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pflegte, küßte der Kommerzienrat ihre Hand und sagte lieb­kosend und gleichzeitig beschwichtigend:

Rege Dich nicht auf, Eugenie. Selbst wenn Du ganz gesund und kräftig wärest, würde der Zuschnitt unseres Hauses es Dir doch unmöglich machen, Hermine unter Deine spezielle Obhut zu nehmen. Sie ist ein eigenartiges Kind, das der beständigen Aufsicht bedarf."

Eigensinnig, verzogen durch meine Schuld," entgegnete sie schon wieder übellaunig.

Jetzt gab sich in seiner Stimme doch eine leichte Un­geduld kund, als er, ihre Hand aus der seinigen lassend, erwiderte:

Du solltest meinen Worten eine solche Deutung nicht geben, Eugenie, und Du weißt auch recht gut, daß Du mir damit unrecht thust. Es ist mir nie eingefallen, Dir aus Deiner Liebe für die einzige Tochter einen Vorwurf zu machen, selbst wenn Du darin bei Hermine, wie auch bei Adalbert, etwas zu weit gehen solltest," setzte er zögernd hinzu.

So vorsichtig die Aeußerung gethan war, fuhr sie doch auf:Ich muß sie doch schadlos halten für das, was ihnen an Vaterliebe mangelt," sagte sie giftig.

Aber Eugenie!"

Willst Du leugnen, daß Du Hans den beiden anderen weit vorziehst?"

Ja, das leugne ich nicht nur, sondern das erkläre ich für durchaus unwahr!" antwortete der Kommerzienrat, und sein Gesicht nahm jetzt den entschiedenen, energischen Ausdruck an, den es im Geschäftsleben trug, den aber seine von ihm sehr geliebte und arg verzogene Gattin nur selten an ihm zu sehen bekam. Ec setzte sich in geringer Entfernung von ihr auf einen Stuhl und fuhr fort:Meine drei Kinder sind mir ganz gleich lieb; der Unterschied zwischen den beiden Söhnen ist nur, daß ich mit Adalbert öfter ein ernstes Wort reden muß, während Hans mir eigentlich nie Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat."

Ja, er ist ein Mustermensch," bemerkte die Kommerzien- rättn spöttisch.Es kommt freilich viel auf die Auffassung an. Nicht jeder Vater wäre so ohne weiteres zufrieden, wenn sein Sohn"

Lassen wir das, Eugenie, es führt wirklich zu nichts, darüber zu reden!" sagte, die Stirn in finstere Falten legend, der Kommerzienrat. Freundlicher fuhr er fort: Wir sind also hinsichtlich Fräulein von Kressens ganz ein­verstanden. Sie bleibt"

Das heißt, so lange sie mir nicht ernsten Anlaß zur Unzufriedenheit giebt!" fiel seine Frau ein.

Das versteht sich von selbst. Aber sie wird es nicht thun. Es ist ja über sie nur eine Stimme. Hermine hat sich so wunderbar an sie gewöhnt und hängt an ihr, Hans hat sie gern, und Adalbert nennt sie sogar den Friedensengel."

Die Kommerzienrätin war während der Rede ihres Gatten unruhig auf ihrem Stuhl hin und her gerückt und hatte nur mit Mühe an sich zu halten vermocht. Jetzt brach sie in Thränen aus.

D mein Gott, mein Gott! So weit ist es schon ge­kommen! Und das wagst Du mir ins Gesicht zu sagen! Meinen Mann, meine Kinder raubt sie mir. Auch die Dienstboten folgen ihren Winken! Ich bin eine Null im Hause!" Sie redete sich immer mehr in ihren Zorn hinein. Lauter und kreischender wurde ihre Stimme.

Der Kommerzienrat hatte diesem Ausbruch verwundert, aber doch mit jener Gelassenheit zugeschaut, die Zeugnis da­für gab, daß derartige Auftritte für ihn nicht zu den Seltenheiten gehörten.

Aber Eugenie, welche Uebertreibung!" mahnte er kopf­schüttelnd.

Sie hatte sich schon wieder gefaßt und sagte jetzt mit weicher Stimme und bittendem Blick:Vergieb, Konstantin! Ach, ich bin ein krankes, hilfloses Geschöpf, habe Mitleid, habe Geduld mit mir!"

Er streichelte ihre Wangen, auf welchen jetzt eine dunkle, ungesunde Röte brannte und redete ihr zärtlich, wie einem Kinde zu.

Ich liebe Dich ja so sehr, mein Konstantin," flüsterte sie, sich an ihn schmiegend,und der Gedanke, daß eine andere

Nicht weiter!" unterbrach er sie.Du beleidigst Dich und mich und

Ja, ja, Du hast recht!" stimmte sie ein.Ach, wenn ich gesund wäre, würde vieles anders sein!"

Du könntest es sein oder wieder werden," redete er ihr zu.Die Aerzte, die wir zu Rate gezogen haben, sagen übereinstimmend, Deine Krankheit liege nur in den Nerven. Wenn Du Dich etwas mehr zusammen nehmen wolltest."

Sie lachte bitter:Was die Aerzte nicht alles sagen! Lassen wir es gut sein. Ihr werdet mich schon so nehmen müssen wie ich bin. Allzulange werdet Ihr die Last nicht mehr zu tragen haben, das fühle ich hier!"

Sie preßte die Hand auf das Herz, und ihrem Gatten blieb nichts übrig, als sie mit Liebkosungen und guten Worten zu beschwichtigen. Als er glaubte, daß ihm dies gelungen sei, zog er die Uhr aus der Tasche und sagte!

Jetzt ist es aber die höchste Zeit, daß ich gehe, die Börsenstunde hat bereits geschlagen. Auf Wiedersehen, liebe Eugenie."

Seiner Frau Hand und Stirn küssend, entfernte er sich und atmete draußen tief und wie befreit auf, denn der in dem mit aller erdenklichen Eleganz und feinstem Geschmack ausgestatteten Gemach herrschende Duft von allerlei Essenzen legte sich beklemmend auf die Brust des gesunden, kräfttgen Mannes.

Die Kommerzienrätin Helldorf war die zweite Gattin ihres Mannes.

Konstantin Helldorf hatte das von seinem Vater unter dieser Firma begründete Bankgeschäft übernommen und auf dessen Wunsch die Tochter eines Geschäftsfreundes geheiratet, die ihm ein großes Vermögen zugebracht hatte.

Obwohl es keine schwärmerische Liebe gewesen, welche die Gatten zu einander geführt, hatten sie doch in durchaus guter, friedlicher Ehe mit einander gelebt, die leider nur von kurzer Dauer gewesen war.

Frau Helldorf hatte einem Sohne das Leben gegeben und war, nachdem alles glücklich überstanden, im Wochenbett plötzlich einem Herzschlag erlegen. Konstantin hatte sie auf­richtig betrauert, nach kaum zweijähriger Witwerschaft aber einen zweiten Ehebund geschloffen, für den bei ihm keinerlei andere Rücksichten als die aufrichtigste Liebe maßgebend gewesen war.

Eogenie Wegenberg, eine Verwandte seiner ersten Gattin, die auch zur Zeit von deren Tode bei ihm im Hause gewesen, war ganz arm, aber von großer Schönheit und einem sehr liebenswürdigen, einschmeichelnden Wesen.

Das Glück, das er sich von diesem Ehebunde versprochen, hatte sich freilich nicht einstellen wollen. Eugenie zeigte bald eine große Reizbarkeit und maßlose Ansprüche. Ihre Gatte vermochte die letzteren zu befriedigen, denn er ward mit jedem Jahre reicher, war durch Orden, wie durch den Titel Kommerzienrat ausgezeichnet worden und hätte den Adel erlangen können, wenn sein schlichter Sinn nicht einer solchen Standeserhöhung abhold gewesen wäre.

Ganz ebenso dachte sein Sohn erster Ehe, Johannes, der den Beruf des Vaters erwählt hatte, ihm bereits eine kräftige Stütze im Geschäft war und sein ebenbürtiger Nach­folger zu werden versprach, während Adalbert, der Sohn zweiter Ehe, ganz gern dasvon' vor seinen Namen gesetzt haben würde. Er studierte Jura und Staatswissenschaften, und sein Ehrgeiz, noch vielmehr aber der der Mutter, ging dahin, daß er die diplomatische Laufbahn einschlagen solle. Vor­läufig genoß er freilich als Korpsstudent in vollen Zügen