rechtigte, so herausfordernd, so drohend vor Mich hinzutreten, wie Sie es eben thun."
Die Wirkung dieser Worte blieb nicht aus.
Der Vagabund verlor seine Zuversicht. Während er eben noch stramm aufgerichtet, jede Muskel gespannt, dastand, sichtlich durchdrungen von seinem Machtgesühl, rückte er jetzt mit der Schulter hin und her, ließ den Kopf finken und knüllte mit der Hand an seiner Mütze herum.
„Allerdings, da haben Sie recht, das wollt' ich auch gar nicht behaupten, im Gegenteil — das heißt am Ende — wissen Sie, ich glaube an keine Wohlthat, es steckt immer ein Zweck dahinter. — Aber das ist ja gleich. Sie haben dem Kinde das Leben gerettet und es aufgezogen. Das ist einmal was Gutes und nichts Schlechtes. Nun aber sind sechszehn Jahre darüber vergangen, Sie haben das Kind noch immer, man hält es in der ganzen Stadt für Ihr eigenes, und Sie sind, so viel ich weiß, diesem Gerüchte nie entgegengetreten. Daraus schließe ich, daß Sie das Kind auch fernerhin behalten wollen, daß Sie es lieb haben wie Ihr eigenes, es vor jedem Schaden hüten wollen wie Ihr eigenes, — nicht wahr?"
„Das werde ich, verlasien Sie sich darauf."
„Nun ja, das finde ich ganz natürlich," fuhr der Vagabund fort.
„Nun kommt aber zu Ihrem großen Verdrusse der wirkliche Vater. Er hat zwar nichts weniger als väterlich gehandelt an dem Kinde, aber er ist einmal sein Vater, sein wirklicher und einziger Vater, da ändert kein Gott und kein Teufel was dran. — Er verlangt sein Kind zurück —"
„Das er mit der Mutter in Elend und Not verlassen, in den Tod getrieben. Sie wagen es? Sie haben die freche Stirn —"
Holaus' Fäuste ballten fich, er machte einen Schritt gegen den Vagabunden.
„Nur nicht hitzig werden, Herr HolauS, das nützt nichts. In meiner Lage wagt man alles. So sagen wir, er will sein Kind sehen, sprechen, er will ihm sagen, daß er sein Vater ist."
Es klang jetzt etwas heraus aus der Stimme, was Holaus' Zorn und Haß unwillkürlich dämpfte, etwas, das im grellem Widerspruche stand zu dem frechen Benehmen von eben.
„Auch darauf haben Sie jedes Recht verwirkt."
„Oho!"
Der Vagabund unterdrückte rasch seine weiche Regung und lachte chnisch.
„Wer sagt Ihnen denn das? Wo steht denn das geschrieben? Das Recht verwirkt sich nie. Vom Galgen herab kann ich ihr zurufen, hier steht Dein Vater."
Holaus sah seinen Fehler ein, mit Gewalt war hier nichts zu wollen.
„Also lassen wir das Recht. Was erreichen Sie damit, wenn Sie sich Ihrem Kinde zu erkennen geben? Erstens, daß sich dasselbe unter Ekel und Verachtung von Ihnen wendet, dem unnatürlichen Vater. Zweitens, daß Sie dasselbe von neuem unglücklich machen, töten,- jawohl, wenigstens bürgerlich töten. Wollen Sie das?"
„Allerdings, das will ich nicht- aber, wenn ich es nicht will, so ist das eben eine Wohlthat für Sie, und daß ich nicht in der Lage bin, Ihnen, dem reichen Herrn Holaus, der im Fette sitzt, so mir nichts, dir nichts eine Wohlthat zu erweisen, das werden Sie begreifen. Nicht wahr? Und wenn ich dann als Entgelt dafür Arbeit von Ihnen verlange, so ist daS nicht zu viel verlangt. Ich könnte ja auch etwas anderes verlangen, bar Geld, ein jährliches Auskommen vielleicht — was würden Sie wohl dazu sagen?"
Holaus atmete erleichtert auf.
„Im Gegenteil," erwiderte er etwas hastig. „Darüber ließe sich vielleicht eher reden. Aber hier im Hause, das geht nicht, das werden Sie doch einsehen —"
„Das sehr ich gar nicht. Ich pfeife Ihnen auf eine
Abfindungssumme, das hält doch nicht an bei mir. Ich hab's einmal satt das Herumwandern wie der ewige Jud'. Warm sitzen möchte ich einmal und jemand um mich haben, der — der, nun, der mir näher steht, als andere Leute, wenn er gleich selbst nichts weiß davon. Meinen Sie denn, ich habe mich umsonst erkundigt? Oh, es war nicht so leicht für mich, das können Sie glauben. Kurz, Herr Holaus, wenn Sie wollen, daß ich schweige, so lassen Sie mich hier."
Holaus öffnete die Schublade seines Schreibtisches, nahm ein Schreiben heraus und reichte es dem Vagabunden. Es war die gerichtliche Aufforderung betreffs des steckbrieflich verfolgten Andreas Fichtner.
„Hier, lesen Sie, und dann sagen Sie selbst, ob es für Sie möglich ist, zu bleiben?"
Der Vagabund nahm das Schreiben und las.
Er lachte höhnisch in fich hinein.
„Sie haben natürlich darauf geantwortet, daß Sie von dem Fichtner nichts wissen," sagte er nichts weniger als betroffen.
„Damals antwortete ich so, weil es sich wirklich so verhielt," erwiderte Holaus.
„Na, also, das ist ja famos. Ein zweites Mal wird man bei dem hochangesehenen Herrn Holaus gar nicht anzufragen wagen, und wenn man es wirklich wagt, dann wird der Herr Holaus erst recht nichts wissen von dem Andreas Fichtner, von dem Vater seiner geliebten Tochter. Offen gesagt, ich rechnete auf so etwas. Oh, man denkt alles, wenn man so gehetzt wird wie ein wildes Tier. Jetzt bringen Sie mich erst recht nicht fort."
Holaus sah das Netz sich immer enger ziehen, mit welchem dieser Mensch ihn umgarnte.
In seinem Gehirne schwärmten die Gedanken, unzählige Vorstellungen, Möglichkeiten. Er war nicht mehr imstande, sich zu wehren, noch weniger, den rechten Weg zu finden."
„Sie verlangen also von mir, daß ich einem Verbrecher Unterschlupf gewähre, mich zu seinem Genossen mache?"
Es war der letzte, ohnmächtige Versuch.
„Oh, was das betrifft, beruhigen Sie fich. Wenn man einmal in der Patsche steckt, einen.schlechten Rock am Leibe hat, dann ist der Steckbrief gleich hinterher. Ich bin kein Räuber und kein Mörder, — einen Namen auf einen Platz, wo er nicht hingehört, einige andere Kleinigkeiten, das ist alles. — Also, — Sie schaffen mir Platz, Herr Holaus. Ich war einmal Stuckateur, ich zeichne gar nicht schlecht, und schweigen will ich, wie das Grab. Stoßen Sie mich hinaus, — rede ich! Dann wollen wir sehen, was das Mädel spricht."
Holaus zuckte unter den letzten Worten zusammen. Alle erdenklichen Möglichkeiten stiegen in ihm auf.
„Nein, das dürfen Sie nicht, — jetzt wenigstens nicht, — vielleicht später,- Sie können zeichnen, sagen Sie? Kopieren wenigstens?"
Der Vagabund antwortete nicht. —
Hufschlag ertönte. — Er starrte zum Fenster hinaus. Mit einem Sprunge war er dort.
„Die, — die Dame ist meine Tochter?" sagte er, mit dem Ausdrucke höchsten Erstaunens.
Holaus riß ihn mit einem rauhen Griff zurück.
„Ich warne Sie, Fichtner, wenn Sie sich verraten, ist alles verloren."
Er fühlte den Menschen zittern unter seinem Griffe. „Und der Reiter? — den kenne ich ja, ich hielt ihn gestern für Sie und bat ihn um Arbeit. Er schlug nach mir mit der Peitsche, er hat mich hinausgehauen zum Thore. Wohl Ihr Kompagnon? Am Ende der Herr Bräutigam, was?"
Der Reiter küßte eben galant seiner Begleiterin die Hand, dann sahen sie fich, so schien es auch Holaus, der jetzt mit Fichtner zusammen hinab blickte auf das Paar, auffallend ausdrucksvoll an. Er flüsterte ihr etwas zu. Sie errötete, zuckle die Achsel und sprengte der Stallung zu, während er hastig aus dem Sattel stieg.


