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O. E. W.
8 gleichen falschen Edelsteinen Ost Menschen, die bedeutend scheinen — Ihr äuß'rer Schliff nur macht uns blind.
Um in ihr Inneres zu dringen,
Muß man sie aus der Fassung bringen, Dann zeigt sich's, daß sie merthlos sindl
Das Haus der Schatten.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
Einzeln holte er jedes Kleidungsstück hervor, durchwühlte seine Taschen und warf es dann achtslos auf einen Stuhl. Auch hier war das Suchen vergeblich, bis endlich noch ein einziger Rock im Schranke hing, hinten an der weit zurückgelegenen Wand des tiefen Gelasses. Aber als der Assessor dies letzte Stück vom Haken lösen wollte, zeigte es sich, daß das Band sich mehrfach verschlungen hatte und den tastenden Händen widerstand. In seiner Erregung vermochte er es nicht rasch genug zu lösen, und in plötzlich aufwallendem Zorne riß er das Kleidungsstück mit einem festen, kräftigen Griffe vom Nagel.
Jetzt hielt er es in den Händen, zugleich aber geschah etwas Anderes, Ueberraschendes. Durch den heftigen Ruck erschüttert, sprang die Rückwand des Schrankes auf, und vom Nebenzimmer her drang das im Schwinden begriffene Tageslicht durch einen handbreiten Spalt herein. Also war eS keine feste Mauer gewesen, die den Schrank nach hinten geschlossen hatte- auch dort befand sich, ebenso wie nach vorn, eine einfache Thür, die jetzt sich aufthat und den Weg in jene Zimmer eröffnet, die seit Jahren verschlossen, von keines Menschen Fuß betreten, in der ungestörten Ruhe des Todes dagelegen hatten. Die Zimmer des Verstorbenen! Wollte er dem Suchenden durch diesen seltsamen Zufall ein Zeichen geben, daß er in seiner Nähe sei, daß der Wunsch nach seiner Wiederkehr ihn erreicht habe, daß er der Stimme warte, die ihn rufen und seinen Schatten aus dem Dunkel des Grabes hervorlocken würde in die Welt des Lebens?
Blitzgleich fuhren all' diese Gedanken durch den übermüdeten, zermarterten Geist des Suchenden. Was er noch eben gewollt und gewünscht hatte, war vergessen, das losgerissene Kleidungsstück warf er zu den anderen, ohne es
auf seinen Inhalt zu untersuchen. Ein Grausen packte ihn, wenn er daran dachte, die einsame Behausung des Tobten zu betreten, und doch trieb es ihn gewaltsam, unwiderstehlich hinein. Er versicherte sich noch einmal, daß die Thiir seines eigenen Zimmers verschlossen sei, dann durchschritt er die tiefe Höhlung in der dicken Mauer — wie der Eingang zu einer Gruft kam sie ihm vor, — stieß die aufgesprungene Thür vollends zurück und betrat die verlassenen, verbotenen Räume.
Es war nicht mehr voller Tag, aber der Reflex der Schneeflächen auf den Nachbardächern und auf dem Hofe drunten verstärkte das Licht und hielt die niedersinkende Dämmerung auf, sodaß noch Alles deutlich zu erkennen war. Die beiden Zimmer, die der Regierungsrath Henninger hier im Hinterflllgel des Hauses bewohnt hatte, waren nicht großer hatte sie, wie Georg einmal gehört hatte, deshalb gewählt, weil er sehr empfindlich gegen alles Geräusch gewesen war und hier am ungestörtesten hatte arbeiten können. DieVer- bindungsthür zwischen beiden Zimmern stand offen, und der Eindringling vermochte rasch das Ganze zu übersehen.
Zuerst kam das Arbeitszimmer, niedrig, aber wohnlich eingerichtet, mit schweren, eichenen Möbeln, ein paar großen, bequemen Sesseln und brauner Täfelung bis hoch hinauf.- Links an der Wand, unmittelbar neben der geöffneten Thür des Schrankes anstatt der sonst im Hause üblichen Oefen war ein großer Kamin aus grünlichem Marmor angebracht, von dessen schwarzer Platte zwischen ein paar silbernen Armleuchtern der in Bronze schön gearbeitete Kopf des Zeus Otricoli herabschaute. Einige altersdunkle Oelbilder, Familienporträts von zweifelhaftem Kunstwerth, hingen an den Wänden.
Das Schlafzimmer war noch kleiner, als dies Wohngemach, und sehr einfach ausgestattet. Es lag neben der Küche, und hatte durch den von dort vorspringenden Ausbau eine hakenähnliche Grundform. In der tiefen, dämmerigen Nische, die zwischen Corridorwand und jenem Borsprung lag, befand sich ein großes, alterthümliches Bett, das Sterbelager des Todten. Was an Mobiliar hier sonst noch vorhanden war, ging über das Nothwendigste nicht hinaus, und das suchende Auge forschte vergeblich nach etwas Fremdartigem, Absonderlichem.
Und doch war es Georg, als müsse in der dumpfen, eingeschloffenen, modrigen Luft dieser seit Jahren nicht geöffneten Räume ein Geheimniß wohnen, das der Enthüllung wartete. Als müsse aus der stärker werdenden Dämmerung eine Gestalt, ein Ton, eine Erscheinung hervortreten, die Vergangenes oder Ueberirdisches verkündigte. Als harrten diese Zimmer, diese Möbel, die unverändert geblieben waren


