freudvoller die Erinnerung daran, daß sie jetzt das Mittel in Händen hielt, ihn von diesen Sorgen und Qualen für immer zu befreien, daß sie wie durch ein goldenes, toetb geöffnetes Thor ihn hineinsühren konnte in ein leuchtendes Zukunftsland. Und so war auch in den Worten ihrer Entgegnung schon ein froher, beinahe muthwilliger Klang. „Du bist gegangen und hast mich allein gelassen, um da draußen eine neue Liebe zu finden."
„Eine neue Liebe?"
„Ich habe mir sagen lassen, daß Du Dich in eine der Musen verliebt hast und ganz im Stillen zum Dichter geworden bist."
„Ina!" Es war, als hätte sie ihn mit einer scharfen, tödtlichen Waffe getroffen, so jäh zuckte er zusammen, und so wehevoll war der Ton, in dem er ihren Namen ries. Aber während sie bestürzt und besorgt zu ihm niederblickte, faßte er sich rasch, hob den Kopf empor, legte die Hand auf den Revolver und sagte: „Freilich mußt Du auch das noch wissen, um zu verstehen, was mich so weit getrieben hat, warum ich Tage und Nächte gereist bin, um noch einmal vor Deiner Thür zu stehen und Abschied von Dir zu nehmen und dann eine Ende zu machen in diesem Zimmer. Ja, Dir kann ich es gestehen, ich hatte wieder angesangen, mir Hoffnungen vorzuspiegeln und Luftschlösser zu bauen, bei Weitem nicht so herrlich, wie die anderen, die zusammengestürzt sind, aber doch schön genug, um mich zu locken und mir Freude zu verheißen. Dann sind auch sie zerstört worden. Die Leute wollen nichts von dem wissen, was ich schreibe, und sie mögen wohl recht haben. Man hat mir den Roman zurückgeschickt, in dem ich mein Bestes gegeben hatte. Nun habe ich ihn noch einmal fortgesandt, aber ohne jede Hoffnung auf Annahme, und Du solltest das Manuscript erhalten, wenn ich—" Er vollendete nicht in Worten- seine Hand, die noch immer auf dem Revolver ruhte, sprach beredt genug.
Die Frau an seiner Seite hatte ihn ruhig angehört, nur zuweilen mitleidig und nachdenklich leise den Kopfe geschüttelt. „Man sollte wirklich die Geduld mit Dir verlieren, Du ungeduldiges Kind des Augenblicks!" sagte sie jetzt zwischen Trauer und Lachen. „Aber es ist ja das Unglück, daß ich Dich lieb habe, so wie Du bist, mit allen Deinen Schwächen und Fehlern, — die wahrhaftig groß genug sind!" Mit an- muthiger Bewegung setzte sie sich neben ihn auf die Seitenlehne des Sessels, legte ihm die Hand auf den Scheitel und bog stinen Kopf zurück, daß er ihr in die Augen sehen mußte. „Nun mußt Du mich ansehen," sagte sie und küßte ihn auf die Stirn. „Und jetzt gieb acht und lies in meinem Gesicht, ob ich lüge oder die Wahrheit spreche. Du hast gesagt und Du glaubst auch in diesem Augenblick noch, daß wir unwiderruflich sür immer geschieden sind, und daß Dein Ringen nach einer neuen Thätigkeit vergeblich gewesen ist. Ich aber sage Dir, daß Beides nicht wahr ist- wir dürfen glücklich sein, und auch der junge Dichter hat seinen Erfolg."
„Warum quälst Du mich, Ina?" fragte er leise.
„Zur Strafe, weil Du mich gequält hast," sagte sie übermüthig, „und weil ich Dir beweisen kann, daß es Glück und Hoffnung für uns Beide giebt."
„Beweisen?" Der Ton seiner Stimme war noch immer traurig, „und der Glaube an ihre Rede sprach nicht ans seinen Worten.
„Ja, beweisen. Aber nicht hier, drüben in meinem Zimmer. Willst Du mit mir kommen?"
Nun weiteten sich seine Augen doch, wenn auch nicht in Hoffnung, so doch in gespannter Erwartung. Rasch erhob er sich und folgte ihr nach, als sie, das eine der Lichter ergreifend, hinüberging in ihre Gemächer. Ebenso eilig, wie sie den Corridor durchschritten hatte, holte sie jetzt die Schreibmappe herbei, öffnete sie und breitete im hellen Scheine der Lampe einige Papiere vor ihm aus, die er aufhob und las. Daneben stehend, beobachtete sie ihn, wie seine Hände zu zittern begannen, wie ein Kampf ihm die Brust zusammen
zuziehen schien, und wie er mühsam nach Athem rang. „Ist das echt, ist das wahr?" stammelte er kaum verständlich.
„Echt und wahr," sagte sie mit stolzer Freude, „so wahr ich selbst hier vor Dir stehe. Dies ist die Handschrift meines Mannes, er hat den Zettel in der Nacht seines Todes geschrieben- ich sage Dir nachher, wie ich an ihn gekommen bin. Und was diese beiden Briefe bedeuten, das siehst Du ja selbst."
Nun endlich begann er zu glauben. Er ließ die Papiere auf den Tisch sinken, ergriff Inas Hände, küßte und drückte sie, um dann die Geliebte an sich zu ziehen und jubelnd zu rufen: „Ach, Ina, Ina, ist es denn möglich, daß der Mensch so glücklich sein kann?"
„Möglich und wahr," sagte sie leise, jetzt mit Thränen der Freude in ihrer Stimme, und legte den Kopf an seine Schulter. Einander umschlungen haltend, gingen sie im Zimmer auf und nieder, erzählend, fragend, erklärend und immer von Neuem das Glück dieser Stunde preisend.
„Und was versprichst Du mir heute?" fragte Ina scherzend.
Er aber wurde ernst, blieb stehen und faßte ihre beiden Hände. „Ich verstehe Dich," sagte er beinahe feierlich. „Und ich verspreche Dir, daß ich von heute ab an das Wort glauben will: „Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden." Es ist ja wie ein Wunder, daß es so kommen konnte, wie es nun wirklich gekommen ist. Du aber hast die Hoffnung nicht verloren, und darin bist Du stärker gewesen als ich. Bon jetzt an will ich Dir darin gleichzukommen suchen, und wenn die Muthlosigkeit mich wieder überfällt — es ist nun einmal meine Natur, mich in Extremen zu bewegen — dann erinnere mich an diese Stunde, und Du sollst sehen, wie es Wunder thut."
Wieder gingen sie langsam auf und ab und sprachen von Vergangenheit und Zukunft, bis sie einmal in den Erker hineintraten und durch das offengebliebene Fenster auf die still gewordene Straße und die erhellten Häuser gegenüber blickten. Ina legte ihren Arm fest um Georgs Schultern und küßte ihn. „Heute dürfen sie's sehen," sagte sie mit leisem Lachen, der neugierigen Nachbarinnen gedenkend. Und nach einem kleinen Schweigen setzte sie hinzu: „Weißt Du, was wir jetzt thun werden?"
„Nun?"
„Das will ich Dir sagen, wenn ich wiederkomme. Einen Augenblick mußt Du mir jetzt für Hausfrauenpflichten erlauben. Ich habe gewiß in der Küche schon eine ganze Feuersbrunst angerichtet." Mit fröhlichem Lachen eilte sie hinaus, und es schien ihm, indem er ihr nachblickte, als seien ihre Bewegungen und ihre Gestalt wieder so elastisch und frisch geworden, wie die eines jungen Mädchens.
Geschickt und eilig erledigte sie, was zu thun war. In der Küche war kein Unheil geschehen- nur eine Wolke von Wasserdamps schwebte in der Luft, die Spiritusflamme war aus Mangel an Nahrung erloschen. Nun entzündete Frau Ina die Corridorlampen, löschte die Lichter, die in den verschiedenen Räumen noch brannten, und nahm Georgs Hut und Mantel mit sich, als sie sein Zimmer verließ. Auch sie selbst hatte sich bereits zum Ausgehen angekleidet, als sie wieder zu ihm hereintrat.
„Nun sollst Du hören, was wir jetzt thun. Siehst Du, damals als wir so elend und verzweifelt waren, da habe» wir unser Leid immer hinausgetragen in die Natur und ihr unsere Noth geklagt. Dafür muß sie auch zuerst von unserem Glück erfahren, nicht wahr? Wir gehen einmal zusammen um den Wall und erzählen dem Frühling da draußen, daß es einen Frühling giebt, der noch schöner ist als er."
Langsam war Georg wieder ans Fenster getreten und blickte zum nächtlichen, mit zitternden Lichtern erhellten Himmel empor. „Ja, komm'," sagte er. „Wir wollen nach den Sternen sehen, und ich will ihnen Abbitte thun, daß ich ihr Leuchten nicht verstanden habe."
Sie löschte die Lampe, verschloß die Zimmer und leg ihren Arm in den Georgs. Dicht nebeneinander schritten


