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Leonhard schlug ungeduldig mit dem Absätze seines derben Soldatenstiefels auf den Fußboden. Dievenows Gelassenheit, weit entfernt, ihn zur Vernunft zu bringen, reizte ihn nur noch mehr.
„Ja, ja! Sie haben gut reden. Was soll denn aus mir werden — Sie wissen ja nicht —"
Dievenow unterbrach ihn. „Was auch geschehen sei, stellen Sie sich Ihrem Vorgesetzten- das ist der einzig korrekte Weg!"
Leonhard lachte höhnisch auf. „Korrekt! Mit der Korrektheit ist'S vorbei — wenn einer einen Menschen umgebracht hat."
„Umgebracht?" wiederholte Dievenow entsetzt.
„Ja, umgebracht!" rief Leonhard, mit grausamer Deutlichkeit jede Silbe betonend.
„Schreien Sie doch nicht so," herrschte ihn Dievenow an. Hatte er nicht ein Geräusch im Vorzimmer gehört?
„Nein, nein," erwiderte Leonhard. „Man verfolgt mich nicht. Und bei Ihnen würde man mich sicherlich nicht suchen. Aber ich gehe schon —" Er wagte nicht mehr, um Hilfe zu bitten.
„Wenn ich Ihnen als Deserteur zur Flucht verhelfen wollte, würde ich mich zu Ihrem Mitschuldigen machen und —"
„In meiner Stellung als Reserveoffizier," fuhr Leonhard mit grimmigem Hohne fort und erhob sich.
Dievenow legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes.
„Nehmen Sie Vernunft an; erzählen Sie mir den Hergang."
„Wozu? Es ist auch nicht viel zu erzählen. Wir waren zusammen auf Wache. Dieser Mensch hatte mich schon mit Sticheleien gequält bis aufs Blut. So arg wie heute hatte er es noch nie getrieben. Immer griff er meinen Vater an. Warum, weiß ich nicht. Er hat ihn gar nicht gekannt. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Und heute! Ich sollte nicht stolz sein, sagte er, er sei — es will mir nicht über die Lippen — er sei mein Bruder! Da warf ich ihn nieder, den infamen Lügner!"
„Und — Sie sind sicher, daß er gelogen hat?" fragte Dievenow langsam, den Blick zu Boden gesenkt.
„Dievenow!"
„Mein armer Freund," fuhr Dievenow mit gedämpfter Stimme fort, „wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mich sehr vorsehen, ehe ich für die Ehre meines Vaters die Hand ins Feuer legte,"
„Was soll das heißen?" schrie Leonhard. „Gegen meinen Vater soll niemand etwas sagen — niemand — niemand —"
Unter dem festen Blick des älteren Mannes waren die Worte des Jünglings unsicher geworden- das letzte „niemand" erstarb fast auf den bleichen Lippen.
„Stellen Sie sich Ihrem Vorgesetzten," begann Dievenow noch einmal eindringlicher, und zum erstenmal brach warme menschliche Anteilnahme durch das Eis seiner Reserve. „Ihr Eifer ehrt Sie, aber eine schadhafte Reputation wird dadurch nicht besser, daß man sie möglichst geräuschvoll verteidigt. Ich weiß nicht, ob der junge Mensch die Wahrheit gesprochen hat- aber ich weiß, daß es verschiedene Punkte im Leben Ihres Vaters giebt, die am besten mit dem Schleier der Vergessenheit bedeckt werden."
„Sie lügen!" kreischte Leonhard wild auf. „Sie lügen! '*
Dievenow zuckte die Achseln.
Leonhard wandte sich und ging langsam festen Schrittes der Thür zu. Dort schaute er noch einmal zurück. Dievenow stand unbeweglich.
„Sie lügen!" stammelte Leonhard noch einmal. Aber er glaubte selbst nicht mehr, was er sagte.
XXIV.
Frau Andree und Martha saßen im Wohnzimmer über das große Rechnungsbuch gebeugt, mit dem Monatsabschluß
beschäftigt. Das Geld aus der Hauptkaffe hatten sie auf den Tisch ausgeschüttet und nach verschiedenen Wertsorten geordnet, um sich so das Zählen zu erleichtern. Plötzlich wurde die Thür aufgertssen. Erschrocken blickten sie auf.
„Du hier?!"
Sie hatten ihn nicht erwartet, der da vor ihnen stand, und fast hätten sie ihn nicht erkannt: wie ein Gespenst seiner selbst, weiß und fahl- nur die schwarzen Augen glühten unheimlich in ihren Höhlen.
„Um Gotteswillen, Leonhard, was ist geschehen?"
Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Nachher, Mutter, nachher. Erst mußt Du mir eine Frage beantworten." Er trat dicht an sie heran. „Mutter, war mein Vater ein Ehrenmann?"
Frau Andree stockte das Blut im Herzen. Bei aller Unruhe und Aufregung lag eine solche Feierlichkeit in Leonhards Gebühren, daß sie fühlte, hier gab es kein Entweichen- sie mußte Rede stehen, sogleich. Ohne zu forschen, warum er komme zu dieser Stunde, in diesem Aufzuge. — Aber wie sich so schnell fassen, was ihm sagen? Hatte sie darum Jahre lang im stillen gekämpft und gelitten, daß ein einziges Wort alles vergeblich machte? Nein, sie wollte nicht niederreißen, was sie aufgebaut hatte.
„War mein Vater ein Ehrenmann?" klang es noch einmal an Dorotheas Ohr.
„Und: „Ja," sagte sie leise und bestimmt.
Leonhard atmete tief auf, und Martha preßte wie erleichtert die Hand gegen die wogende Brust.
„Er hat nichts gethan," fuhr Leonhard fort, „dessen er sich zu schämen hätte, nichts, das nicht vor aller Welt ausgesprochen werden dürfte? — Mutter, er hat nichts gethan, womit er Dich gekränkt hätte, was sein Andenken in Deinem Herzen trüben könnte?"
„Nichts," flüsterte sie.
„Schwöre mir das, Mutter!" rief Leonhard ungestüm. „Schwören!" stammelte die Unglückliche.
„Ich bitte Dich darum."
„Schwören?" kam es noch einmal wie ein Hauch von den bebenden Lippen.
,/Ja, schwören, Mutter. Wenn es wahr ist, kannst Du es auch beschwören, und Du mußt und Du wirst es!"
„Nein," sagte Frau Dorothea- und sie wußte, daß in diesem Augenblicke der Tempel, den sie dem Andenken ihres Gatten errichtet hatte, krachend zusammenbrach.
„Nein!" schrie Leonhard.
„So hast Du uns getäuscht!" rief Martha.
„Hast uns belogen und alles, was jene anderen behaupteten, ist wahr — o Gott, alles — alles! — Unser Vater hat sein Vermögen durchgebracht zu seinem Vergnügen, und als er fertig damit war, als er sich und uns ruiniert hatte, nahm er sich das Leben —"
„Das weiß man nicht," murmelte Dorothea, — „das weiß man nicht."
„Er hat Dich hintergangen," fuhr Leonhard in höchster Erregung fort, „und jener Mensch ist wirklich mein Bruder, — und ich habe ihn erschlagen, weil er das behauptete."
„Leonhard!" Wie ein Schrei rang es sich von zwei Lippenpaaren.
„Ja, das habe ich gethan. Er begeiferte das Andenken meines Vaters, und wie einen tollen Hund habe ich ihn niedergeschlagen — Du weißt schon wen, Mutter. Und er hatte recht, und ich bin zum Mörder geworden um nichts — ich Narr! o ich Narr!"
Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn und rannte wie ein Wahnsinniger aus dem Zimmer.
Einen Augenblick verharrten die beide« Frauen wie gelähmt in dumpfer Betäubung, einen Augenblick nur, dann erhob sich Frau Andree. Ueber all den furchtbaren seelischen Qualen war ihr nicht ganz die Erwägung dessen verloren gegangen, was zunächst not thue - nur das Nächstliegende ins Auge fassend, mit mütterlicher Zärtlichkeit für die Wohlfahrt


