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Kaspar, — der Wolfgang hat wieder über die Schnur gehauen, ist davon krank geworden. Ein guter Kern steckt ja doch in ihm, das hat er schon damals bewiesen, als er trotz Deiner sorgsamen Erziehung im Wirtshaus „zum Puppen- schänkelchen" in der Weißadlergasse in schlechte Gesellschaft geriet. Damals hatte er sich wieder selbst gefunden und so wtrd's diesmal auch kommen I Du hast ja immer viel von ihm gehalten, seine Wißbegier, seinen Fleiß gelobt und daß etwas singuläres in ihm stecke!"
„Ich hab' mich getäuscht!" rief erregt der sonst so ge- meffene Rat Goethe, — „ein Stutzer ist er in Leipzig geworden, dem nicht einmal seine Frankfurter Kleider gut genug waren, ein Phantast ist er, der Gedichte schreibt, ein Spötter, — der in seine Hefte Karrikaturen seiner Professoren zeichnet! Aber am meisten ärgert mich, daß er die Jurisprudenz an den Nagel hängen will und diese Kollegien schwänzt! Dagegen sitzt der Schlingel in der Wirtsstube des Weinhändlers Schönkopf, dessen Tochter Kälhchen es ihm ange- than haben soll. Wie unser Filius in dulci jubilo lebt, das sollst Du gleich hören!"
Und der Herr Rat entnahm seinem feinen hechtgrauen Tuchrock, der seine imposante Gestalt umschloß, einen Brief, aus welchem er mit besonderem Nachdruck folgende Stelle vorlas:
„Ich mache in Leipzig große Figur, brauche Kunst um hier fleißig zu sein. I» Gesellschaft, Konzerte, Komödien, bei Gastereien, Abendessen, Spazierfahrten, — ha das geht köstlich, aber auch kostspielig! Zum Henker, das fühlt mein Beutel! Halt! rettet! haltet auf! Da marschieren zwei Louid'or! Helft! Da ging abermals einer. — Groschen sind hier wie Kreuzer bei Euch im Reiche----"
Frau Rat Goethe, die sich damals auch geärgert hatte, als sie gehört, daß der Wolfgang alle seine von ihr so sorgsam gewählten und zurecht gerichteten Kleider in „Klein-Parts" durch neue ersetzt hatte, entgegnete etwas kleinlaut:
„Auf schöne Kleider hat er von jeher etwas gehalten, — und was die Juristerei anbelangt, so regt sie ihn nicht an. Der Wolfgang ist eben vielseitig, deshalb auf andere Art fleißig. Wie er mir schrieb, macht er Kunststudten, liest Shakespeare, Molisre und Corneille in der Originalsprache, befaßt sich mit Naturwissenschaft, auch reizende Gedichte soll er verfaßt haben--—"
„Natürlich Liebeslieder!" — brummte Johann Kaspar Goethe.
„Er hat eben ein warmschlagendes zärtliches Herz", rief die an ihren Sohn so festglaubende Mutter und im Brustton der Ueberzeugung setzte sie hinzu:
„In unserem Wolfgang steckt eben etwas extraordinäres und deshalb muß er auch extraordinär behandelt werden!"
„Was Du ja immer verstanden hast, Katharina Elisabeth, Du hast ihn hübsch verzogen, — lachtest wie ein mutwilliges Kind, wenn er ausgelaffen war, — erzähltest ihm die phantastischsten Geschichten!"
Die geistvollen Augen der Frau Rat Goethe strahlten, als sie erwiderte :
„Und wenn ich ihm dann meine selbsterfundenen Geschichten erzählte, — da saß er so andächtig vor mir, verschlang mich schier mit seinen mächtig großen Braunaugen. Wenn ich absichtlich den Schluß auf den nächsten Abend verschob — dann hatte sich der kleine Schlingel alles selbst zurecht gelegt. Wenn ich ihn dann lobte, mich über seine Phantasie wunderte, — dann war er Feuer und Flamme!" Der Herr Rat unterbrach sie: „Jetzt aber sollte der Sausewind die Phantastereien lassen, — sollte ernstlich einen Beruf wählen. Und wenn er mir folgt, wird er Jurist, — was ihm auch unser Hofrat, der alte Huisgen geraten, der ihm sagte: „Ein firmer Jurist mußt Du werden, Bursch, damit Du Dich und das Deine gegen das Lumpenpack von Menschen verteidigen kannst! Item dann und wann Unterdrückten beistehen und allenfalls einem Schuft am Zeug flicken kannst!"
„Vor allem soll der Wolfgang wieder gesund werden!" meinte die Rätin mit einem Seufzer.
„Ist er nur wieder bei seinem Mütterchen, so wird ihm schon auf die Beine geholfen! schmeichelte Kornelia, die nun am Arme der Mutter das Zimmer verließ, um Vorkehrungen zur Ankunft des geliebten Bruders zu treffen.--
* * *
An demselben 28. August 1768, am neunzehnten Geburtstag I. Wolfgang Goethes, an welchem in seinem Elternhause so lebhaft über das Wohl und Wehe des geliebten Sohnes gesprochen wurde, da stand vor dem Hause „Zur Feuerkugel" am Neumarkt zu Leipzig eine Postkutsche, die ein hochgewachsener Jüngling bestieg, deffen bleiches Gesicht und vorgebeugte Haltung schwere Krankheit verriet.
Frisch an Geist und Körper, voll guter Vorsätze erfüllt von Schaffensfreude war der einzige Sohn des Rates Goethe drei Jahre früher, im Oktober 1765 nach Leipzig gekommen. — Und heute?!
Mit zerrütteter Gesundheit, eine unglückliche Liebe im Herzen, — ohne das ihm vom Vater gesteckte Ziel erreicht zu haben, kehrte er nach Hause zurück!
Wie dem verlorenen Sohne in der Bibel war ihm zu Mute. —
Je näher er der Heimat kam, je ängstlicher klopfte sein Herz, je drückender ward ihm das Bewußtsein seiner Schuld! —
Und trotzdem konnte er sagen, — aber sein strenger Vater würde es ihm ja nicht glauben, — daß die Leipziger Zeit keine verlorene gewesen!
Besonders segensreich war für ihn der Umgang mit Oeser, dem Direktor der Zeichen-Akademie, von welchem Goethe schreibt:
„Neben Shakespeare und Wieland war Oeser mein Lehrer. Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folge haben. Er lehrte mich, das Ideal der Schönheit sei Einfalt und Stille, und daraus folgt, daß kein Jüngling Meister werden könne!"
Und weil Jung Wolfgang damals noch tief in den Lehrjahren steckte, das fühlte er ja, deshalb brauste und gährte es noch in ihm!
Sein Mütterchen würde ihn schon verstehen und — verzeihen! Aber der die Ordnung liebende, pedantische Vater?! Wie konnte er sich vor ihm verantworten, daß er alles andere lieber lernte, als wie die Juristerei, — daß er, um seine verschmähte Liebe zu betäuben, so auf seine Gesundheit gestürmt, daß ihn ein Blutsturz an den Rand des Grabes brachte? — — —
— — — Ein trauriger Empfang erwartete ihn im Elternhause. Der stark enttäuschte Vater war entsetzt über das hohlwangige Aussehen, des einst so blühend schönen Sohnes, — die lebensfrohe Mutter, die so ungern traurige Gesichter um sich sah, die alles scheute was ihre Seelenruhe stören konnte, die wie sie selbst erzählte: „Das Unangenehme stets zuerst that, den Teufel verschluckte, ohne ihn erst lange zu begucken" — sie mußte nun dem Unglück, das in Gestalt eines stechen Sohnes bei ihr eingekehrt, in's Auge sehen!
Schwere Zeiten waren über das sonst so glückliche HauS am großen Hirschgraben gekommen!
Der kranke Wolfgang konnte sich lange nicht erholen, Rückfälle, eine langwierige Geschwulst am Halse, aber auch Vorwürfe und Szenen mit dem ungeduldigen Vater verzögerten seine Genesung, zu der Mutter und Schwester in rastloser Pflege so viel beitrugen.
Wenn dann sein Mütterchen an seinem Bette im Giebelzimmer des Hauses saß, — mit ihrer Himmelsgabe Behagen ja Frohsinn verbreitend, ihm die trüben Gedanken ausredete, dann konnte der Wolfgang wieder lachen, dann strahlten auch seine großen dunklen Augen wieder. Und als er sich allmählich erholte, im Lehnstuhl sitzend sich mit Lesen, Zeichnen, und der Radierkunst beschäftigte, auch sein Genius wieder leise


