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das heraus, aber er nahm sich zusammen und sagte ernst: „Nein, nein, mein Kind. Damit hat das wirklich nichts zu schaffen. Doch sprechen wir nicht weiter davon."
Damit küßte er sie auf den rosigen Mund und glaubte die Sache abgethan. Allein Else ließ sich durch Liebkosungen nicht ohne weiteres versöhnen. War es doch ihr größter Kummer, daß Konrad darauf bestand, sie als Kind zu behandeln. Und sie fühlte sich schon durch ihre kühle, poesielose Lebensauffaffung völlig gereift und erwachsen. Im übrigen hatte sie an ihm nichts auszusetzen. Sie war ohne irgend welche Illusionen in die Ehe getreten,- sie hatte nie vorgegeben, eine schwärmerische Neigung für Konrad zu empfinden/ und er war mit ihrer lauen Freundschaft, ihrer oberflächlichen Zärtlichkeit zufrieden. Was konnte er denn mehr erwarten, er, der um soviel älter war, als sie? Er fand sein Genügen darin, für sie zu sorgen, ihre zierliche Gestalt, ihr liebliches Gesichtchen zu bewundern und bewundert zu sehen, sich ihrer Munterkeit und ihrer lustigen Einfälle zu freuen.
So war der Sommer herangekommen. Eines Tages kam Else, die sich bei den ihrigen nur selten blicken ließ, zu ganz ungewohnter Stunde in das Andreeschen Speisezimmer gerauscht. Sie sah entzückend aus in einem leichten Seidenkleide, auf dem Kopfe ein niedliches Kapotthütchen, unter dem das gekräuselte Blondhaar in künstlicher Unordnung hervorquoll.
„Könnt Ihr mir was zu essen geben?" fragte sie und setzte sich ungeniert an den Speisetisch. /Mein Mann ist verreist, und mit der Alten hab' ich mich gezankt."
„Du hättest auch etwas früher kommen können," bemerkte Martha, indem sie der Schwester einen Teller hmschob. „Du kennst doch unsere Stunden."
Das gemeinsame Mittagsmahl war beendet, und die Mehrzahl der Teilnehmer hatte sich bereits zurückgezogen.
„Ach Gott! Ich wollte eigentlich auch zu Hause essen, aber —" Sie unterbrach sich, um mit graziösem Kopfnicken die Verbeugung zu erwidern, mit der die letzten Gäste, zwei Herren, soeben die Tafel verließen. „Ihr habt Euch ja merkwürdig verbesfert," meinte sie, nachdem sich die Thür hinter den beiden geschlossen. Wie kommen denn diese interessanten Fremdlinge in Euer Altwetberspittel'?" Die respektwidrige Bezeichnung rührte von Leonhard her. „Wer war denn der furchtbar Große, der aussah, als ob er ein Lineal verschluckt hätte."
„Herr Dievenow," antwortete Martha.
„Stand?"
„Chemiker."
„Und Leutnant der Rerserve im so und sovielten Olden- burgischen Infanterieregiment," fiel mit wichtiger Betonung die kleine Lotte der Schwester ins Wort. „Das ist nämlich die Hauptsache."
„Wieso?" Else wollte noch weitere Erkundigungen einziehen, doch eben öffnete sich eine Thür, und der Besprochene erschien wieder in derselben. Herr Dievenow war auffallend groß und sah um so größer aus, als er sich gerade hielt. Eine schöne männliche Erscheinung, kräftig, breitschulterig / der Kopf kleiner und die Züge feiner, als man es zu der Athletenfigur erwartet hätte.
"AH bitte um Verzeihung, Frau Andree. Eine geschäft- lrche Angelegenheit führte mich her/ allein ich sehe, daß ich ungelegen komme."
unb 8°r nicht," entgegnete Frau Andree verbindlich und stellte ihn vor. „Herr Dievenow, meine Tochter, Frau Rechtsanwalt Ziel."
Er wollte sich mit einer förmlichen Verbeugung zurückziehen, aber Else gedachte nicht, ihn so leichten Kaufes loszulasscn.
„O Roastbeef!" rief sie, auf den Teller blickend, den man ihr soeben gebracht hatte. „Sie als Norddeutscher essen wohl gern Roastbeef Herr Dievenow?" Sie freute sich, so schnell einen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben.
„Gewiß, gnädige Frau. Doch lege ich im allgemeinen auf das Essen wenig Wert."
Seine Stimme klang weich und angenehm/ seine Redeweise, seine Bewegungen waren langsam, gemessen, selbstbewußt.
Else hatte das Gefühl, als ob sie mit ihrem Unterhaltungsversuche abgefallen sei, und Frau Andree bat jetzt den jungen Mann, ihr zu folgen, um im Nebenzimmer die wirtschaftliche Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte, mit ihm zu ordnen.
„Ein recht steifer Herr, meinte Else, das st, wie er es that, spitz aussprechend. „Und so unliebenswürdtg wie möglich."
„Das finde ich nicht," entgegnete Martha ruhig. „Seine ganze Schuld bestand doch nur darin, daß er sich nicht für die Effensfrage interessiert, und damit ist er meinem Empfinden nach im Rechte."
„Natürlich!" ereiferte sich Else. „Das könnt' ich mir denken, daß Du ihn in Schutz nehmen würdest. So recht ein Herr, wie sie Dir gefallen/ ernst wie das Grab, steif wie ein Stock, unnahbar, hochmütig, eingebildet — etwas ganz Besonderes — in seinen Augen nämlich! — so wie es sich für meine ganz besondere Schwester geziemt. Das imponiert Dir!"
Martha machte eine ärgerliche Bewegung.
„Ich bitte unterthänigst um Verzeihung!" lachte Else. „Wie lange ist denn dieser weiße Rabe schon bei Euch?"
„Seit vierzehn Tagen."
„Und bleibt?"
„Ich weiß es nicht. Vermutlich auf längere Zeit."
Hellmuth Dievenow war, einem an ihn ergangenen Rufe folgend, aus seiner norddeutschen Heimat in die mitteldeutsche Residenz gekommen, um eine Stellung an einer chemischen Fabrik einzunehmen. Falls die Erwartungen, die man in ihn setzte, sich verwirklichten, harrte seiner dort in nicht allzuferner Zeit der Posten eines technischen Direktors. Er war ein wissenschaftlich gebildeter, in seinem Fache tüchtiger Mann, dem alle, die ihn näher kannten, mit der größten Hochachtung begegneten. Freilich gab es deren nicht viele. Er trug in der Regel eine gewiffe abweisende Kühle zur Schau/ und nur wenige Menschen durften sich seiner Freundschaft oder auch nur einer intimeren Bekanntschaft rühmen. Sein Bestreben war, zu jeder Zeit und in jeder Lage vollständig korrekt zu handeln. Den Stempel derselben Korrektheit, die seinen inneren Menschen beherrschte, trug auch sein Aeußeres und sein ganzes Auftreten. Sein Anzug war stets tadellos. Alles was ihn umgab, seine Bücher, seine Papiere, die gesamte Zimmereinrichtung befand sich stets in peinlichster Ordnung. Und daß er in seinem Streben nach Ordnung und Sauberkeit hier so wirksam unterstützt wurde, machte ihm die Pension Andree wert und angenehm.
(Fortsetzung folgt.)
Schlaflosigkeit, ihre Verhütung und Bekämpfung.
Von Dr. med. Ernst Müller, Berlin.
------- (Nachdruck verboten.)
Der physiologische Vorgang, den wir als Schlaf bezeichnen, hat seine letzte Ursache in dem Verbrauch von Spannkräften in den Nerven, zumal im Gehirn, der einen Ersatz notwendig macht. Man nimmt allgemein an, daß der Schlaf durch Ansammlung von Zersetzungsprodukten im Körper, und namentlich in den nervösen Zentralorganen erzeugt wird. Welcher Art diese Zersetzungsprodukte sind, weiß man nicht mit Bestimmtheit, ebensowenig kennt man ihre chemische Be- chaffenheit. Besser dagegen sind wir über die Umstände orientiert, welche für das Eintreten des Schlafes und für die gestörte Fortdauer desselben von Bedeutung sind. Die Erörterung dieser Umstände schließt sich am besten an die Vorgänge des täglichen Lebens und an die Wahrnehmungen


