zahnstocherbeinen standen.
Die halbe Großbeerenstraße, mindestens aber die gesamte Schuljugend derselben versammelte sich vor diesem seltsamen Schaufenster, und es konnte nicht fehlen, daß unter den vielen müßigen Zuschauern, die vor Kälte von einem Bein aufs andere traten, auch einige reelle Menschen waren, die nach dem Portemonnaie fühlten, und rasch entschlossen den Laden betraten.
Johanne, die neben ihrem Manne hinter der Theke stand, errötete dann jedesmal vor Glück. Der eventuelle Käufer war vielleicht noch nie in seinem Leben so sorgsam bedient worden, wie in diesem Geschäft, wo der Besitzer und die Besitzerin gemeinschaftlich wetteiferten, den halben Laden umzukramen, um das Verlangte in allen Variationen vorzuzeigen. Der Kostenpunkt bereitete dann noch weitere lleberraschungen, Paul in seinem Diensteifer zeigte sich so entgegenkommend, daß er gern den Preis bis auf ein Minimum herabgesetzt hätte, und während sich der Kunde, noch mit einer netten Zugabe bedacht, verwirrt entfernte, flogen Paul und seine Gattin wie zwei emsige Bienen hin und her, um die vielen aufgerissenen Schachteln und Kisten wieder zu schließen und an Ort und Platz zu stellen.
Am Weihnachtsabend brachte Johanne auch Paul den jüngeren mit ins Geschäft, der zu Hause vor lauter Christkindsungeduld keine Ruhe mehr geben wollte. Sie setzten ihn in das Ledersofa hinter dem Vorhang, gaben ihm einen Karton mit beim Transport zerbrochenem Baumbehang zum Spielen in den Schoß, und widmeten sich dann voll Eifer dem Weihnachtsverkauf.


