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gar wohl zu Sinn und er fühlte warme Sympathieen für das arme, verunstaltete Mädchen.

Nach Aussagen der Aerzte war die Hüfte sehr langsam und schwierig, aber endlich ganz normal und zur Zufrieden­heit geheilt.

Eine gewisse Steiffheit war aber trotzdem zurückgeblieben, die Figur war ein wenig schräg geworden und der Gang behielt ein leichtes Hinken bei. Johanna empfand diese Gebrechen tief und schmerzlich und zog sich um ihretwillen vollständig von allem Verkehr zurück. Was sollte sie, die mittellose, verunstaltete alte Jungfer zwischen frohen, lebens­lustigen Menschen?

Das Geld, welches Toilette und Gesellschaft gekostet haben würden, sparte Johanna und gönnte sich dafür im Sommer allwöchentlich einen Spaziergang in die freie, herr­liche Gottesnatur, welche sie so über Alles liebte, und von welcher sie die grauen Stadtmauern so unbarmherzig trennten!

Auch heute empfand sie ein heißes, sehnsüchtiges Ver­langen nach Wald und Feld, welche sie gestern mit wahrer Begeisterung geschaut hatte, aber es war unmöglich, daß sie heute schon wieder einen theuren Wagen bezahlen konnte, darum faltete sie die Hände resignirt um ihre geliebten Fliederzweige und blickte zu dem Himmel empor, als hege sie nur noch einen einzigen Wunsch, bald die schmeczgelösten Glieder droben in dem unermeßlichen Reich des Lichtes und des Friedens zu baden! Das Leben war so namenlos traurig und arm für sie!

Seit ihr Liebling und einziger Trost, die kleine Pia, das Haus verlassen hatte, war aller Sonnenschein mit ihr erloschen.

Bittere, blutige Thränen hatte das einsame, verlassene Mädchen geweint, als sie Abschied von ihrem Herzblatt nehmen mußte. Hans-Georg aber machte ihr klar, daß es ein großes Glück für das Kind sei, in dem Haus der reichen, vornehmen Verwandten in Paris erzogen zu werden! Wie konnte sich bessere Gelegenheit für Pia bieten, der französischen Sprache vollkommen mächtig zu werden?

Und Sprachkenntnisse sind für ein unbemitteltes Mädchen von hohem Werth.

Das Schicksal Johannas hatte es bewiesen, daß über Nacht alle Pläne und Hoffnungen auf ein Heirath vernichtet werden können.

Das sah Johanna nur allzu gut ein, auch wußte sie, daß Pia im Hause des Legationsrathes auf dos Beste und Gewissenhafteste aufgehoben sei und sie bekämpfte heldenmüthig ihren Schmerz, und gab auch das letzte Glück, welches ihr geblieben, selbstlos dahin.

Ihr Leben aber ward öd und trostlos- ihre beiden wilden, kleinen Neffen fanden keinen Geschmack an der Krankenstube und den liebevollen Feen- und Engelgeschichten der Tante. Sie hielten sich fern, ebenso fern wie ihre Mutter, welche, jung und lebenslustig, den ganzen Tag über viel zu sehr beschäftigt war, um eine uninteressante, alte Jungfer unterhalten zu können. Der Bruder war zumeist im Dienst er sprach nur selten einmal bei ihr vor, wenn er Bücher, Blumen oder sonst eine kleine Aufmerksamkeit für sie hatte.

Johanna nahm es nicht übel, sie wußte, daß man in dieser schnelllebigen Zeit nicht viel Muße hatte, in ein Erkerstübchen emporzusteigen und vergilbte Jungfernweisheit zu hören- aber sie empfand ihre Einsamkeit dennoch sehr schmerzlich, und hauptsächlich darum, weil ihr jeder Natur­genuß in derselben versagt war. Ja, hätte sie jeden Tag nur eine Stunde lang hinaus in die schöne Gotteswelt ge­konnt, sie würde Alles Andere darum vergessen haben! Ob im Sonnenschein, Sturm, Regen oder Schnee, die Natur hatte stets einen magischen Reiz für sie, und ihre tief empfindende Seele lauschte gerade dem Wechsel und Wandel in Wald und Feld die zauberhafte Schönheit ab.

Wie oft saß sie nicht Abends und malte sich Bilder aus, wie sie es wohl haben möchte!

Reisen! ja still im Wagen sitzen und alle Herrlich­keiten schauen, am schönsten Fleckchen und Plätzchen aus­steigen und langsam, so langsam wie es ihr Gebrechen be­dingte, dahinwandeln in trunkenem Entzücken!

Reisen, wie konnte sie an Reisen denken! Ach, es hätte ja auch schon längst genügt, wenn sie draußen im Wald hätte wohnen können, sein Leben und Weben vom Fenster aus hätte schauen können, rauschende Wipfel, Vogelgezwitscher, friedlich grasende Rehe, ach, welch ein anderer Anblick, als diese hohen, verräucherten Mauern, über welche fern herein ein paar staubige Laubkronen blicken! Und wenn Johannas Herz sich wund und weh nach solch stillem Glück sehnte dann preßte sie wohl die Hände gegen die Brust und seufzte tief auf:Ach, daß eine Menschenseele sich meiner erbarmte und mir die Kerkerthüren öffnen wollte! Auf den Knieen würde ich es danken, mein Leben lang !"

Der Herr hört das Gebet der Verlassenen.

Wie geheimnißvoll heute der Flieder duftet! wie die kleine Schwalbe mit Hellem Jubelschrei an dem Fenster vorüberschießt, als wollte sie sagen: So schnell wie ich fliegt auch das Glück! Es trägt goldene Schwingen und fällt unvermuthet vom Himmel herab! Auch das fernste, versteckteste Stübchen findet es auf und huscht durch die engste Ritze herein! Seine Zeit muß nur kommen! Es wartet ebenso auf den Frühling wie ich! Wenn des Winters Noth und Qual siegreich überwunden, kommt jedes­mal der Lenz mit den Schwalben und dem Glück!

An der Thüre klopfte es, die ehemalige Köchin der verstorbenen Eltern, welche beiunserem armen, kranken Kinde" treulich wenn auch etwas tyrannisch Haus hält, tritt ein.

Sie hält eine Visitenkarte in der Hand, und scheint sprachlos vor Ueberraschung.

Gnä' Frölen Hanning," sagt sie und streicht hoch- athmend mit dem Handrücken über die Stirn:nu endlich kümmt hei!" Verständnißlos blickt die Baronesse sie an und streckt die weiße, zierliche Hand nach der Karte aus. Einen schnellen Blick darauf und dann schießen dunkle Blut­wellen in ihr Antlitz, wie schwindelnder Schreck überkommt es sie, und doch zuckt ihr Herz auf wie in jäher Ahnung großen, unendlichen Glückes.

Einen Augenblick kämpft sie an gegen die Ueberraschung, welche sie vollständig verwirrt, dann schilt sie sich in Ge­danken selber eine Thörin, und blickt mit dem alten, ruhigen, etwas wehmüthigen Lächeln auf.

Ich lasse den Herrn Grafen bitten, einzutreten! Er wird sich gewiß nach seiner künftigen kleinen Nichte erkundigen wollen!" Die Alte sieht bei diesen Worten etwas ent­täuscht aus, wendet sich kopfschüttelnd ab und verschwindet hinter der Thüre, Johanna aber preßt die Hand gegen das Herz und erhebt sich, mit zitternden Knieen steht sie neben dem Sessel.

Die schmale grüne Wollportwre regt sich abermals, Graf Willibald überschreitet die Schwelle.

Die Erregung hat auch sein Antlitz geröthet, er bleibt ein wenig unbeholfen an der Thüre stehen und verneigt sich.

Da sieht er, wie die kleine, rundliche Mädchengestalt ihm entgegentritt und die Hand zum Gruße reicht!

Sie sitzt nicht mehr im Fahrstahl? Sie geht sogar ganz allein ohne Stock und Stütze?

Diese freudige Ueberraschung malt sich in unverhohlenen Entzücken auf seinem Antlitz und verschönt es durch den Ausdruck reiner, ehrlicher Freude.

Baroneß, Sie gehen? Sie können wieder ganz allein gehen? Sie sind wieder gesund?" poltert er anstatt jeder Begrüßung heraus, aber es klingt ein solcher Jubel durch seine Stimme, eine so aufrichtige, wahre Freude, daß Johannas Herz in dankbarstem Empfinden hoch aufwallt. So viel Theilnahme an ihrer Genesung hat ihr noch Niemand erzeigt.

Ja, Herr Graf Gott sei Dank geht es mir be-