Das Kind der Tänzerin.

Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann.

(Fortsetzung.)

Sie zog den zerlumpten Shawl dichter um ihre Schultern und antwortete, vor Alter, Kälte oder Aufregung zitternd: ,,So, also wegen jener Bälge kommt Ihr?" Dann fügte sie mit einem verschmitzten Blinzeln ihrer eingesunkenen Augen hinzu:Was wollt Ihr über sie wissen?"

Ich hatte dem Baronet ihre schwache Seite angedeutet. Er zog eine Rolle Banknoten aus der Tasche und erwiderte: Vielerlei, Alles, was Ihr uns über sie mittheilen könnt. Seht Ihr dieses Geld? Es soll Euer sein, wenn Ihr meine Fragen in Bezug auf jene Kinder beantworten wollt."

Sie warf einen gierigen Blick auf die Noten und sagte: Das will ick, Sir! Ich kriege jetzt nur wenig Geld zu sehen. Die Zeiten sind schlecht, und das Betteln ist nicht mehr so einträglich wie früher. Es ist, als ob die Menschen von Jahr zu Jahr hartherziger würden. Ich bin alt und arm, Sir, und stehe allein in der Welt- das habe ich einzig jenen beiden Bälgen zu verdanken. Ich hätte für Nan mehr erhalten sollen. Hundert Dollars war kein Preis für ein so bildschönes Kind. Jener Handel hat mich ruinirt."

Ich vermochte nicht länger zu schweigen- trotz meiner Abneigung rief ich aus:Sagt die Wahrheit, Großmutter! Ihr müßt die Wahrheit sagen! Waren jene Kinder Euer eigen' Fleisch und Blut? Hattet Ihr ein Anrecht auf sie? Es ist Nan, an der uns am meisten gelegen ist- das Kind, das Ihr hier in dieser Dachstube an ein fremdes Weib ver­kauft habt. Sie war so verschieden von Euch, wie der Tag

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ufrieden sein ist große Kunst,

4 Zufrieden scheinen bloßer Dunst, Zufrieden werden großes Glück, Zufrieden bleiben Meisterstück!

Ob groß, ob klein erscheint, was wir gethan, Wenn wir beschlossen uns're Erdenbahn, Wie schnell ist ausgefüllt die leere Stelle! Wie viel macht's Unterschied im Ocean, Ein Tropfen roenger oder eine Welle?

Alb. Roderich.

von der Nacht. Sie konnte nicht Euer Fleisch und Blut gewesen sein es ist zu unglaublich! Sagt die Wahrheit, die Wahrheit! Was war ihr rechter Name? Wie seid Ihr in ihren Besitz gekommen?"

Sie wandte sich betroffen um und warf mir einen durchdringenden Blick zu. Meine Stimme mußte ihr bekannt vorgekommen sein. Ich bin fest überzeugt, daß sie mich in diesem Augenblick wiedererkannte.

Wie ich zu Nan gekommen bin?" wiederholte sie- nun, meinetwegen möget Ihr die Geschichte wissen."

Sir Gervase und ich horchten mit athemloser Spannung. Großmutter Serag sann einen Augenblick nach und erzählte dann:Ich hatte einst eine Schwiegertochter, die Wittwe meines einzigen Sohnes, der ein Matrose war und auf seiner ersten Seereise nach seiner Verheirathung umkam. Judith wohnte bei mir sie war ein gutes und braves Geschöpf. Nun, da sie noch jung war, so heirathete sie nach einiger Zeit wieder- ihre zweite Wahl fiel auf einen leicht­sinnigen Burschen einen Tänzer in einem Variötö-Theater. Er verlor bei einem Streit mit etlichen betrunkenen Kameraden sein Leben, bald darauf starb auch Judith, nachdem sie ein Kind geboren hatte, das sie meiner Pflege überließ. Dieser Balg war Nan. Sie war das Ebenbild ihres Vaters, Jack Harkneß er wurde von seinen Genossen der hübsche Jack oder der leichtfüßige Jack genannt er hatte ein hübsches Gesicht und ein Paar merkwürdig gewandte Füße. Jetzt sagt selbst, habe ich ein Anrecht auf Nan oder nicht? Und," fuhr sie mit einem lauernden Blick fort,was geht das Alles Euch an? Woher wißt Ihr überhaupt, daß da­mals eine Nan und eine Pollh hier lebten?"

Gott sei Dank!" rief ich aus.Sie war also nicht Euer Blut! Sie war in keiner Beziehung mit Euch verwandt!"

Ich denke, Jack Harkneß' Blut war nicht besser als meines," erwiderte die Alte höhnisch.Nan war das Kind meiner Schwiegertochter aus ihrer zweiten Ehe. Sie hatte keine Verwandten in der Welt, als ihre Mutter starb- ich war ihre nächste Anverwandte, und somit gehörte sie mir."

Also war Nan ein Kind der Armuth und des Mangels, sie, die Schöne, die Königliche! Ich konnte nur an eine Lilie denken, die aus einem Sumpfe emporwächst.

Der Baronet sprach kein Wort- sein Gesicht war wie versteinert.

Gar oft habe ich es bereut, Nan weggegeben zu haben," fuhr die Alte fort.Der Preis, den ich für sie erhielt, war zu gering- und ich bedarf ihrer jetzt, für mich zu arbeiten, mich zu verpflegen, wie Judith, ihre Mutter, es