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Im Grunde genommen war nur Cläre die Fröhliche. Wenn i der Lieutenant sich auch Mühe gab, in den heiteren Ton des jungen Mädchens einzustimmen, so recht wollte es ihm doch nicht gelingen. Immer wieder flogen seine Blicke zu dem kleinen Steuermann, zur Cousine Ursel hinüber. — Sie machte heute doch auch ein gar zu ernstes Gesicht! Ob sie ihm den Kuß noch immer nicht vergessen hatte? O dieser unselige — und doch so selige Kuß. Es war ja eine Dummheit von ihm gewesen, eine grenzenlose Dummheit. All diese Tage hatte er sich schon Gewissensbisse darüber gemacht, aber doch — er wußte ganz genau — hätte er den glücklichen Zufall nicht benutzt, sein Gewissen würde ihn noch mehr quälen, das stand fest. — Ja, ja, dieser Kuß! Merkwürdig, er — Fritz — hatte schon manchen Mädchen mund geküßt, und heiß und leidenschaftlich war oft sein Kuß erwidert worden, — aber keiner, keiner von allen hatte ein so reines, wonniges Gefühl in ihm zurückgelassen, wie dieser Kuß, den er der kleinen Ursel geraubt. Noch jetzt war ihm, wenn er daran dachte, als spüre er die weichen, kühlen Mädchenlippen auf seinem Munde.
„Aber, zum Donnerwetter!" riß ihn plötzlich Cläre Brandts ärgerliche Stimme aus all seiner süßen Träumerei, „ein Lieutenant sollte doch wirklich etwas mehr Tact besitzen. Und wenn wenigstens noch eine lebhafte Unterhaltung die Ursache Ihres abscheulichen Ruderns wäre! Aber so!"
„Der reine Unteroffizier!" rief lachend Fritz Malten. „Sagen Sie blos, Fräulein Cläre, von wem haben Sie das Fluchen gelernt?"
Einen Augenblick sah die Angeredete ganz verdutzt zu dem Lieutenant auf, dann meinte sie in ihrem alten, heiteren Ton: „Ich glaube von Papa. Manchmal sagt er freilich selbst zu mir: „Mädchen, gewöhne Dir das Fluchen ab, die Welt verzeiht das einem Frauenzimmer nicht." Aber als ich mich neulich ernstlich bemühte, recht sanft zu sein, da ries er wieder fast entsetzt: „Um des Himmelswillen, gieb Dir keine Mühe, das steht Dir erst recht nicht, das paßt nicht zu Deiner Gardefigur; bleib' lieber wie Du bist." Sehen Sie, so sagte er. Und wissen Sie, was er noch hinzufügte? Schwer würde es freilich halten, daß ich einen Mann fände, der unter meiner rauhen Hülle den guten Kern entdeckte. — Recht schmeichelhaft für mich, nicht wahr?"
Das Alles war mit solcher freimüthigen, kindlichen Offenheit hervorgesprudelt, daß man der Sprechenden trotz ihrer kräftigen Ausdrucksweise gut sein mußte. Und dasselbe mußte auch wohl Fritz Malten denken, denn er erwiderte jetzt schelmisch lächelnd: „Und ich finde, die Hülle ist gar nicht mal so rauh, Fräulein Cläre. Ich verstehe Ihren Herrn Vater---Halt! halt! Ich habe ja schon
meinen Sonntagsanzug!"
Klatschend war nämlich Cläres Ruder bei des Lieutenants Neckerei in das Wasser gefallen, und hellauf wie Diamantregen sprühte es jetzt dem Letzteren entgegen.
Aber die junge Dame fand wohl selbst, daß die Strafe etwas zu kräftig ausgefallen sei, denn ganz erschrocken rief sie nun: „O nein, so schlimm sollte es nicht werden! Sehen Sie wohl, das war wieder etwas von der rauhen Hülle, die Sie vorhin bestreiten wollten. Immer grob und derbe! Ja, ja, Papa hat recht. Wie sehen Sie nur aus, von oben bis unten naß! Nein, zum Donnerwetter, das hatte ich wirklich nicht--" Plötzlich hielt sie inne, ganz er
staunt den Lieutenant und dann wieder Ursel ansehend- Beide waren in ein schallendes Gelächter ausgebrochen.
„Du hast ja schon wieder gedonnert!" rief Ursula.
Betroffen schwieg Cläre einen Augenblick, dann meinte sie ganz kleinlaut: „Ja wahrhaftig, ich glaube es auch. Seht Ihr wohl, so schlimm steht es schon mit mir, ich merke es gar nicht mehr."
Zu derselben Zett, als sich diese kleine Scene im Boot abspielte, stand dort am Ufer — halb versteckt von einer alten Weide, die ihre langen, knorrigen Neste weit über das Wasser hinausstreckte — Carl Forken und verfolgte mit
seinen Blicken das Boot auf dem See. Von Tag zu Tag hatte er auf weitere Nachricht von Fritz Malten gewartet. Aber vergebens! Weder ein Brief noch er selbst! Da hatte er sich denn kurz entschlossen selbst aufgemacht, um nach dem Freunde zu sehen.
Herr Linde hatte ihm gesagt, die jungen Leute schwämmen auf dem Wasser. Also das mußten sie dort sein. Und jetzt hörte er auch ganz deutlich — das Boot schien näher zu kommen — das helle fröhliche Lachen des Freundes. Aber Fritz hatte ihm doch nur von einer Cousine gesprochen und geschrieben, und da saßen ja zwei Damen. Nun, vielleicht eine Stütze, Gesellschafterin oder so etwas Aehnliches.
Die am Steuer mußte „Cousine Ursel" sein. Unwillkürlich kam ihm das gesponnene Glas in den Sinn, so klar und deutlich zeichneten sich die feinen, zarten Umrisse ihrer Gestalt gegen die Luft ab. — Jetzt erhob sich die zweite Dame. Das war ja eine herrliche, wunderschöne Figur! Ja, da war es kein Wunder, wenn der Freund bei seiner Geschmacksrichtung in dieser Beziehung das kleine Cousinchen außer acht ließ!
Plötzlich erscholl in energischem, kurzem Ton eine weibliche Stimme aus dem Boot zu Forken herüber — es war entschieden die der großen Dame — : „Hören Sie auf zu rudern!" und dann immer heftiger und lauter: „Aufhören, aufhören!! Bombenelement! So hören Sie doch auf!"
(Fortsetzung folgt.)
Wohl bekomm's!
Gastronomische Plauderei von Hermann Greiling.
------- (Nachdruck verboten.)
Den meisten Sterblichen geht nichts über ein gutes Diner! Es fragt sich nur, was man unter einem guten Diner versteht. Schon bei uns Europäern sind die Ansichten über diesen Punkt durchaus verschieden. Der Eine ißt gern Röstrippchen, der Andere gern Caviar. Dieser kann nicht genug Schweinebraten bekommen, Jener mag ihn nicht sehen. Ein Anderer ist wieder Vegetarier und Jenem geht nichts über Beefsteak ä la tartare. Noch anders stellt sich die Frage, wenn wir uns die culinarischen Genüsse anderer Völker in der Nähe ansehen — wir sagen ansehen, denn zum Mittessen dürften unsere Leser üt den meisten Fällen wenig Lust verspüren. Alles ist eben Sache des Geschmacks und der Gewohnheit, und de gustibus non est disputandum!
Die alten Römer liebten gewiß eine gute Tafel und doch rufen wir bei manchen ihrer theuer bezahlten Leckerbissen: „Guten Appetit!" Froschkeulen, Schnecken und Aehnliches wollen wir noch hingehen lassen, denn sie finden bei uns ja ebenfalls Liebhaber, dagegen rümpfen wir bet dem von dem Redner Hortensius zuerst auf die Tafel gebrachten Pfauenbraten, der mit einer stark gewürzten Sauce gegessen werden mußte, bedenklich die Nase. Der gebratene Storch imponirt uns nicht einmal als Versuchsgericht — indeß, wer weiß, vielleicht haben die römischen Köche die Zubereitung gut weg- gehabt. Mit recht knusprig gebratenen Beinen hat Bruder Langbein vielleicht gar keine so üble Speise abgegeben. Bei den mit Sclavenfleisch groß gefütterten Muränen aber läuft uns ein Schauer über die Haut. Im großen Ganzen nimmt sich ja folgendes Menu eines Mahls der Pontifices, an dem Cäsar theilnahm, nicht übel aus: See-Igel, rothe Austern, Riesen- und Stachelmuscheln, Drosseln mit Spargel, gemästetes Huhn, Ragout von Riesenmuscheln und Austern, schwarze und weiße Seemuscheln, Gienmuscheln, Seenesseln, Feigendrosseln, Lendenstücke von Rehen und Ebern, Geflügelpasteie, Feigendrosseln mit Purpurschnecken, Sau-Euter, Schweinskopf, Fischragout, Enten, Krikenten, Hasen, gebratenes Geflügel, Picenter brod, Nachtisch. Sowohl Qualität als Quantität genügen für den leistungsfähigsten Magen. Die Römer der untergehenden Republik und der Kaiserzeit vermochten aber auch


