1897.
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Es sporne Dich auch in schlimmer Zeit Ein jeglicher Tag zur Thätigkeit.
Um Den ist's gethan, er hat nur Leid, Der die Arbeit verschiebt auf bessere Zeit.
ie Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben. Marie v. Sbner-Eschenbach.
Der Majoratsherr.
Roman von Nataly ». Eschstruth.
(Fortsetzung.)
Johanna sah man offiziell als die dereinstige Gemahlin des Majoratsherrn von Niedeck an, denn es war bekannt, daß sie wohl die einzigste passende Partie für ihn sei, in einer Zeit, wo ein ganz wunderbarer Mangel an jungen Damen von tadelloser Ahnenreihe war.
Nie hatte ein Niedeck eine derart knappe Auswahl an passenden Partieen gehabt, und darum rechnete die Familie Nördlingen mit Bestimmtheit auf den reichen Freier.
Aber das Schicksal zog durch all die glänzenden Pläne einen jähen, grausamen Strich. Bei einer Wagenfahrt über Land verunglückte die junge Dame so schwer, daß sie die Hüfte brach und jahrelang als Patientin das Zimmer hüten
Der Freiersmann blieb selbstverständlich aus. Die Zeit flog mit grauen, trägen Schwingen dahin, und der Einsiedler aus Niedeck verlor sich in seine Einsamkeit, — so fern und tief, daß kaum noch eine Kunde von ihm in die Residenz drang, es sei höchstens das Gerücht seiner Wunderlichkeit und Unzurechnungsfähigkeit, welche jede Herrath ausschloß und den ältesten Sohn des Grafen Rüdiger, den kleinen Wulff-Dietrich, zum künftigen Erben machte.
Der Ehe Hans-Georgs war währenddessen em Töchterchen entsprossen, welche Pia getauft und scherzender Weise schon in der Wiege mit Wulff-Dietrich verlobt ward.
Graf Rüdiger war ein vorsichtiger Mann und sicherte sich die „Braut mit den sechzehn Ahnen" rechtzeitig für den Sohn, denn unbegreiflicher Weise schien auch für die Zukunft wenig Aussicht, daß die alten Stammbäume liebliche Blüthen für die Niedecks ersprießen ließen. Bei Pias Taufe hatte
man das kleine Pärchen miteinander „versprochen" ein Freier wie Graf Niedeck hatte nicht leicht in der armen Offiz'ersfamilie einen Korb zu befürchten! — und der leutselige und sehr animirte Vater hing dem zukünftigen Schwteger- töchterchen eigenhändig ein blitzendes Brillantmedaillon um, auf dcffen Rückseite der scherzhafte Vers eingravtrt war:
„Du Kind mit goldenen Härchen,
Wart' noch achtzehn Jährchen, Dann kommt mein Sohn Wulsf-Dletrrch Und macht zu seiner Gräfin Dich!"
Das Kind Pia wuchs in holder, eigenartiger Schönheit heran, gepflegt und gehegt, geliebt und verhätschelt von Allen, am meisten aber von Tante Johanna, der armen Kranken, welche kein größeres Vergnügen kannte, als den Besuch ihres kleinen Lieblings in ihrem einsamen Stübchen. Gar ost preßte sie die Augen auf das lichte Goldhaar des Nlcht- chens und netzte es mit Thränen, sah sie doch in der Kleinen die Verwirklichung all ihrer eigenen Träume, die Erfüllung Alles dessen, was sie mit blutendem Herzen als Traum zu Grabe gelegt hatte.
... Es war ein sonniger, leuchtender Junitag! Johanna hatte die Fenster ihres Zimmerchens weit geöffnet und saß, einen blühenden Fliederstrauß, wohl den letzten dieses Jahres, auf dem Schooß, in dem altmodischen Lehnstuhl, um sehnsuchtsvoll zu dem blauen Himmel emporzublicken. Sie kam soeben von einer kleinen, ganz kleinen Promenade heim, — das Gehen strengte sie immer noch an und machte es ihr unmöglich, die ferner gelegenen Parkanlagen zu erreichen.
Ein Spaziergang in den schattenlosen, engen Gassen war jedoch kaum eine Erquickung, und so sank die Baroneß mit schmerzlichem Aufseufzen in den Sessel nieder und schloß erschöpft die Augen. Thränen rannen über dre bletchen, zarten Wangen, welche sich noch fo voll und lieblich rundeten, als sei ihre Besitzerin nicht ein Mädchen von fünsunddreißig Jahren, sondern ein Backfischchen, welches soeben in das Leben eintritt. , , , .
Die tiefe Ruhe und Abgeschlosienhert des jahrelangen Liegens und Sitzens hatten Antlitz und Figur rund und voll gestaltet, und wenn auch die Frische und rosige Farbe fehlte, sah Johanna dennoch überraschend jung aus.
Der feine Leidenszug zwischen den dunklen Augenbrauen gab dem milden, unbeschreiblich herzensguten und freundlichen Gesicht der Kranken einen ganz besonderen Reiz, und wer ihre braunen, sammetartigen Augen — „Aurikelaugen nannte sie ehemals ihr Vater — anschaute, dem ward es


