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„Das war nur ein Vorgeschmack. Warte nur, es kommt noch ganz anders, wenn erst das Haus eingeriffen wird."
„Was hat der seltsame Mann denn gebaut?" fragte der Kommerzienrat.
„Einen Wandschrank oder etwas Aehnliches," erwiderte Sommer leichthin.
„Haft Du Dir das Ding nicht einmal angesehen?" erkundigte sich kopfschüttelnd Helldors.
„Nein. Wozu?" fragte Sommer verwundert, „auch wär's gar nicht gut möglich gewesen, da die Thür des Ladens nach außen immer geschlossen war."
„Die hätte ich mir unter irgend einem Vorwand doch öffnen lassen, wenn nur dahinter nichts anderes steckt?" sagte jetzt auch Hans Helldorf mit bedenklicher Miene, und Ernst rief:
„Du haft recht- ich nehme morgen früh einmal eine kleine Inspizierung vor."
Jetzt lachte Sommer laut auf. „Ach, Ihr Helldorfs würdet das nicht sagen, wenn Ihr den Menschen gesehen hättet. Am meisten wundere ich mich über Dich, Ernst, der Du doch selbst über den närri'chen Kerl gelacht hast. Vor dem ist mir nicht bange, der kann froh sein, wenn er ungerupft aus Berlin fortkommt." Nochmals gab er eine Schilderung des Kleinstädters, die alle belustigte; nur Ernst Sommer war nachdenklich geworden und wiederholte, er werde sich am folgenden Tage den wunderlichen Bau näher ansehen.
„Thun Sie das, Herr Asseffor, ich halte zwar mit Ihrem Herrn Vater den wunderlichen Bauherrn für die harmloseste Person von der Welt, aber besser ist besser!" stimmte ihm Dr. Corbus bei und setzte aufstehend hinzu: „Wäre es nicht Zeit, zu den Damen zurückzukrhren? Ich habe für den Abend noch eine Verabredung, kann leider nicht lange mehr bleiben und möchte die mir noch zur Verfügung stehende Zeit gern in der anmutigen Gesellschaft verbringen."
Hans und Ernst, denen dieser Wunsch schon aus der Seele gesprochen war, erhoben sich sogleich- langsamer folgten der Kommerzienrat und Sommer. Ersterer erzählte seinem Freunde, Corbus habe ein großes Vermögen von den Diamantfeldern Afrikas mitgebracht.
„Das er natürlich durch Dich angelegt hat?" fragte Sommer mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit.
„Ach nein," lachte Helldorf, „er braucht keine Mittelsperson, sondern ist geschickt genug, sein Geld selbst zu verwalten. Er hat den englischen Markt benutzt und seine Fonds in der Londoner Bank gelassen."
Sie waren unter diesem Gespräch wieder in den Salon gekommen, fanden dort aber die Gesellschaft in einer Art von Aufbruch. Hans Helldorf hatte gegen Dr. Corbus erwähnt, daß er vor einigen Wochen in der Kunstausstellung ein Bild von Paul Meyerheim, eine Szene in der Menagerie darstellend, gekauft habe, und daß es nun in seinem Zimmer hänge. Corbus hatte darauf den lebhaften Wunsch ausgesprochen, es zu sehen, und Hans sämtliche Anwesende zur Besichtigung eingeladen.
Bereitwillig folgte man seiner Aufforderung. Auch die Kommerzienrätin bequemte sich zum Mitgehen, als Dr. Corbus ihr galant den Arm bot. Hans ging voran, Felicitas und Aurelie folgten, den Beschluß machten die älteren Herren, nur Hermine und die Studenten waren im Garten zurückgeblieben.
Hans Helldorf hatte in der Villa seines Vaters zwei Wohnzimmer und ein Schlafzimmer inne und die beiden ersteren gemäß seinen Neigungen und Dank der ihm zu Gebote stehenden Mittel zu einem kleinen Museum umgestaltet. Außer der ergötzlichen Schöpfung des genialen Tiermalers waren noch mehrere andere Gemälde neuerer Meister, einige schöne Stiche nach älteren Bildern und
Marmorwerke, wie treffliche Abgüsse zu sehen. Man schaute und bewunderte, und Corbus erwies sich als ein ausgezeichneter Kenner.
„Aber was haben Sie denn hier?" rief er plötzlich und trat vor einen Vorhang, der allem Anschein nach ein Bild verhüllte- „was wollen Sie uns da neidisch vorenthalten?"
Ehe Hans es zu verhindern vermochte, hatte er den Vorhang zurückgeschoben.
Das Brustbild einer jungen Frau in weißem Kleide, mit nicht schönen, aber sanften und einnehmenden Zügen kam zum Vorschein.
Der Kommerzienrat und Sommer stießen gleichzeitig einen leisen Ruf der Ueberraschung aus- bis auf die Kommerzienrätin waren sie unter den Anwesenden die einzigen, die wußten, wen dieses Bild darstellte. Alle wandten sich aber erschrocken um, als die letztere mit einem lauten, kreischenden Schrei dem neben ihr stehenden Affeffor Sommer in die Arme sank.
„Fort, fort!" stieß sie hervor. Die Augen rollten und sahen aus, als wollten sie ihr aus dem Kopfe treten, mit den Händen machte sie angstvolle und zugleich drohende Bewegungen.
Ihr Gatte trat zu ihr, wollte sie in seine Arme nehme« und beruhigen, aber sie stieß ihn zurück und schrie:
„Das ist ein abscheulicher, hinterlistiger Ueberfall, Ihr seid alle gegen mich im Bunde. Es ist darauf abgesehen, mich zu verderben!"
„Eugenie, liebe, teure Frau, welche unglückselige Vorstellungen machst Du Dir!" redete der Kommerzienrat ihr zu, sie schluchzte aber nur heftiger und sagte mit großer Bitterkeit:
„Tückisch habt Ihr mich hierher geschleppt, es war abgekartetes Spiel und nur, darauf abgesehen, mir ihr Bild zu zeigen, das ich nicht sehen will, nicht sehen kann!" Sie bedeckte die Augen mit den Händen.
„Und das Du auch gar nicht sehen sollst!" fiel Hans Helldorf mit ernster Stimme ein, indem er, in innerster Seele verletzt von diesem Auftritt, den Vorhang wieder fallen ließ. „Ich habe dieses Porträt ganz allein für mich malen lassen, niemand hat bis jetzt von seinem Vorhandensein gewußt, und es ist sehr gegen meinen Willen geschehen, daß Herr Dr. Corbus den Vorhang davon entfernte."
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, hätte ich ahnen können, was ich damit anrichtete, würde ich es sicher nicht gethan haben. Aber so fasse Dich doch, Eugenie, ich kann mir ja wohl denken, daß der plötzliche unerwartete Anblick des Porträts Dich sehr erschüttert hat, zu einer so heftigen Erregung ist aber doch kein Anlaß."
Der Blick, den er dabei auf die Kommerzienrätin richtete, war nicht unähnlich dem eines Tierbändigers, der ein sich gegen seine Herrschaft aufbäumendes, gefangenes Raubtier wieder in seine Schranken zurückweist, und er verfehlte seine Wirkung nicht. Die zornbebende Frau verstummte, kroch förmlich in sich zusammen und sagte nach wenigen Minuten in flehendem Ton zu ihrem Gatten:
„Führe mich auf mein Zimmer, Konstantin, ich — ich muß mich sogleich niederlegen — es ist — zu — viel — für mich gewesen."
Auf seinen Arm gelehnt, von Felicitas unterstützt, von beiden mehr getragen als geführt, wankte sie hinaus.
(Fortsetzung folgt.)
Hrrnrovrstisches.
Schlimmste Verwünschung. Veigeles (zum Konkurrenten): „Minister in Oesterreich sollste werden!" („Münchener Jugend.")
Redaktion: @. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Sterndruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


