Ausgabe 
8.3.1898
 
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pflichtet, zog der Alte ein sehr verschmitztes Gesicht und antwortete:

Will ich nicht bestreiten, obschon er seine Schulden wohl kaum gemacht hat, um die vielen Collegien, die er besucht hat, zu bezahlen, kann ihm ja auch so angeflogen sein. So viel weiß ich aber, hätte ich eine junge Frau oder schöne Töchter, Stephan Holten würde nicht Hausarzt bei mir." .

Meta vermochte es jetzt nicht mehr zu ertragen. Sie warf ihrem Vater einen flehenden Blick zu, und dieser hatte Mitleid mit ihr, obgleich es ihm gar nicht unlieb war, daß sie das Urtheil Göbeners über Holten gehört hatte. Er hob die Tafel auf und gleich darauf verabschiedete sich auch der Amtmann. Er habe noch auf der Buschmühle zu thun und wolle vor Nacht wieder zu Hause sein.

Der Amlsrath hielt ihn nicht und Meta athmete auf, als er sich entfernt hatte. Sie ging in das von ihr be­wohnte, mit einer ganz hellgrünen Tapete bekleidete, reizend mit meergrünen Möbeln und Vorhängen, Schreibtisch, Bücherschrank und Nähtisch, Kupferstichen, Statuetten und Blumen ausgestattete Zimmer und wenige Minuten später folgte ihr Vater ihr dahin.

Sie blieb auf dem , kleinen Divan, auf den sie sich, den Kopf in die Hand gestützt, niedergelassen hatte, sitzen, schaute mit einem traurigen Blick zu ihm auf, und er setzte sich neben sie.

Meta," sagte er, den Arm um ihren Nacken schlingend und ihren Kopf an seine Schulter lehnend,Du hast mich verstanden."

Ich habe Dich verstanden," wiederholte sie,Du hast ihn abgewiesen. O Vater, Vater, mußte es sein?"

Es mußte sein," erwiderte der Amtsrath mild, aber fest.Meta, Du kennst mich, ich kann meine einzige Tochter nicht an einen Arzt verheirathen!"

Sie machte sich aus seinen Armen los und schaute mit ihren wundervollen Nixenaugen zu ihm:Kannst Du ihn wirklich abweisen um dieser"

Sie suchte nach einem Ausdruck, der Vater kam ihr zu Hilfe und sagte:Um dieser Schwäche willen. Nenne es immerhin so, es ist eine Schwäche, ich weiß es, aber sie würde mein ganzes Leben vergällen, eine Scheidewand aufrichten zwischen meiner einzigen Tochter und mir, mich trennen von dem Liebsten, was ich auf Erden habe. Kannst Du mir dieses Opfer zumuthen?"

Meta schwieg und drückte den Kopf gegen die Kissen des Sophas. Der Amtsrath stand auf, machte einen Gang durch das Zimmer, ergriff ein zierliches Petschaft, das auf dem Schreibtisch stand, betrachtete es, ohne doch recht zu wissen, was er in der Hand hielt, legte er es wieder nieder, ging nach dem Sopha zurück und blieb neben der Tochter stehen.

Du antwortest mir nicht," redete er sie wieder an. Sie blickte auf, es schien, als sei ihr Gesicht Plötzlich älter geworden und habe scharfe Züge bekommen.

Ich will, ich darf Dir keine Opfer zumuthen, Du hast mir so viel gebracht," sagte sie.Um meinetwillen bist Du nach dem frühen Tode meiner Mutter einsam ge­blieben, um meinetwillen"

Sprich nicht davon!" unterbrach er sie.Ich habe nichts für Dich gethan, was ich nicht gern und freudig zehnmal wieder thäte."

Nur das Eine nicht," sagte sie tonlos,das Eine, von dem mein Lebensglück abhängt."

Ich sagte Dir heute schon einmal, das ist Einbildung."

Und wenn ich nun den Grund Deiner Abneigung gegen Stephan auch in der Einbildung suchte?"

Er lachte kurz auf.Ich habe gar nicht gewußt, daß Du eine so geschickte Dialectikerin bist. So will ich Dir denn gestehen, daß ich bereits hart mit dieser Schwäche gerungen habe. Nachdem ich Holten abgewiesen hatte, stiegen mir Bedenken auf, ob ich recht daran gethan "

O, mein guter Vater, ich wußte es ja!" rief sie aus, haschte nach seiner Hand und drückte sie an seine Lippen. Er nahm ihre Hand und sprach, sie in der seinigen haltend, weiter:

Freue Dich nicht zu früh. Wohin ich mit meinen Erwägungen gelangt wäre, weiß ich nicht, sie waren noch lange nicht abgeschlossen, als Göbener kam. Was er mir über Holten mitgetheilt, hat mich überzeugt, daß ich Recht gethan habe. Wollte ich selbst meine Schwäche, meine Ein­bildung, meine Abneigung nenne es wie Du willst zu überwinden suchen, so kann ich einen Menschen, wie ich ihn durch Göbener kennen gelernt"

Du glaubst, was der alte Schleicher sagt!" suhr Meta auf.Es ist nicht ein wahres Wort daran."

Aber Kind, jetzt bist Du verblendet."

Durchaus nicht- ich sehe ganz klar."

Göbener war heute in einer so guten, menschen­freundlichen Stimmung, wie ich ihn selten gesehen. Er lobte Frau und Kinder und Schwiegersöhne"

Um desto glaubwürdiger zu erscheinen, wenn er einem Anderen Böses nachsagte."

Ich glaube, Du thust ihm zu viel Ehre an, wenn Du ihm eine so feine Berechnung zutraust. Er gilt wohl in Handel und Wandel für sehr verschmitzt, aber das wäre beinahe ein Diplomatenstückchen, das traue ich ihm nickt zu.

Es giebt gar nichts, was ich ihm zmraute!" rief Meta in immer steigender Erregung.So lieb ich immer seine Frau gehabt habe, so wenig kann ich den Alten leiden. Schon als Kind fürchtete ich m'ch vor ihm und am meisten, wenn er mir schön that, mir die Wangen streichelte und mich sein liebes Schwiegertöchterchen nannte. Als er heute so liebevoll von Anna Holten sprach, erfaßte mich eine wahre Angst um das Mädchen."

Wer Dich reden hörte, müßte denken, Göbener sei ein Menschenfresser und mästete Anna, um sie später zu schlachten," scherzte der Amtsrath.Was sollte er gegen Anna im Schilde führen k"

Das weiß ich nicht, aber etwas Gutes ist es sicher nicht. Vielleicht will er sie nächstens unter irgend einem Vorwand aus dem Hause werfen und sich vorher weiß brennen. Vielleicht sollte ihr Lob nur dazu dienen, um die Verleumdungen gegen Stephan glaubhafter zu machen."

Thut nichts, der Jude wird verbrannt!" lachte der Amtsrath,lobt Göbener, witterst Du eine Absicht, tadelt er, witterst Du sie auch. Warum sollte er Holten ver­leumden?" r , ,

Meta schüttelte den Kopf.Muß ich Dtr das wirklich erst sagen, Vater?" fragte sie und wurde glühend roth. Er hat bereits ausgeschnüffelt, wie es zwischen mir und Holten steht, ist lediglich hergekommen, um zu spioniren."

Hat sich nebenbei auch das Mittagsessen und den Wein recht gut schmecken lassen," schaltete Wenzel ein.

Und hat es sich angelegen sein lassen, Holten bei Dir und bei mir anzuschwärzen. Man könnte ihm schon zutrauen, er habe es lediglich aus Bosheit gethan, weil er seine Freude daran hat, die Leute zu verhetzen, aber es war doch durch- sichiig genug, daß er dabei noch einen anderen Zweck im Auge hatte. Solche überkluge Leute, wie Göbener, begehen immer den Fehler, daß sie die Anderen für dümmer halten, als sie sind."

Und das läßt sich mein Töchterchen nicht gefallen, sagte der Amtsrath belustigt und durch die allerliebste alt­kluge Miene, mit welcher Meta diesen Spruch der Weisheit hervorbrachte.Jst's die Krankheit oder etwas Anderes, wodurch Du so scharfblickend geworden bist? fügte er, ihr die erröthete Wangs streichelnd hinzu. ,

Ach, Vater, Du kannst scherzen und mir ist so sterbenstraurig zu Muthe!" seufzte sie.

Meinst Du, mir wäre leicht ums Herz?" sragte er - dagegen,doch bleiben wir bei Göbener.Du meinst, er