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beinahe zur Gewißheit geworden — und diese Gewißheit fand eine traurige Bestätigung.
Zu Füßen der mit einer Decke verhüllten Leiche lag Adolf Göbener, den abgeschossenen Revolver noch in der krampfhaft geschlossenen Hand haltend. Den Rock hatte er ausgezogen und bet Seite geworfen, Weste und Hand waren befleckt von Blut, das allem Anschein nach aus einer Brustwunde hervorströmte und schon den Fußboden zu rölhen begann.
„Ich ahnte es nach den Reden, die er heute geführt hat," stöhnte Frau Büttner und sank laut schluchzend ihrem Manne in die Arme, ihre viel resolutere ältere Schwester beugte sich aber zu dem am Boden Liegenden nieder, öffnete Weste und Hemd und sagte zu ihrem Gatten:
„Er lebt noch. Komm her, steht mir bei. Vielleicht ist er noch zu retten."
XXIII.
Doctor Carl Pohl, der, wie Doctor Holten und Ewert angegeben, mit dem Frühzuge von Berlin in Greifswald eingetroffen, hatte in Gegenwart einer Gerichtscommission, des Physikus und des Doctor Holten eine höchst interessante Untersuchung mit dem Papagei vorgenommen.
Die glücklicher Weise ganz wohl erhaltene Vogelleiche war vor Aller Augen von Schmutz und Kalk gereinigt und abgetrocknet toorben; hierauf hatte Doctor Pohl mit großer Sorgfalt das Kleingefieder abgerupft, und kaum war dies geschehen, mit dem Tone der vollsten Ueberzeugung gerufen: „Es ist wie ich gedacht- der Vogel ist nicht ertrunken, sondern vorher getödtet und schon als Leiche ins Wasser geworfen. Sehen Sie hier die Beweise."
In athemloser Spannung umdrängten die in dem schmucklosen Gerichtszimmer Versammelten den Tisch, hinter welchem der kleine ältliche Mann im schlichten braunen Rock, mit spärlichem blonden mit grau gemischten Haar über einer hohen, gewölbten Stirn und grauen Augen, stand, dessen Profil die scharf gebogene Nase etwas Vogelartiges gab, was durch den steten Verkehr mit den Vögeln noch verstärkt sein mochte. Ein wenig hastig und leicht mit der Zunge anstoßend, trotzdem aber fließend und einleuchtend, fuhr er fort:
„Der Papagei ist durch Schläge, die rasch Hintereinader mit einem Stock über Kopf und Rücken geführt worden sind, getödtet worden. Der Schädel hat einen Eindruck und Knick und der Rücken ist bedeutend verletzt."
Er reichte den Papagei zur näheren Besichtigung dem Physikus, der ihn wieder Doctor Holten gab. Beide machten dieselbe Wahrnehmung und pflichteten dem Ausspruch des Doctor Pohl in allen Punkten bei.
„Sie sind bereit, dieses Urtheil mit Ihrem Namen zu vertreten?" fragte der Staatsanwalt den Gelehrten.
„Ich verbürge mich dafür," antwortete dieser mit voller Zuversicht, aber doch sehr bescheiden, „und ich darf woyl sagen, ich habe Aehnliches vorausgesehen. Es wäre eine große Seltenheit, daß ein Papagei freiwillig ins Wasser fliegt."
Es ward ein Protocoll ausgenommen, das Doctor Pohl und die Anwesenden unterzeichneten, dann war der Gelehrte mit Ewert, dessen Mission ebenfalls in Greifswald ihr Ende erreicht hatte, mit dem nächsten Zuge nach Berlin zurückgekehrt und der Verhaftsbefehl gegen den Amtmann Daniel Göbener in Rapshagen ausgefertigt worden.
Göbener erwies sich in den ersten Verhören, welche der mit der Untersuchung betraute Amtsrichter Kroh mit >hm anstellte, ganz ebenso widerspenstig wie bei seiner Verhaftung. Er ließ sich auch nicht zu dem kleinsten Zugeständnisse herbei, gab ganz kurze, knappe Antivorten oder verweigerte solche auch wohl gänzlich. Er behandelte die Angelegenheit spöttisch und von oben herab, als ob eS unter seiner Würde sei, sie überhaupt ernsthaft zu nehme« und änderte dieses Verhalten auch nicht, als ihm das Protokoll mit der Aussage des Doctor Pohl vorgelesen wurde.
„Ach, solche gelehrte Stubenhocker meinen, sie hören- das Gras wachsen und wenn sie aufs Land kommen, können sie nicht Gerste von Hafer unterscheiden," sagte er verächtlich. „Darauf ist doch nichts zu geben. Uebrigens giebt es viele grüne Papageien."
„Ö ja, Doctor Pohl hat uns erzählt, daß es in Berlin mindestens tausend Mädchen und Frauen giebt, die sich Papageien halten," erwiderte der Amtsrichter, scheinbar aus diesen Ton eingehend, „aber nur ein einziger, der, welche» Anna Holken im Besitz gehabt, ist auf dem Gute Rapshagen < nahe beim Paddenteich verscharrt gewesen."
„Und wissen Sie denn so bestimmt, daß es derselbe ist, den Ihr Herr Doctor Pohl untersucht hat?" stellte nun seinerseits Göbener die Frage.
„Ja, das weiß ich. Ich war selbst gegenwärtig, als Ihr Knecht Krischan, der den Papagei auf Ihr Geheiß verscharrte, ihn wieder ausgrub und habe ihn dann bis zur Ankunft des Sachverständigen in Verwahrung behalten."
„Hübsches Complott, was Sie da mit meinen eigenen Leuten gegen mich geschmiedet habelfl" brummte Göbener in den Bart; lauter sagte er: „Meinetwegen ist es auch der Papagei und meinetwegen mag Ihr Doctor Pohl Recht haben, daß der Vogel mit einem Stock todtgeschlagen ist. Was geht das mich an? Ich bin nicht dabei gewesen, als die Geschichte passirt ist."
„Das eben entspricht nicht der Wahrheit," entgegnete der Amtsrichter.
„Oho! Ich bin gleichzeitig mit den beiden Knechten vom Hofe fortgegangen! Sie werden das bezeugen müssen."
„Gewiß, das werden sie. Sie haben sich recht geschickt ein Alibi verschafft."
„Es haben mich auch noch verschiedene andere Leute gesehen und mit mir gesprochen."
„Und wieder Andere haben gesehen, daß Sie nach A Rapshagen zurückgekehrt sind."
„Versteht sich, um zwölf Uhr zum Mittagsessen, wo ich die saubere Bescheerung gefunden habe," lachte Göbener hämisch.
„O nein, unmittelbar nachdem Sie und die Leute vom Hofe fortgegangen waren," erwiderte der Amtsrichter und- las ihm die Aussage von ein paar Tagelöhnern vor, die in einer Scheune beschäftigt gewesen waren, und gesehen hatten, wie er umgekehrt nach Rapshagen zurückgelaufen und nach einer ganzen Weile erst wiedergekommen und über die Felder gegangen sei.
„Ach, das ist ja Alles erfunden und erlogen," sagte Göbener wegwerfend, „es verlohnt sich ja gar nicht, erst darüber zu reden. Warum kommen denn die Kerle erst heute mit ihrer Weisheit zum Vorschein?"
„Weil sie bis dahin in Ihrem Benehmen gar nicht» Besonderes gefunden haben. Jetzt aber fällt es in's Gewicht. Seit Sie die Auszahlung der Versicherungssumme verlangt haben —"
Göbener schlug ein häßliches Gelächter auf.
„Das ist's, die Herren von der Gesellschaft „Vorsicht^ stecken dahinter. Sie wollen nicht mit dem Gelbe herausrücken."
„Sie müssen doch zugeben, daß eS sehr auffällig ist, daß Sie ein junges, gesundes Mädchen versichert haben."
Göbener zuckte nur die Achseln.
„Warum thaten Sie das? Antworten Sie!" mahnte der Amtsrichter.
„Weil ich keine Betteldirne zur Schwiegertochter habe« mochte!" stieß Göbener zwischen den Zähnen hervor.
„Und eine so hohe Summe."
Wieder nur ein verächtliches Lächeln.
„Warum versicherten Sie das junge Mädchen und- nicht im Namen Ihres Sohnes?"
„Weil ich die Geschichte bezahlte," platzte Göbener heraus. „Sie waren ja noch nicht verheirathrt."
(Fortsetzung folgt.)


