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nun, bei dem prachtvollen Wetter, wo man sich mal ein bischen die Beine vertreten könnte, soll man wieder dasitzen wie angenagelt!"

Aber, Fränzchen, es giebt ja hier noch gar keine Berge und Burgen, welche man ansehen kann!"

Gleichviel! wir können doch mal aussteigen, mal ein bischen am Ufer entlang fahren oder reiten! Da drüben ritt eben eine ganze Gesellschaft auf Eseln! das muß famos sein! ich möchte für mein Leben gern auch mal wieder Esel reiten, Du weißt doch, Papa, daß es mein Hauptvergnügen seit jeher gewesen ist!"

Tante Johanna sah schon wieder ganz nachgiebig aus, und der Graf seufzte nur ein wenig.

Du bist ein entsetzlicher Quälgeist! Ich muß mich doch erst mal informiren, ob wir am Ufer auf bequeme Weise Rüdesheim erreichen können!"

Ja, komm nur mit, ich habe schon den Steuermann gefragt! Ganz bequem ist es! Die nächste Station ist Geisen­heim, und von da kann man sogar höchst komode zu Fuß bis Rüdesheim gehen! Komm nur mit! wirst es schon hören!"

Und die Comtesse zog ihren Vater kraftvoll vom Sitze auf und schleppte ihn in ihrer derb energischen Weise mit sich fort.

Hör' mal, Tantchen, Ihr laßt Euch ganz furchtbar von der kleinen Hexe tyrannisiren!" lachte Pia kopfschüttelnd, sie kann ja mit Euch machen was sie will."

Die Gräfin nickte mit ihrem engelsgeduldigen Gesicht und sagte wie entschuldigend:Sie ist unser einziges Kind! Unser ganzes Glück! Das Liebste, was wir haben! Das macht uns schwach! Aber unser Verziehen ist nicht so schlimm wie es aussieht. Fränzchen fügt sie auch unseren Wünschen ohne Widerrede mit rührender Geduld, obwohl es ihr manchmal recht sauer wird/ da ist es wohl recht und billig, wenn auch wir ihr Alles zu Liebe thun, was in unseren Kräften steht!"

Pia küßte zärtlich die Hand der Sprecherin:Wie seid Ihr Beide doch so brave, gute, glückliche Menschen. Ich hätte nie geglaubt, Tante Johanna, daß man mit einem Niedeck in so harmonischer Ehe leben kann!"

Ein feines Lächeln huschte um die Lippen der Gräfin: Willibald ist wohl auch eine Ausnahme von der Regel! Hätte er einen Sohn, würde ich Dir an dessen Seite auch das größte Glück prophezeien können, ein Graf Rüdiger dürfte weniger empfehlenswerth sein, und seine Söhne? Man sagt, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm."

Pia schwieg.

Abermals drängte sich ihr der Gedanke auf, welcher sie nickt mehr verlassen wollte, seitdem sie von Niedeck nach der Bahnstation gefahren.

Wie kam es, daß Fränzchen plötzlich mit der Idee herausplatzte:Du sollst auf einen Anderen warten!" Sie hatte es in ihrer Uebereilung gesagt und beiden Eltern schien die Sache höchst peinlich und unangenehm. Auch Kränzchens Verlegenheit danach bewies ihr, daß sie gegen ein Verbot gefehlt hatte.

Sie sollte sich nichts merken lassen, daß sie von dem Heirathsproject mit Wulff-Dietrich bereits wußte.

Warum nicht? und warum sollte sie darüber schweigen? Es war doch leider ein so öffentliches Geheimniß, daß es keiner Schonung bedurfte! Sollte etwa Tante Johanna auf diplomatische Weise ganz andere Ziele verfolgen, als wie Pia sich träumen ließ?

Sollte ihr Abreden und ihr abfälliges Urtheil über den künftigen Majoratsherrn vielleicht nur ein kleines Manöver sein, um den Widerspruch der Nichte zu reizen?

Was dem Zureden sicherlich mißglückt wäre, qelingt vielleicht dem Abreden?? ,

Wer kennt Pias Character so gut wie Tante Johanna?

Wer liest so fein und deutlich in Mädchenherzen wie eine kluge, empfindsame Frauenseele? Und die Gräfin war eine geistvolle, feinfühlige Frau, welche sich viel Menschen-

kenntniß angeeignet. Hält sie eine Heirath mit Wulff- Dietrich etwa auch für das größte Glück eines armen Mädchens und will sie nun auf ihre Weise Einfluß üben?

Wohl möglich.

Und doch ist so Vieles, so sehr Vieles, was lebhaft dagegen spricht!

Willibalds Haß gegen den Vetter und dessen ganze Familie ist wahr und echt, ist keine Comödie, und Johanna, deren Denken und Empfinden so völlig eins mit dem Gatten ist, würde nie die Hand bieten, um einen wichtigen Plan ihres fteindes zu fördern.

Was bezweckt alsdann aber das seltsame Benehmen, welch geheime Absicht verfolgen die Eltern, sowohl wie Fränzchen?

Pias Gedanken schweifen beunruhigt hin und her, ohne die Lösung solchen Räthsels finden zu können,- sie hat jetzt auch keine Zeit mehr, nachzugrübeln, denn mit dröhnenden Schritten kommt Fränzchen angesprungen und meldet triumphirend:Hurrah, es wird ausgestiegen! schnell macht Euch fertig; in Geisenheim landen wir!"

Die Augen der Umsitzenden mustern voll Heiterkeit die derbe, schlaksige Mädchengestalt, welche noch so garnichts von dem Wesen einer jungen Dame an sich hat, und man beobachtet mit fröhlichem Interesse, wie ungenirr und ohne jede Spur von Eitelkeit Fränzchen den Mantel über die Schultern wirft und mit einem genialen Patsch den Filzhut auf den Kopf drückt.

Und dann gehorcht die ganze Familie gehorsam dem Befehl der kleinen Tyrannin und verläßt an Station Geisen­heim das Schiff. Fränzchen, welche auf Deck durchaus nicht über Beeinträchtigung der Freiheit ihrer Bewegungen hat klagen können, benimmt sich beim Betreten des Ufers wie eine, welche tagelang geknebelt im Stock gelegen hat.

Sie wirft die langen, uugraziösen Arme fuchtelnd durch die Luft, springt über Stein und Bretter, daß die Kleider­röcke wild um die Beine schlagen, jodelt so ungenirt fröhlich, daß das Publikum seine Freude über eine derart originelle Erscheinung nicht unterdrücken kann.

Pia wird ein wenig verlegen, die verblendeten Eltern aber scheinen sich königlich über den ausgelassenen Liebling zu amüsiren. Willibald flüstert seiner Gattin etwas in das Ohr und Johanna unterdrückt mühsam ein lautes Lachen.

Fränzchen, ich bitte Dich, betrage Dich anständig, wie es sich für eine junge Dame schickt!" sagt Fräulein von Nördlingen verweisend, als die Comtesse sich zärtlich nähert und den Arm der Cousine in den ihren legen will. Wenn ich mich Deiner schämen muß, gehe ich keinen Schritt mit Dir!"

Fränzchen sieht ganz verdutzt aus.Benehme ich mich so albern? Ja, Du lieber Gott, wo soll ich es herwissen, wie eine junge Dame sich benimmt! Aber komm, ich werde Dir jetzt Alles nachmachen, Liebchen, dann wirst Du schon mit mir zufrieden sein!"

Und für kurze Zeit harte es auch wirklich den Anschein, als wolle das Backfischchen sich recht manierlich betragen. Sie wanderte an Pias Seite am Flußufer entlang, bewunderte in gewählten Worten die große Breite des ruhigen Wasser­spiegels, die zerstreut liegenden, mit Grün bewachsenen Inseln, welche wie Smaragde auf Hellem Crystallgrund schimmern, und die schönen Konturen des Johannisberges, dieses Bacchusaltars", wie sie sich erfinderisch ausdrückre!

Man beschloß, sich die einzige Sehenswürdigkeit von Geisenheim, die Kirche mit dem von Rauchmüller verfertigten Grabdenkmal des Kurfürsten Johann Philipp, anzusehen, dann in einem Hotel nahe der Landungsbrücke zu Mittag zu essen und hieraus mittels Esel oder Maulthier den Weg nach Rüdesheim am Rheinufer entlang zurückzulegen.

Der Graf ging in das Hotel, um das Nöthige zu be­stellen, während die Damen langsam durch die schmalen Gäßchen der kleinen Stadt wanderten.

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