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Sie wollte Renata zum Ehrenmitglieds des Komplotts ernennen, aber diese lehnte kurz ab, da sie in solchen Dingen nicht Bescheid wiffe. Renata war verlegen und verbarg das hinter dieser kurzen Entgegnung.
Anna Burghoff zog die Schulcern hoch und ließ Renata stehen, die am liebsten sich gänzlich von dem lustigen Völkchen zurückgezogen hätte,- aber Viktor Burghoff kam ihr zuvor, holte ihr einen Stuhl und ließ sich unbefangen neben ihr nieder: „Ich höre von Frau Falkner, mit welch' sonderbarem Stadium Sie sich beschäftigen, Fräulein Renata, wie kommt es, daß diese längst vergangenen Gylfens Sie so interessieren!"
Renata lächelte, seine Art berührte sie immer so frisch und anregend, und so waren sie auch jetzt bald in ein eingehendes Gespräch vertieft.
„Ich muß gestehen, daß mich die Gegenwart dieses Hauses mehr beschäftigt als seine Vergangenheit," bemerkte Viktor mit liebenswürdiger Offenheit.
Fridas Augen waren schon oft zu den beiden hinüber gewandert, und ihr Mund zuckte maliziös, besonders als Anna ihren Bruder mehrere Male vergebens anrief. Sie forderte die Noten für den Chorgesang und man gruppierte sich um den Flügel.
„Was wollt ihr singen, Frida?" fragte Renata.
„Du wirst's ja hören, vielleicht erklärt es dir Herr Burghoff," erwiderte diese mit schnippischer Gereiztheit.
Verletzt zog sich Renata in den Hintergrund zurück- was hatte sie Frida gethan?
Vom Klavier her tönte lustiges Lachen, wenn falsch gesungen wurde- die Begleitung war auch mangelhaft. Da rief Anna Burghoff nach Renata, sie könne doch so schön spielen. Es half Renaten kein Wehren, sie mußte begleiten und zur allgemeinen Freude gings bald besser.
„Und nun bitte ich Sie herzlich, daß Sie uns den Genuß Ihres Spieles verschaffen." Viktors Stimme sagte es, und sie entsprach seiner Bitte.
Zwar war sie erst recht unsicher, und er bemerkte, daß sie ordentlich zitterte, so daß er betroffen fragte: „Aengsttgen Sie sich wirklich so?" Aber als er neben ihr stehen blieb, um ihr das Blatt zu wenden, da legte sich diese Zaghaftigkeit und sie spielte wunderschön.
„Sehen Sie, wie gut es geht," sagte Viktor befriedigt, als sie geendet.
„Ja, Sie müssen auch hier stehen bleiben," erwiderte sie mit einem kindlich vertrauensvollen Blicke.
Es freute ihn, daß sie Vertrauen zu ihm hatte. Sie fand nun auch den Mut, auf Wunsch der andern länger zu spielen und bat schließlich Burghoff um ein Lied. Sie hatte vorhin gehört, welch schöne Stimme er besaß.
Er erklärte sich bereit, wenn sie begleite, und mit freudigem Nicken ließ sie sich wieder vor dem Instrument nieder.
Jetzt dachte sie keinen Augenblick an die Zuhörer- sie hatte sich nicht getäuscht, wie schön sang er!
„Alle das Neigen
Von Herzen zu Herzen, Ach wie so eigen Schaffet das Schmerzen!"
Wie bestrickend schmiegten sich diese klingenden Töne um ihr Herz.
„Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh, Liebe bist du."
Traumverloren saß sie da und hörte nicht den Beifall der Gesellschaft, niemand achtete auf sie, nur Viktor ließ die Blicke sinnend auf ihr ruhen. Sie kam ihm heute so anders vor mit der lebhafteren Farbe und dem erregten Ausdrucke- wie verschönte das dies vornehme Gesicht!
Sie sah jetzt auf zu ihm: „Ich danke Ihnen, es war so schön," sagte sie leise.
Wie eigen berührten ihn diese einfachen Worte gegenüber der lauten Anerkennung der andern - es war doch ein wunderbares Mädchen.
Renata ging ins Nebenzimmer, es war ihr Plötzlich unerträglich unter den lachenden, schwatzenden Stimmen, und das grelle Licht der Lampe, die man mittlerweile angezündet, that ihren Augen weh.
Hier im anderen Zimmer fiel noch der letzte Tagesschein durchs Fenster, während der Hintergrund plötzlich im Dunkeln lag.
Renata hatte längst vergessen, daß sie einst vergebens bittend in diesem Raume gestanden, jetzt, wo sie beinahe Kindesrechte erlangt. Sie blieb vor den Fenstern, die beide eine tiefe Nische bildeten, stehen und schaute in das ersterbende Tageslicht, dann schob sie einen Seffel heran und ließ sich darin nieder. Ihr Profil hob sich scharf vom Fenster ab, und sie ahnte nicht, daß dort hinten ein paar Augen es unausgesetzt fixierten. Es war wohl ein wenig scharf geschnitten, wenn man an Renatens Jugend dachte, es hätte weicher, naiver sein können, aber es war edel. Renata wandte den Kopf, durch ein Geräusch im Hintergründe des Zimmers veranlaßt, und jetzt tauchte Gottfried Wolframs Gestalt daraus hervor und trat zu ihr: „Wurde es Ihnen zu bunt da drinnen?" fragte er, auf das Wohnzimmer deutend.
„Ja, ein wenig, Herr Professor," antwortete sie, „aber waren Sie immer hier? Ich habe Sie gar nicht bemerkt."
„Das glaube ich," entgegnete er mit schwermütigem Lächeln.
„Sie träumten- — nicht?" fuhr er fort, „und nun störte ich Sie."
Sah er im Dämmern, wie sie errötete?
„Sie stören mich nicht," sagte sie, „ich freue mich jedes Mal, wenn Sie für mich ein paar Augenblicke übrig haben." „Wirklich?" fragte er leise.
Sie nickte. Seine Gegenwart hatte etwas Wohlthuendes für sie, sie blickte voll Vertrauen zu ihm auf.
„Ich möchte noch eine Frage an Sie richten Fräulein Renata, die Sie nicht für unbescheiden auslegen dürfen," fuhr er nach einer Pause fort, „können Sie mir nicht sagen, wem Ihr Brüderchen ähnlich sah? Ich habe sein Bild sehr viel betrachtet und finde mit Ihnen gar keine Aehnlichkeit."
„Ich weiß nicht, ob er meinem Vater oder meiner Mutter glich- so lange ich denken kann, sah ich letztere mit grauem Haar und bleichem Gesicht, und von meinem Vater habe ich nur eine ganz dunkle Erinnerung."
Sie sah nicht die große Spannung in den Zügen ihres Zuhörers, mit der er an ihrem Gesicht hing- es war beinahe ganz dunkel geworden, und jetzt trat Frau Falkner mit der Lampe herein. Des Professors Antlitz zeigte Enttäuschung, er hätte vielleicht noch mehr gefragt.
Die Gesellschaft im Wohnzimmer rüstete sich zum Aufbruch, und Renata folgte der Hausfrau, um sich von den jungen Leuten zu verabschieden.
„Fräulein Renata," sagte Viktor, „wir müssen öfter zusammen musizieren, es war so hübsch," und er bot ihr das erste Mal die Hand.
„Und Sie singen mit mir das nächste Mal ein Duett," wandte er sich an Frida.
Diese lächelte spöttisch: „Sie sind sehr gütig, mein Herr, aber ich tauge nicht zu Nebenrollen."
Viktor sah das junge Mädchen mit seinen klaren Augen frappiert an- solche Abfertigung war ihm noch nicht zuteil geworden.
„Wie Sie befehlen- aber so viel ich weiß, ist Ihre Stimme, als erste im Duett, keine Nebenrolle." Sich ironisch tief verneigend nahm er Abschied, ohne ihr die Hand zu geben.
Frida klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und eilte an Renata vorbei nach ihrem Zimmer. Frida war ihr oft rätselhaft, während Max entschieden liebenswürdiger von seiner Reise heimgckehrt war.
Als man sich abends trennte, fragte Renata:


