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Nase in die Luft und sagte herablassend.Der Wirth meldet, daß das Abendbrod servirt ist, führen Sie mich zu Tisch!" Sie reichte ihm gnädig, von oben herab, die Fingerspitzen, während Hellmuth einen Augenblick betroffen zögerte.

Gehorsam ist des Christen Schmuck, mein verehrter Assessor!" lachte der Graf Willibald in bester Laune, Majestät haben befohlen und ich bitte."

Er machte eine heitere Geste nach dem Hotel und bot Pia chevaleresk den Arm,meine Frau erwartet die Scharf­schützen !"

Der junge Forstmann war dunkelroth geworden. Sein strahlender Blick traf Fräulein von Nördlingen, und sich galant vor Mr. Luxor und Fränzchen verneigend, und ihre derbe, kleine Hand auf seinen Arm legend, sprach er laut, mit beinah jubelndem Klang in der Stimme:Und wenn ich auch besiegt bin das Leben ist doch schön, o Königin!"

All right! persiflirte das Backfischchen, und schritt an seiner Seite feierlich und würdevoll derKrone am tiefen Rhein" entgegen!

* * *

Es war doch Frühling! frische, erquickende Nachtluft strömte balsamisch durch das offene Fenster, und doch hatte Pia das Gefühl, als müsse sie in der Gluth des Zimmers ersticken! Sie konnte noch nicht schlafen, warum sich schon zu Bette legen?

Hinter ihrer Stirn hämmerte und klopfte es, sie schritt langsam, die Hände verschlungen und das Haupt leicht zurückgelehnt, in der Stube auf und ab.

Noch nie im Leben hatte sie eine derartige Unruhe ge­quält, wie heute. Noch nie hatte sie die Begegnung mit einem Menschen so völlig aus allem Gleichgewicht gerissen, wie die mit Assessor Hellmuth. Ein unbegreifliches Fühlen und Empfinden stürmte auf sie ein.

Himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt.

Der Gedanke an ihn verließ sie nicht.

Es hätte ihr so gleichgültig sein sollen, ob der Fremde mit ihnen soupirte oder nicht, und dennoch schlug ihr Herz wie beseligt auf, als Fränzchen ihre neue Königinwürde durch die originelle Tischeinladung bestätigte.

Und als sie an seiner Seite gesessen, und Fränzchens übermüthige Laune die kleine Tischgesellschaft ansteckte, so daß Scherzen, Lachen und Becherklang harmonisch durch die Lenzesluft tönte, da fanden sich die Blicke immer häufiger und sprachen unbewußt aus, was die Lippen wohl nie ge­wagt hätten, zu bekennen!

Und Pias Herz erzitterte, die Glücksschauer von Liebe und Sehnsucht weht darüber hin, und waS seit Jahren den reichen, eleganten und vornehmen Cavalieren deS high lifö nicht geglückt war, dieses Herz durch langes, dringendes Werben zu gewinnen, das war einem fremden Wandersmann in wenig Stunden geglückt. Ist das lebhafte Interesse, welches sie an ihm nimmt, wirklich mehr wie freundschaftliche Sympathie? Das junge Mädchen preßt die Hände gegen die Schläfen, und ihr Blick irrt wie in angstvoller Hilflosig­keit zu der silbernen Mondscheibe empor, welcher ihr träumerisches Licht durch das Fenster gießt. Sie weiß eS nicht, ihr klares Urtheil ist getrübt, wie rosige Schleier wallt es vor ihren Augen, wenn sie an ihn denkt.

Und dennoch, wäre es nicht Thorheit? nicht Wahnsinn? wie oft hat sie spöttisch die Lippen gekräuselt, wenn sie in Romanen las, wie schnell die Liebe und Leidenschaft Macht über Menschenherzen gewinnt Es schien ihr unfaßlich, und sie lächelte darüber und war überzeugt, daß wohl nur krank­hafte und überspannte Phantasie solch einPrima Vista- Lieben" sich ausdenken könne!

Und nun?

Wie eine Krankheit ist es über sie gekommen! Wenn sie sich frägt:Warum gefällt er Dir so gut?" weiß sie

keine Antwort, keine andere als jenen unbestimmten Begriff: weil er mir gefallen muß! ist er so schön?"

Sie findet: mehr noch wie schön! Sein Antlitz ist geistvoll, energisch, stolz, vornehm, und dabei drückt eS doch so ßviel warmherziges und edles Empfinden auS, wie kein anderes je zuvor.

Sein Blick fesselte sie, eS liegt eine Macht darin, die sie sich nicht erklären kann.

Aber sie entsinnt sich, daß einst eine geistreiche Dame im Salon ihrer Verwandten sehr interessant über diese ge- heimntßvolle Macht des AugeS gesprochen hat. Der Blick ist der Träger eines Geistesfunkens, welcher da zündet, wo er verwandte Seelen trifft. Man entdeckt ja neuerdings so viel wunderbare Naturkräfte man photographirt sogar die Hände und ihre electrische Ausstrahlungen und zeigt, wie Haß und Liebe an sich denselben bildlich darstellen läßt.

Und solch ein geheimnißvoller glühender Strom geht von seinem Auge und seiner Hand aus, und setzt rettungslos ihr ganzes Wesen und Sein in Flammen!

Und dies soll ja die wahre und echte Liebe sein.

Dieser Sturmlauf der Leidenschaft, welcher steht und siegt!

Alles Andere ist nursich aneinander gewöhnen," ein allmäliches Abstumpfen und Resigniren, welches den Wider­stand lähmt und die Vernunft über das Herz siegen läßt. Diese» laue Gefühl der Duldung, welches aus längerem Verkehr entspringt, hat nie das Herz, sondern nur der Ver­stand geboren. Man lernt die guten Eigenschaften, den vor­trefflichen Character, das engelhaft treue und offenmüthige Wesen eines Menschen kennen, und wenn man früher auch noch so kalt und gleichgültig an ihm vorüberging, so bewirkt diesesKennenlernen" doch allmälich ein Interesse, welches sich mehr und mehr erwärmt, bis eS in der ruhigen, leidenschaftlichen Ueberzeugung gipfelt:Dieses Wesen gefällt Dir doch recht gut und paßt vortrefflich für Dich, sprechen wir das entscheidende Wort!"

Und das soll Liebe sein?

Pia schüttelt Plötzlich erregt den Kopf. Nein! tausend­mal nein! all diese vermeintlich Liebenden lieben nicht! Sie kennen nicht diesen heiligen Sabbath im Herzen, diese Wethestunde süßer Herzensqual! Sie ahnen nicht, was dies Hoffen Wähnen, Bangen und Jauchzen, dieses Sinnen und Träumen mit offenen Augen besagen will! Sie haben nie von ihrem eigenen Empfinden wie vor einem süßen Räthsel gestanden, sie haben nie die zauberische Gewalt empfunden, welche stärker ist als jeder Wille, welche besiegt und zum willenlosen Sclaven macht und doch daS ganze Sein mit jubelnden, berauschenden Wonnen erfüllt!

Pia fühlt, wie ihr Thränen über die Wangen rinnen. Thränen! weint sie denn? nein! ihre Lippen lächeln ja doch und ihre Seele athmet Glückseligkeit! Sie will gern ruhig nachdenken, sie kann es nicht. All ihre Gedanken kreisen wie leuchtende Strahlen um eine Sonne.

Darf sie ihn denn lieben?

Und ob ich Dich liebe was geht's Dich an?!"

Wer will der Liebe wehren? sie spottet jedes Verbotes, und er? begehrt er ihrer?

Ja, sein Auge ruft sie mit jedem Blick! Sein Auge wirbt heiß und flehentlich um Liebe, mit jedem Blick.

Und sie hört und versteht diesen Schrei der Sehnsucht, darf sie ihm folgen?

Muß sie fliehen, solange es noch Zeit ist?

Pia schließt die Augen und bleibt hochathmend stehen. Warum vor dem Glück fliehen? Sie steht ja, wie es in blendender Schöne ihr entgegenleuchtet, wie eine Sonne, welche sich nach dunkler Nacht am Himmel hebt.

Liebessonne! Licht der Gnade und des Glückes!

Nein, sie flieht nicht vor ihm.

Sie breitet selig lächelnd die Arme aus und harrt seiner! (Fortsetzung folgt.)