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vermutet das Bildnis von dessen Mutter sah. Das kann nicht bloß Nervosität und Launenhaftigkeit sein, das deutet auf einen dunklen Punkt in der Vergangenheit."

Aurelie, Du sprichst aus, was ich lange geahnt, aber mir selbst nicht zu gestehen gewagt habe!" rief hier Felicitas. Wenn ich jetzt rückschauend mir eine Reihe an und für sich ganz unbedeutender Vorfälle vergegenwärtige, so werden sie zu einer Kette, die viel, recht viel ergiebt."

Nehmen wir an, Corbus ist nicht der reiche Mann, für den er sich ausgiebt," nahm Aurelie wieder das Wort, er braucht Geld, er verlangt es von der Kommerzienrätin, die aus irgend einem geheimnisvollen Grunde ihm nichts verweigern darf. Sie giebt und giebt, ihre Mittel sind er­schöpft, er drängt, und sie kennt den Zauberspruch, der das Geheimfach ihres Gatten öffnet."

Aber, Aurelie! Du schilderst, als ob Du dabei gewesen bist!" rief Ernst bewundernd.

O, meine Phantasie geht noch weiter. Der Herr Doktor hat seine Augen zu unserer Felicitas erhoben, ich will annehmen, daß es wirklich aufrichtige Liebe sei"

Nein!" rief Felicitas dazwischen,wenn dieser Mensch mir naht, so ist es, als züngele nach mir eine Schlange, die mich in ihren Umschlingungen ersticken will"

Nun, gleichviel weshalb," sagte Aurelie wieder,sein Begehren ist auf Dich gerichtet, und die Kommerzienrätin unterstützt ihn dabei. Warum sollte sie das thun, wenn sie ihm nicht unterthan wäre?"

O, weil sie von thörichter Eifersucht gegen mich erfüllt ist, weil sie mich gern mit guter Manier und, ohne mich fortschtcken zu müssen, aus dem Hause hätte," erwiderte Felicitas, aber die Freundin beharrte:

Das wag alles sein. Darum hätte sie Dich aber doch wohl nicht des Diebstahls beschuldigt, wenn sie nicht die That von sich abwälzen müßte, wenn sie nicht auf diese Weise Dich gleichzeitig ihrem Vetter in die Arme zu treiben gedächte."

Aurelie, Aurelie, was macht Dich so hellsehend? Du sprichst meine innersten Gedanken aus!" schrie Felicitas auf. Weil sie sich mir unabweislich aufdrängen, deshalb muß ich aus dem Helldorfschen Hause fliehen."

Nein, deshalb mußt Du darin bleiben," erwiderte das junge Mädchen mit großer Bestimmtheit.

Aber, Aurelie, welches Verlangen!" rief Ernst vor­wurfsvoll..Ich gehe zum Kommerzienrat Helldorf und sage ihm alles."

Was denn? Die Gebilde meiner Phantasie oder die Ergebnisse meiner Kombination, nenne es, wie Du willst?" fragte mit einem leisen Lächeln Aurelie.Damit willst Du etwas bei dem Manne ausrichten, der sich wahrlich schwerer­wiegenden Verdachtgründen gegenüber nicht leichtgläubig verhält. Bedenke, was es heißt, dem Gatten die eigene Gattin anklagen!"

Was aber sollen wir thun?"

Still sein, abwarten und die Augen offen halten," sagte sie.

Ach, wir haben gesehen, was dies in der anderen Angelegenheit gefruchtet hat!" seufzte Ernst.

Wir werden auch in dieser noch zum Ziele gelangen," versetzte sie zuversichtlich,und hier liegen die Dinge doch anders. Ich hege die feste Ueberzeugung, daß sich in kurzer Frist Beweise finden werden. Ueberlassen wir auch etwas dem viel geschmähten, und doch allezeit wirksamen Helfer, dem Zufall."

Und ich soll Felicitas wieder in diese Räuberhöhle zurückkehren lassen? Nimmermehr!" schrie Ernst Sommer auf und legte den Arm, wie schützend, um die Geliebte.

Aurelie lächelte.Der Besitzer dieser Räuberhöhle ist ein Ehrenmann, wenn auch jetzt in einem verhängnisvollen Irrtum verstrickt, und außerdem hat seine Wohnung darin noch ein anderer, Hans Helldorf. Seinem Schutze kannst Du Felicitas anvertrauen."

So sollen wir ihn einweihen?"

Ueberlaßt das mir, ich habe kein Geheimnis vor ihm," sagte mit schelmischem Lächeln Aurelie, wollt Ihr Euch seiner Entscheidung unterwerfen?"

Felicitas sagte dies sofort, Ernst erst nach einigem Zögern zu, und sie kehrte, von ihm begleitet, in das Hell- dorfsche Haus zurück, um es vorläufig nicht zu verlassen.

Hans Helldorf, den seine Braut am nächsten Tage mit dem von Dr. Corbus gegen Felicitas unternommenen brutalen Angriff, wie mit ihren Vermutungen und Folgerungen be­kannt machte, stimmte ihr völlig bei, und es ward beschlossen, fich abwartend zu verhalten. Felicitas gewann es über sich, mit völlig gelassener Miene ihren Obliegenheiten nachzugehen und sich weder durch die zur Schau getragene Mißachtung der Kommerzienrätin, noch durch die ungewohnte große Zurück­haltung des Kommerzienrates aus ihrer Fassung bringen zu laffen. Corbus ließ sich nicht blicken, und so verstrichen die Tage anscheinend im gewöhnlichen Gleichmaß.

XIII.

Wieder stand Homann vor dem Polizeirat Reder.

Sie bleiben also dabei, daß von den Aktien, die Sie dem Bankier Sommer entwendet haben, keine wieder zum Vorschein kommen können?" redete der letztere den Ge­fangenen an.

Homann stutzte. Etwas in dem Wesen des Beamten verriet dem schlauen Patron, daß sich hinter dieser Frage eine Falle für ihn bergen könne, und er war deshalb doppelt auf seiner Hut.

Das habe ich nicht behauptet, Herr Polizeirat", sagte er bedächtig.Ich sagte nur, der Krempel habe nicht viel ausgemacht und sei lange versilbert. Es ist ja nicht unmöglich, daß noch nachträglich irgend ein überkluger Bankier ein Papier anhält. Er hat es dann aber aus zweiter oder dritter Hand".

Der Polizeirat schwieg einige Minuten. Der Mensch sprach so ruhig und überlegt, als stehe er nicht im Verhör seinem Richter gegenüber, sondern sei als Sachverständiger in einer ihm persönlich gleichgültigen Angelegenheit befragt worden. Es konnte sich auch verhalten, wie es von ihm darge­stellt ward, und trotzdem hatte Reder die feste Ueberzeugung, die Lage der Dinge sei eine andere.

Es ist, wie Sie sagen", erwiderte er mit angenommener Nachlässigkeit, behielt seinen Mann aber scharf im Auge. Es sind einige der Papiere zum Vorschein gekommen".

I, sehen Sie mal. Wirklich?" entgegnete Homann mit einem Lächeln, das halb Zweifel und halb Befriedigung ausdrücken sollte. So sehr er sich aber auch in der Gewalt hatte, entging es dem Polizeirat doch nicht, daß er durch die Nachricht überrascht ward und innerlich vor Begierde brannte, Näheres darüber zu erfahren. Er hielt es deshalb für geraten, ihn noch etwaszappeln" zu laffen, kramte in seinen Papieren, machte Notizen und gab sich den Anschein, als habe er vergessen, daß jemand vor ihm stehe, der durch ihn vernommen werden solle.

Homann konnte es zuletzt nicht mehr aushalten und fragte hastig:

Haben Sie denn jemand beim Verkauf der Aktien abge­faßt? Und was sind es denn für welche?"

Der Polizeirat lachte.Das möchten Sie also doch gern erfahren", sagte er gut gelaunt.Eigentlich sollt' ich's nun machen wie Sie und Sie auch lange warten lassen, ehe ich Ihnen sage, was Sie gern wissen möchten, aber ich will nicht so sein. Es sind Cöln-Mindener und Hamburger Prämien-Anleihe zum Vorschein gekommen".

Homann fuhr sichtlich zusammen.

Cöln-Mindener und Hamburger Prämien-Anleihe!" wiederholte er.

So ist es".

Und der, welcher sie verkauft hat, ist festgenommen