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wenn dorthin gegeben. Vielleicht nie mehr gesehen. Müßte dann selbst sterben. Gott segne Sie!"
Frau Henninger las die Worte und empfand es wohl- thuend, daß sie mit einem Segenswunsche für sie schlossen, während die erste Aufzeichnung des Taubstummen an diesem Abend mit einer Verwünschung des Doctor Jaksch geendet hatte. Seltsam, daß ihre Gedanken immer wieder zu diesem Manne zurückkehrten! Hatte er heimlich, hinter den Coulissen an ihrem bisherigen Schicksal mitgewirkt, spann er jetzt im Verborgenen mit an den Fäden für das Gewebe, das ihre Zukunft hieß? Der einmal erweckte Verdacht kam wieder und wieder, und ohne daß ihr selbst es gleich klar vor der Seele stand, reiste in dieser Stunde, in der öden Behausung des Taubstummen in ihr der Entschluß, den Schleier zu lüften, den sie bisher nicht berührt hatte, weil sie in dem Doctor den Verwandten des Geliebten gesehen hatte. Jetzt aber wollte sie diesen Schleier Hinwegreißen, um einem verdächtigen Menschen von Angesicht zu Ansicht gegenüberzustehen.
Ueber ihrem Sinnen und Grübeln vergaß sie das Nächste nicht. Sie hob das Kind vorsichtig von seinem Lager empor, half ihm, sich ankleiden, und hüllte es in den eigenen Mantel, den sie von ihren Schultern nahm. Dann hieß sie den Taubstummen einen Wagen besorgen, und während er forteilte, sprach sie immer von Neuem tröstende, ermuthigende Worte zu der zarten, bebenden Gestalt in ihren Armen. „Wirst Du Dich auch nicht fürchten, wenn Du bei mir bist?" fragte sie. „Es ist dasselbe Haus, wo Du neulich den Schrecken gehabt hast."
Einen Augenblick überlegte das Kind und sah angstvoll in die Ecken des Zimmers. Dann aber schmiegte sich's fester in die Arme seiner Beschützerin und sagte mit dem Ausdruck eines festen Vertrauens: „Nein, bei Ihnen fürchte ich mich nicht. Sie sind so gut! Und seit Sie hier sind, ist er nicht mehr da."
Das Rollen des Wagens, das gedämpft heraufklang, hieß sie Abschied nehmen von der düsteren Stätte des Elends, in der das Kind bis heute seine Jugend verlebt hatte, und sorgsam die kleine Kranke führend, stieg Frau Henninger jetzt die Treppe hinab, in der freien Hand die Flasche mit der Kerze tragend. Ein Zugwind verlöschte die Flamme, doch die freundliche Helferin war unten angelangt und hatte in dem ersterbenden Lichte Bäsmann erkannt, der die Hausthür geöffnet hatte. Rasch ging sie, von ihm gefolgt, zum Wagen, gab ihm die Hand zum Lebewohl und sah im Schein der Laterne, wie sein häßliches Gesicht in diesem Augenblick durch den verklärenden Schimmer der Dankbarkeit und Freude sich merkwürdig verschönte.
In ihrem Hause geleitete Frau Henninger das schwache Mädchen die Treppe hinan und bettete sie mit Carolinens Hilfe, die ihre Theilnahme wortreich äußerte, in einem Gemach neben dem eigenen Schlafzimmer. Und als die Kleine nun, durch eine Tasse Thee gestärkt, bald in einen ruhigen, friedlichen Schlummer versank, da saß ihre Schätzerin mit der beglückenden Empfindung an ihrem Lager, ein armes, vom Schicksal vernachlässigtes Wesen aus dem Dunkel hervorgeholt zu haben in die Helle.
Die Krankheit erregte schon am nächsten Tage keine Besorgniß mehr, und auch der alte Hausarzt bestätigte, daß Ruhe und Pflege in gesunder Umgebung hier die besten Medicinen seien. Je mehr aber Frau Inas Gedanken von der Sorge um das Kind befreit wurden, um so nachdrücklicher wandte sie sich auf die Spur, die zu Doctor Jaksch hinüberleitete. Gleich an diesem Tage beschloß sie, ihn wegen seines Verhaltens gegen Bäsmann und seine Tochter vorsichtig zur Rede zu stellen, und um die Stunde, in der er von seinen Krankenbesuchen heimzukehren pflegte, stand sie geduldig am Fenster, ihn zu erwarten.
Wie zufällig trat sie auf den Corridor hinaus, als er die Treppe emporstieg. Er begrüßte sie mit großer Höflichkeit, doch meinte sie zugleich aus seinem Wesen etwas wie mühsam unterdrückte Freude herauszusühlen. Sie hatten
einander seit Georgs Abreise nicht gesehen, und seine ersten Worte galten ihm.
„Der arme Junge ist ja nun abgereist. Er hat mir herzlich leid gethan, aber ich konnte ihm nicht abrathen- die letzte Zeit hat ihm böse mitgespielt, und seine Gesundheit ist ernstlich erschüttert. Ich denke, die Riviera wird ihm gut thun. Mir ist es freilich recht schwer geworden, ihn herzugeben, und vielleicht auf immer."
„Auf immer?" Unwillkürlich that sie die Frage, von jähem Schrecken ergriffen.
„Er sprach Mancherlei durcheinander, als er mir Adieu sagte, und nicht Alles ganz klar. Ich will nicht bestimmt behaupten, daß er diese Worte „auf immer" gebraucht hat, aber als er fortging, hatte ich das sichere Gefühl: Ich werde den lieben Kerl nicht Wiedersehen."
Frau Henninger hatte, während seine Worte mit ihren Gedanken beschäftigt, vor sich niedergeblickt, jetzt aber schaute sie auf, und indem ihre Augen den seinen begegneten, meinte sie darin einen lauernden und zugleich frohlockenden Ausdruck zu finden. Blitzgleich verschwand er wieder, doch ihr Empfinden sagte ihr, daß sie sich nicht getäuscht habe, und sie fühlte sich merkwürdig getröstet durch die Wahrnehmung, daß die Worte dieses Mannes aus keiner wahrhaftigen Seele kamen. Mochte er jetzt von dem Geliebten sagen, was er wollte, ihr sollte er das Gefühl nicht mehr verwirren. Mit der Sicherheit einer klugen Frau jedoch, die ihre Züge und den Ton ihrer Worte in der Gewalt hat, verbarg sie die Regung ihrer Seele. In herzlichem Tone gab sie die Antwort: „Das wäre sehr traurig! Aber ich hoffe mit Ihnen, die Reise wird ihn gesund machen." Und rasch das Thema wechselnd, fügte sie hinzu: „Da ich Sie gerade spreche, Herr Doctor, sind Sie vielleicht so freundlich, mir einige Auskunft über einen Mann Namens Bäsmann — den Taubstummen, wissen Sie — und sein Töchterchen zu geben. Er hat mir mitgetheilt, daß er Sie kennt."
Der Doctor hob den Elfenbeingriff seines Stockes und blickte sinnend einen Moment darauf nieder, während seine Stirn sich in finstere Falten legte. Als kämpfe er mit einer zornigen Regung, sagte er dann: „Dieser Bäsmann ist der undankbarste Mensch, den ich kenne. Der undankbarste, sage ich Ihnen! Ich bin wahrhaftig nicht der Mann, mich dessen zu rühmen, was ich im Stillen für Andere thue- das gehört zum Beruf des Arztes wie zu dem des Geistlichen, das Wohlthun ist ihnen Pflicht. Ich verlange auch keine laute Dankbarkeit, sie ist mir sogar in tiefster Seele zuwider- aber sich verleumden zu lassen für gern geübte Wohlthaten, sich verlästern zu lassen, weil man das Beste eines Menschen gewollt hat, das geht denn doch zu weit! Und dieser Bäsmann verleumdet und verlästert mich,"ich weiß es, — vielleicht hat er es gar bei Ihnen gethan, bei der es mir besonders schmerzlich gewesen wäre."
Frau Ina vermied eine directe Antwort. „Ueber den Mann vermag ich nicht zu urtheilen, aber ich meine, so sehr gefährlich kann ein Stummer doch nicht sein, selbst wenn er lästern und verleumden wollte. Mich dauert sein Kind, sein Hannchen. Er hat mich um Mitleid für die Kleine angerufen, und ich habe sie vorläufig zu mir ins Haus genommen, um sie gründlich herauszupflegen."
„Ich habe es schon gehört, — ja, ja, das Gerücht von solchen Thaten geht schnell in unserer Zeit, wohl weil sie selten sind. Ich verehre Sie nur noch mehr, gnädige Frau, seit ich darum weiß. Und ich wünsche, daß Ihnen das Kind keine weitere Sorge, als um seine Gesundheit, bereitet. Ich kenne es von klein auf, habe es mehrfach behandelt — natürlich unentgeltlich bei den Verhältnissen der Leute — und habe es genau beobachtet. Es stecken gute Anlagen in der Kleinen, freilich ist sie auch mit einigen moralischen Defecten erblich belastet. Sie ist unwahr, hat einen Hang zu liederlichem Herumtreiben — nein, nein, ich sage nichts gegen das Kind," fügte er auf eine unwillkürliche Bewegung Frau Henningers eifrig hinzu. „Es steckt ein guter Kern in ihr,


