Nachdruck verboten.
Die Armenhausprinzessin.
Roman von O. Elster.
III.
Der kleine, verwilderte Garten des Armenhauses grenzte an den großen, herrlichen Obstgarten des Rektors, welcher sich den Abhang des Berges hinaufzog, auf dessen Gipfel das Asyl der Armen und Elenden der kleinen Stadt lag. Elsie spähte oft mit neugierigen, großen Augen durch eine Lücke der H cke in den Garten hinein, auf dessen zahlreichen Obstbäumen die prächtigsten rotbackigen Aepfel und Birnen und die dunkelblauen Pflaumen erglänzten.
Als das Kind wieder einmal mit sehnsüchtigen Blicken nach den Herrlichkeiten des Rektorgartens schaute, sah es einen Knaben, der unter einem breitästigen Apfelbaum stand und behaglich einen Apfel verzehrte. Der Knabe mochte einige Jahre älter sein als Elsie,- er war einfach, aber sauber und geschmackvoll gekleidet, der blaue Kittel mit dem hellbraunen Gürtel, das kleine Strohhütchen, die kurzen Höschen mit den goldenen Knöpfen und die derben Schnürschuhe kleideten den dunkellockigen, braunäugigen Jungen vortrefflich. Auf seinen Wangen lag die Röte der Gesundheit, doch in seinen großen, dunklen Augen machte sich ein sinnender Ernst geltend, der zu seinen elf oder zwölf Jahren nicht recht passen wollte.
Mit atemlosem Staunen blickte Elsie zu dem Knaben hinüber,- plötzlich schrak sie vor einem auffliegenden, Vogel zusammen und verursachte dadurch ein Geräusch in den
1899.
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fn den Fenstern klar und hell Weiße Blumen prangen, Duftgeboren, sind sie schnell Nächtlich ausgegangen.
Aber wärmer wird die Luft In dem Stübchen innen Und der Blumen zarter Duft Fängt an zu zerrinnen
Deine Freuden, armes Herz, Sind ein nächtlich Wähnen, Das am Morgen rinnt in Schnier; Wieder ab als Thränen.
Bogt.
dürren Zweigen des Zaunes. Der Knabe sah nach ihr hin und entdeckte das kleine Mädchen in der Lücke der Hecke. Eine Weile schauten sich die beiden Kinder stumm an. Dann trat der Knabe auf Elsie zu.
„Wer bist Du?" fragte er.
„Ich heiße Elsie. "
„Aha, die Tochrer des alten Hannecken im Armenhause!" „Mister Hannecken ist mein Vater," entgegnete Elsie, gekränkt durch das Lachen des Jungen.
„Na, brauchst nicht gleich böse zu werden. Willst Du einen Apfel?"
„Ach ja."
„So komm in den Garten."
„Darf ich?"
„Natürlich darfst Du, wenn ich Dtr's sage. Ich heiße Paul Ahrens, mein Vater ist der Rektor Ahrens."
Er bog die Zweige der Hecke etwas zurück/ wie ein geschmeidiges Wiesel schlüpfte Elsie durch den Zaun und stand aufatmend und tief errötend vor Paul, der mit lächelndem Wohlgefallen das hübsche Kind betrachtete.
„Komm, ich will Dir Aepfel geben."
Er ergriff Elsie bei der Hand und führte sie unter den großen Baum, unter dem viele herrliche Aepfel lagen.
„Setz Dich zu mir und iß. Wir haben so viel Obst, sagt Mama, daß wir nicht wissen, wohin damit."
Elsie ließ sich nicht zweimal auffordern. Sie setzte sich in das hohe Gras und biß herzhaft in einen rotwangigen Apfel hinein.
Seit dieser Stunde war Elsie täglicher Gast in dem Rektorsgarten und dem Rekrorshause. Rektor Ahrens und die -Iran Rektorin nahmen sich der kleinen Waise liebevoll an, und Paul, der Untertertianer auf dem städtischen Gymnasium, hing mit knabenhafter Schwärmerei an dem hübschen, blonden Kinde, das mit den großen, tiefblauen Märchenaugen so erstaunt-neugierig, so scheu-erschrocken in die Welt hinaussah.
Das stille Rektorhaus, der weite Garten mit den herrlichen Blumen, den Obstbäumen, Stachelbeer- und Johannisbeere Sträuchern, der ernste Rektor, die sanfte Frau Rektorin, der dunkeläugige Paul, der Bergesabhang mit dem undurchdringlichen Gestrüpp wilder Rosen und Brombeerranken, der majestätische Buchenwald, welcher die Kuppe des Berges krönte bis zur höchsten Spitze hinauf, auf der die Trümmer der alten Ritterburg Benneckenstein lagen — alles das war für Klein-Elste eine neue Welt, welche ihr täglich neue Eindrücke, täglich neue Stimmungen, neue Anregungen brachte. Und wenn Paul ihr von seinen Studien erzählte, von den


