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„Hertha!" Es kam wie ein Schrei aus Hans von Trotts Munde, er breitete die Arme aus, und riß sie an seine Brust.
Sie lag da unter Lachen und Weinen. „O, Du undurchdringlicher, eiserner Mann, wie hast Du mich und mein eigensinniges, selbstherrliches Herz bezwungen, daß ich nun nichts mehr will, als für Dich leben und bei Dir sein."
Durch seinen Körper ging noch ein Beben. „Ich kann es nicht glauben," sagte er dumpf.
„Du wirft es glauben, aber — wenn ich nun meinem Vormund meine Verlobung melde und um seine vormundschaftliche Einwilligung bitte, da muß ich ihm doch den wahren Namen meines Liebsten nennen können — so gleichgültig es mir auch ist, ob er Mr. White oder anders heißt, aber Baron von Trott wird den Namen wissen wollen."
Hans sah sie mit einem verklärten Blick an und lächelte. .
„Sage ihm nur, Du habest Dich mit Mr. White verlobt, er kennt meinen wahren Namen. Ob Du ihm aber eine Freude machst mit der Nachricht —"
Sie sah ihn starr an, als ob ihr allerlei neue Gedanken heraufdämmerten. Er aber schlang jetzt seinen Arm um sie und küßte sie heiß.
„Ich verlange viel, ich verlange Unerhörtes von Dir, Hertha," rief er bewegt, „aber Du, die Du so viel gabst, habe jetzt noch ein kleines Weilchen Geduld, hören wir, was Baron Jobst antwortete Auch ich werde ihm schreiben."
Sie sank in einen Stuhl und schlang die Hände in einander.
„Wunderbar, wunderbar!" wiederholte sie, „nun, es sei! Ich verspreche Dir, auch zu warten. Sage mir nur das eine — müssen wir hiuübergehen in den fremden Weltteil?"
„Du würdest mir also dahin folgen?"
„Selbstverständlich — bis an das Ende der Welt!" „Hertha! warten wir — vielleicht brauche ich das Opfer nicht von Dir zu fordern."
Er kniete zu ihren Füßen, die zurückgedämmte Bewegung übermannte ihn, er barg das Haupt an ihrer Brust. Wie der starke Mann zitterte, ihre weiche Hand strich liebkosend über seinen Scheitel. „Nun bist Du nicht mehr heimatlos," flüsterte sie, „an meinem Herzen ist fortan Deine Heimat."
Am anderen Morgen erhielt sie ein Billet vom Baron Jobst, das ihr seine Ankunft in Berlin meldete, von seinem gewohnten Absteigequartier aus datiert. Er wollte zunächst Albert aufsuchen, und dann später, um mittag, zu ihr kommen. Wie wild ihr das Herz schlug. Was würde sie erfahren — ihr großes Rätsel löste sich langsam, und ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber das war jetzt nebensächlich, es handelte sich nur darum, ob ihr Vormund in ihre Verbindung mit dem Unebenbürtigen willigen werde — und ob Mr. White wirklich ein Unebenbürtiger war.
Trotz allem fühlte sich Hertha, als wandle sie auf Wolken, gerade in den Himmel hinein.
Der alte Herr fuhr zuerst zu dem Kranken. Er fand ihn besser, als er nach den letzten Nachrichten erwartet hatte. Schwach und mit recht spitz gewordenen Zügen, sonst aber heiter und klaren Geistes, lag der Kranke auf seinem Lager.
Es freute ihn sehr, daß der Onkel kam, nach ihm zu sehen, es war wohl noch niemals eine solche Herzlichkeit im Ton zwischen Onkel und Neffen fühlbar gewesen wie heute.
Alberts Herz war übervoll. Er sprach von seinem Bruder, von Hans, dessen noch nie zwischen ihnen erwähnt worden war. ES war Albert Bedürfnis, sich endlich all die schweren Dinge von der Seele zu reden, er wollte auch in den Augen des Onkels kein anderer mehr sein, als er war.
Da erfuhr denn der alte Herr sonderbare, ihm ganz neue Dinge — auch die Veranlassung, welche den Bruder zuerst nach Trautdorf geführt, wie er zwei Liebende hatte glücklich machen wollen, und wer die große Künstlerin Billanh war.
Baron Jobst saß schweigend mit seinem undurchdringlichen Gesicht, aus dem der Kranke nicht den Eindruck seiner
hastig gegebenen Beichte herauszulesen vermochte. Der Onkel wehrte ihm nur mitunter, wenn seine Rede zu lebhaft wurde, und mahnte ihn, sich nicht aufzuregen.
Auch seiner Schulden erwähnte Albert, und daß Hans sie getilgt habe. „Ich glaube, es wird ihm schwer augenblicklich," sagte er, »und seit ich hier krank und fiebernd lag, ist mir viel durch den Kopf gegangen, ich habe mir gesagt, was ich hätte thun sollen. Hans wollte Dich schonen, Du solltest nicht noch einmal Kummer erleben an Deinem zweiten Neffen, wie er sich ausdrückte — er gab mir einst das Versprechen, auf sein Erbe zu verzichten, wenn ich Mathilde heimführte. Jetzt, wo sie mir verziehen hat und wir versöhnt sind, glaubt er sich an sein Wort gebunden, und das darf nicht sein. Er ist Dein würdiger Nachfolger, auch wenn ich genesen sollte, ich taugte nie dazu. Und so, Onkel, ist meine erste Bitte an Dich, vergieb ihm, was er einst fehlte, und verschließe Dich nicht vor dem Eindruck deffen, was er jetzt ist. Was mich betrifft, ich erwarte Deinen Richterspruch und hoffe, daß er gnädig sein wird. Mir ist so Großes geworden, daß ich für alles Hoffnung habe — das Leben hat mich in die Schule genommen, Onkel, und wenn ich von diesem Krankenlager erstehe, so erstehe ich als ein anderer, als der ich war."
Baron Jobst neigte langsam das Haupt. „Schone Dich einstweilen," sagte er ernst, denn die Fieberrosen fingen schon wieder an zu blühen auf den bleichen Wangen, „diese Beichte taugte heute nicht gerade. Es wäre besser gewesen, Du hättest sie früher abgelegt. Es findet sich alles später, ich gehe, und Du mußt ruhen. Ich habe mich für zwölf Uhr bet Hertha angemeldet."
Als der alte Herr das Krankenzimmer verließ, traf er draußen mit dem Arzt zusammen, welcher schon von seiner Anwesenheit gehört hatte. Er hatte eine längere Unterredung mit demselben, tröstlichen Inhalts. Bet der Jugend und im übrigen gesunden Konstitution des Patienten hoffte der Arzt nach dieser neuesten Wendung das Beste. Er bekannte, daß er noch am gestrigen Abend eine so rasche Veränderung zum Guten nicht erwartet habe — indes es lägen so oft bet solchen Zuständen seelische Erregungen mit zu Grunde, und darüber vermöge der Arzt in den wenigsten Fällen zu urteilen. Es wirkten da zuweilen Eindrücke, welche sich seiner Beobachtung völlig entzögen. Jedenfalls habe er zu seiner eigenen Ueberraschung seinen Kranken heute morgen fieberfrei, erfrischt und weit regsamer und anteilsvoller gefunden und hoffe nun bestimmt, ihn durchzubringen.
Baron Jobst sah sehr nachdenklich aus, als er in seinen Wagen stieg. Sein alter Kopf fand sich schwer in diese wunderbaren Neuigkeiten. Während er noch immer mit Albert, als seinem Erben und Nachfolger, gerechnet und eine Verbindung zwischen ihm und Hertha gewünscht hatte, war dieser mit dem ernstlichen Gedanken umgegangen, eine Unebenbürtige zu heiraten. Und jetzt — die schöne, junge Künstlerm, welche er als werten Gast in seinem Hause beherbergt, stieg vor seinem Geiste herauf — er lehnte sich in die Wagenecke zurück, und seine Stirn lag in Falten — die Künstlerin als Gast und die Künstlerin in der Familie, das waren zwei verschiedene Dinge. Er murmelte allerlei für sich — der Name »Hans" fiel von seinen Lippen, der Name, den er so lange nicht genannt und doch nie vergeffen hatte.
Er fuhr jetzt zu Hertha, ahnungslos, welche Ueberraschung dort seiner wartete.
Sie kam ihm entgegen mit einem glückverklärten Ausdruck in ihrem Gesicht, der zu der Veranlassung, die ihn nach Berlin geführt, wenig paßte. Und — was bedeutet denn das? Aus der Fensternische trat die breite Gestalt Mr. Whites — seines Neffen Hans von Trott.
„Onkelchen! Du kommst von Albert, es geht ihm ja besser, hier Mr. White hat mir eben die beruhigenden Nachrichten über ihn gebracht" — sie stockte, sie war verlegen, sie, die gewandte Hertha, welche sich sonst leicht in alle Lagen


