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„Ja, ich begreife es und ich glaube es," antwortete Sir Gervase. „Heute, auf dem Rückweg von der Kirche, gestand mir Mr. Iris, daß ihr Gatte das kranke Kind hinweggenommen habe, nachdem sie es an jenem Abend verlassen — daß er es einer eingeschlafenen Wärterin gestohlen habe. Auch gab sie zu, daß sie niemals positive Beweise von dem Tode des Kindes gehabt habe, da kein Mensch wußte, wo Robert es gelassen."
Ich hielt den Athem an.
„Hier ist das Grehlock'sche Wappen in den Ring ein- gravirt," fuhr der Baronet fort. „Robert kam nie zurück, um seine Tochter abzuholen, weil der Tod ihn in jener Nacht ereilte, als er dieselbe Judith Black übergab. Polly, mir ist Alles vollkommen klar. Die Stellung, die Nan heute räumte, sollen Sie fortan füllen. Göttliches und menschliches Recht spricht Ihnen dieselbe zu, denn so wahr wir hier in dieser Dachstube beisammen stehen, Sie sind Robert Greylocks Tochter!"
30. Capitel.
Das nächste Blatt aus Pollys Tagebuch.
Ich schrie nicht auf, fiel nicht in Ohnmacht, sondern ließ blos die winzigen Kinderkleider fallen und sagte dann schluchzend: „Es ist nicht möglich! Es ist nicht möglich!"
Großmutter Serag hinkte auf mich zu und blickte mir scharf in's Gesicht. „Ich kannte Dich, Polly, sobald ich Dich erblickte," erklärte sie. „Ja, Deines Vaters Name war Robert Greylock — ich kann es mit einem Eide bekräftigen, und wenn irgend ein Mensch daran zweifelt, so brauchst Du ihm blos Deine Schulter zu zeigen- die Mutter, die Dir das Leben gab, würde Dich auf der Stelle daran erkennen. Ich erinnere mich noch ganz gut der Worte des jungen Herrn. „Das Kind ist meine Tochter," sagte er- „ihr Name ist Ethel Greylock." Du bist wie eine Lady gekleidet," sprach die Alte weiter, indem sie mit der Hand über mein seidenes Kleid strich- „es geht Dir wohl gut? O," fuhr sie mit weinerlicher Stimme fort, „es war sehr undankbar von Dir, so wegzulaufen und mich allein zu lassen! Aber Dir war an gar nichts gelegen als an Nan. Robert Greylock sagte damals: „Morgen werde ich das Kind abholen und Euch reichlich entschädigen." Das war vor vielen Jahren, allein bis zu dieser Stunde habe ich noch keinen Cent für Dich erhalten."
Sir Gervase kam mir in meiner Verlegenheit zu Hilfe - er steckte augenblicklich die Babhkleider und den Ring in seine Tasche und sagte zu Großmutter Serag: „Diese Dinge gehören jetzt Miß Greylock. Seid ohne Sorge- ich gebe Euch mein Wort darauf, daß Ihr für Alles, was Eure Schwiegertochter für das hilfiose Kind that, genügend belohnt werden sollt."
Ich faßte Großmutter Serag plötzlich bei den Schultern und blickte scharf in ihr häßliches, altes Gesicht. „Seid Ihr ganz sicher," rief ich, „daß Ihr Euch nicht geirrt habt? Seid Ihr sicher, daß es nicht Nan war, die Robert Greylock auf seinen Armen zu Euch brachte — nicht Nan, sondern ich?"
Die alte Kreatur wußte so wenig von den Greylocks, ihrem Reichthum und ihrer socialen Stellung als von dem Laufe der Planeten- sie konnte daher keine Versuchung empfinden, von der Wahrheit abzuweichen.
„Nan kam erst zwei Jahre nach jener Nacht auf die Welt," antwortete sie. „Weißt Du nicht mehr, daß ich sie Dir stets vorzog? Und warum sollte ich es nicht? War sie ja doch Judiths Kind. Es thut mir leid, daß ich sie verkaufte. Wer wird nun in meinen alten Tagen für mich sorgen? Soll ich auf den Straßen betteln, bis ich sterbe? Polly! Polly!" Sie rang ihre verwitterten Knochenhände und suhr dann fort: „Ich sehe Dir's an, daß es Dir gut geht. Es wäre nicht mehr als recht und billig, daß Du auch etwas für mich thätest — für mich, die Dich auferzog und sich für Dich abmühte, nachdem Deine eigenen Eltern Dich im Stich gelassen hatten."
Sir Gervase ließ sich von der Alten die Unterredung zwischen Judith Black und meinem Vater noch einmal um- tändlich mittheilen- daun überreichte er ihr die versprochene Rolle Banknoten und versicherte sie seiner künftigen Unter- tützung, worauf wir das Haus und die Harmony-Alley verließen.
Ich kam mir wie eine Träumende vor, als wir wieder in die breite Straße einbogen, wo die Kutsche auf uns wartete. Die ganze Welt hatte sich plötzlich für mich verändert- selbst des Baronets Wesen gegen mich war ein anderes geworden. Er zog mit ritterlicher Galanterie meine Hand durch seinen Arm. Ach, ich war jetzt nicht mehr die arme Dienstmagd, sondern seine Cousine!
„Wie seltsam dies Alles mir erscheint! Ich kann es nicht fassen," seufzte ich, als wir uns wieder unterwegs nach Blackport befanden- „ich weiß nicht einmal, ob ich mich freuen oder betrübt sein soll. Sie haben selbst gesehen, wie vorzüglich Nan ihrer Stellung in Greylock Woods gerecht zu werden wußte. Könnte eine geborene Greylock dies besser gethan haben? War sie nicht so vornehm wie die Vornehmste, so schön wie die Schönste? Wie kann ich jemals ihre Stelle einnehmen? Ich komme mir wie ein Eindringling vor. Sehen Sie mich an und denken Sie dann an den Unterschied zwischen der untergeschobenen und der echten Ethel!"
„Ich sehe Sie an," erwiderte er ruhig, „und ich erblicke in Ihnen eine Person, die sich bei mehr als einer Gelegenheit edel, heldenmüthig und des größten Vertrauens würdig erwiesen hat. Die Gerechtigkeit muß endlich siegen und die Unbilden, die Sie vom Schicksal erduldet haben, ohne Zögern wieder gut machen. Niemand würde dies aufrichtiger wünschen als Nan selbst. Meine Dienste stehen Ihnen in jeder Hinsicht zu Gebote, Cousine- ich werde es mir zur Pflicht und zum Vergnügen machen, Ihnen zur Erlangung Ihrer gesetzlichen Rechte zu verhelfen."
„Ich habe einen Namen und Verwandte gefunden," seufzte ich, „aber nicht Nan. Wo mag sie diesen Abend sein? Freundlos, flüchtig, mit Verzweiflung im Herzen — wohin hat sie ihre Schritte gewandt? O, es macht mich wahnsinnig, an ihre Lage zu denken!"
Ob meine Worte ihn rührten? Sein ernstes, braunes Gesicht war von mir abgewandt- er antwortete nicht. Ach, er bemitleidete Nan, er wünschte sie nach Greylock Woods zurückzubringen, allein — liebte er sie noch? Konnte die Tochter Judith Blacks und des Tänzers den Platz in seinem Herzen bewahren, den die stolze Erbin Godfrey Greylocks gewonnen hatte? Wer vermochte es zu sagen?
Wir fanden eine Kutsche für uns auf dem Bahnhof, als wir Blackport erreichten. Seltsame Gefühle bemächtigten sich meiner, als wir die Allee zum Herrenhause hinauf fuhren. Ich war nicht mehr dieselbe Person, die den Platz vor einigen Stunden verlassen hatte. Nein! Polly, die namenlose Waise, Mercy Pooles Dienerin, das arme Mädchen, dem der gute und mitleidige Doctor Vandine eine bessere Erziehung geben lassen wollte, existirt nicht mehr. Ich mußte mich jetzt als Robert Greylocks Tochter, als die Erbin jenes stolzen, alten Mannes betrachten, der stumm und starr in der Bibliothek lag, um nie wieder die Augen zu öffnen.
(Fortsetzung folgt.)
Einiges über die unendlich große Elternliebe der Vögel zu ihren Jungen.
(Vortrag in einer Ausschutzsitzung des Gießener Thierschutzvereins.)
Alle Vögel lieben ihre Jungen in einem hohen Grade zärtlich, vertheidigen dieselben nach besten Kräften gegen jede Gefahr, wenden alle ihnen mögliche Kräfte an, um den Feind abzulenken von ihrer Brut, und setzen ihr eigenes Leben zu Gunsten ihrer Kinder rücksichtslos auf's Spiel.
Da ich nun gewiß annehmen darf, daß viele Leser


