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derbe Antworten, daß Ursel himmelfroh war, wenn sie „die beiden Kampfhähne" wieder auseinander hatte.
So verging eine Woche. Morgen wollte Forken abreisen, und in einigen Tagen hatte auch der Urlaub des Lieutenants sein Ende erreicht. Am Kaffeetische war eben davon gesprochen worden. Papa und Mama Linde drückten lebhaft ihr Bedauern aus, daß es nun wieder so still in ihrem Hause sein würde, besonders, wenn auch Cläre nächste Woche auf und davon flöge.
„Ja, Ursel, dann mußt Du Dich wieder allein amü- siren," meinte der Hausherr, indem er zärtlich über das Blondhaar seines Töchterleins strich.
Ursula nickte nur traurig mit dem Kopf, sie wagte nicht zu sprechen, die Thränen saßen in letzter Zeit immer gar zu lose bei ihr. Am Ende wäre sie ein wenig muthiger geworden, wenn sie den warmen, innigen Blick des Vetters bemerkt hätte, der gerade jetzt auf ihr ruhte- — aber die braunen Augen blieben gesenkt.
Fritz Malten war vollkommen mit sich im Unklaren. Was sollte er thun? So abrcisen oder Ursel von seiner Liebe und — von seinen Schulden sprechen? Denn so viel stand bombenfest bei ihm: Das Eine ging nicht ohne das Andere! — Gut war sie ihm wohl ein wenig, das glaubte er schon — Forken meinte es ja sogar ganz bestimmt, — aber es war ihm unmöglich, ihren lieben, klaren Augen gegenüber von seinen Schulden, doch gleichbedeutend mit einem leichtsinnigen Leben, zu sprechen. Nein, nein, das konnte er nicht, mochte kommen, was da wolle!
Als der kleine Kreis nach dem Kaffee noch plaudernd beisammen saß, hatte Ursel leise das Zimmer verlassen. Sie mußte allein sein, die Thränen schnürten ihr fast die Kehle zusammen. Und als sie jetzt vor der Hausthür stand, tropfte cs auch wirklich schon heiß aus ihren Augen. — Wenn sie Jemand von denen da drinnen so fand! Nein, nein, nur das nicht! Aber wohin? — Da fiel ihr plötzlich ihr Lieblingsplatz ein, und kurz entschlossen eilte sie durch den Garten, an dessen Ende dte Kastanie ihre Zweige ausbreitete. Wie ein Eichkätzchen so behende erklomm sie von der Bank aus, die unter dem Baum stand, den Sitz oben in dem dichten grünen Laubwerk.
O, wie lange hatte sie hier nicht gesessen! Zuletzt an dem Morgen, als der Vetter sich angemeldet. Wie glücklich und vergnügt war sie damals gewesen und nun — o, wäre der Vetter doch nie nach Worklin gekommen, nie, nie! — Herzbrechend aufschluchzend lehnte sie den Kopf gegen den Stamm des Baumes und weinte, — bis ihr schließlich die Thränen versiegten. Aber auch dann verharrte sie noch auf ihrem lauschigen Platz und dachte zum erstenmal in ihrem jungen Leben recht ernstlich — so meinte sie — über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach.
Da plötzlich hörte sie, wie sich Schritte aus dem Kiesweg näherten. Der Vetter und sein Freund! — Einen Augenblick erschrak Ursel — wenn sie sich auf die Bank unter den Baum setzten! Aber nein, kurz vor demselben machten sie wieder Kehrt. Gerade beim Umwenden sagte Vetter Fritz: „Ich begreife gar nicht, daß Du immer so kurz und unliebenswürdig gegen Fräulein Cläre bist. Sie ist doch ein so prächtiges, liebes Mädchen! Glaube mir, der Mann, dem die noch einmal ihr Herz schenkt, ist zu beneiden." Der Andere lachte kurz und hart auf, dann meinte er: „Dann will ich Dir wünschen, daß Du der Glückliche wirst, denn wahrhaft vernarrt bist Du ja in das Mädchen."
Weiter konnte Ursula nichts mehr verstehen, aber es war auch gerade genug. Ein liebes, prächtiges Mädchen hatte er Cläre genannt. Ach, warum mußte sie auch so ein unbedeutendes, zerbrechliches Wesen sein! Und dieser blonde Zopf! O, wie sie ihn haßte! Warum war er nicht rabenschwarz? Vielleicht würde der Vetter sie dann geliebt haben. Wüthend schleuderte sie die herrliche Flechte nach hinten.
Da kamen beide Herren zurück und als sie jetzt bei der
Kastanie anlangten, hörte Ursula Herrn Forken sagen: „Wollen wir uns nicht einen Augenblick hier setzen, Fritz? Die Sonne brennt mächtig heute."
Eine namenlose Angst ergriff das junge Mädchen. Was sollte sie thun? Sitzen bleiben? Entdeckt würde sie ja nicht werden, — aber wenn die Beiden nun über Dinge sprachen, die für keinen Dritten bestimmt waren? Doch bald vergaß sie alles Andere über dem, was da unten in erregtem Ton verhandelt wurde.
„Fritz, ich bitte Dich, das ist ja wahrhaft verrückt von Dir! Du willst ihr nicht von Deiner Liebe sprechen, weil sie Geld hat und Du — Schulden! Kann wohl etwas besser zusammenpassen? Es ist wirklich zum Lachen. Em Lieutenant und solche romantische Idee!"
„Ach was, da ist gar nichts zum Lachen! Mir ist wenigstens nicht danach zu Muthe. Und Du würdest auch gerade so denken, wenn Du meine Schulden hättest und das Mädchen so unsagbar liebtest wie ich."
„Na, alter Junge, dann will ich Dir noch einen Vorschlag machen, ich leihe Dir vorläufig das Geld, Du bezahlst Deine Schulden, heirathest sie und legst ihr dann eine umfassende Beichte ab."
„Nun höre aber, bitte, auf! Weißt Du, der Gedanke ist geradezu gemein! Schweig' blos still! Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe!"
„Nun gut, mir auch recht, aber dann erlaubst Du wohl, daß ich mich eutferne. Ich habe keine Lust, Deine Grobheiten noch länger mit anzuhören. Du bist ja unausstehlich hier in Worklin geworden."
Ursel hörte, wie sich Schritte entfernten, dann wurde es ganz still unter dem Baum. — Vorsichtig bog sie die Zweige auseinander, — ja richtig, der Vetter saß allein auf der Bank und jetzt eben schlug er mit einem Aufstöhnen beide Hände vor das Gesicht. Da plötzlich wurde ihr kleines, gutes Herz von einem mächtigen Mitleid sür den Vetter ergriffen. Wenn er auch eine Andere liebte, was konnte er dafür? Sie wollte doch versuchen, ihm zu helfen. Und: „Du, Vetter Fritz!" erklang es unendlich weich und zaghaft über dem Haupt des Lieutenants.
Wie electrisirt sprang er auf und sah sich um. Aber erst, als Ursel rief: „Hier im Baum!" richtete er seine Blicke nach oben. Leichenblässe bedeckte sein Antlitz, als er jetzt Ursulas Gesichtchen durch das Grün lugen sah, und fast verzweifelt rief er: „Ursel! Du! Um des Himmelswillen, hast Du Alles gehört?" Und als Ursula nur ernsthaft mit dem Kopf nickte, — ganz verzweifelt: „Und dabei bist Du so ruhig? Alles, Alles hast Du gehört? Das ist ja nicht möglich! O sag', daß es nicht wahr ist!"
„Doch, Vetter, Alles habe ich gehört. Sei, bitte, nicht böse darüber. Und weißt Du, es ist nicht recht von Dir, daß Du Cläre nicht sagen willst, wie lieb Du sie hast."
Muthig schluckte sie die wieder aufsteigenden Thränen hinunter. —- „Sieh' mal, wenn sie Dir wirklich gut ist, dann wird sie gerne, sehr gerne Deine Schulden bezahlen- Du hast sie ja gemacht, bevor Du Cläre kanntest. Und noch Eins, Vetter," — immer stockender und langsamer kam es von ihren Lippen — „ich glaube ganz gewiß, Cläre ist Dir auch gut."
Beim Anfang ihrer Rede hatte Fritz ganz verständniß- los zu ihr aufgeschaut, aber dann mit einem Mal war es wie Helles Leuchten aus seinen Augen gebrochen und jetzt, als das junge Mädchen schwieg, rief er fast jubelnd: „Ursel, süße, kleine Ursel! Bitte, bitte, komm' herunter!"
„Nein, nein, Vetter, laß nur," klang es ganz ängstlich zurück.
Der Vetter machte ja auch mit einem Mal ein gar zu komisches Gesicht! ■— „Ich kann Dir das von hier oben ebenso gut sagen. Vetter Fritz, wenn Du das von Deinen Schulden Cläre durchaus nicht sagen magst, will ich Papa bitten, daß er Dir das Geld giebt, dann — dann — könnt


