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Kränzchens Betragen blieb derart gesittet, daß die Gräfin ganz überraschte Blicke mit Pia wechselte.
Diese lächelte und drückte in der Freude über die liebenswürdige Fügsamkeit der Cousine deren Arm liebevoll an sich, was bei Fränzchen einen wahren Rausch des Entzückens zur Folge hatte.
Sie ward dunkelroth vor Freude und unterdrückte nur mühsam einen Luftsprung, welchen sie sicher gar zu gern ausgeführt hätte. Ein paar Touristen begegneten ihnen, anscheinend Maler, in sehr gehobener Stimmung.
Der jüngste und hübscheste von ihnen blickte Pia überrascht in das reizende Antlitz, dann zog er in übermüthiger Ovation den Hut und schwenkte ihn der jungen Dame zu.
„Oh, Singnorina bella !“ Hub er ein bekanntes italienisches Ständchen an zu singen.
Ein sprühender Zornesblick aus Fränzchens Augen traf ihn, Comteßchen neigte sich jählings vor und starrte forschend in Pias Antlitz.
Als sie dasselbe sehr stolz und voll steinerner Ruhe erblickte, strahlte ihr unschönes Gesicht auf. „Das ist recht, daß Du den frechen Lümmel ganz ignorirst, Pia!" lobte sie triumphirend, im Eifer sogar den schönen Namen „Lilian" vergessend. „Ich glaube, der unverschämte Kerl steht immer noch und glotzt Dir nach! Soll ich ihm mal die Zunge herausstecken?"
Fräulein von Nördlingen drückte entsetzt den Arm des empörten Väschens an sich: „Untersteh Dich nicht!" sagte sie streng. „Sieh Dich überhaupt nicht nach den Herren um! Solche Keckheiten bemerkt eine anständige Dame gar nicht!"
„Fandest Du das Scheusal etwa hübsch?"
„Aber, Fränzchen, welch ein Ausdruck!" schüttelte Pia unwillig das Köpfchen.
„Ob Du ihn hübsch fandest?"
„Ich habe ihn gar nicht angesehen!"
Das ist recht. Mama sagt auch immer, man muß die Herren auf der Straße gar nicht mustern!"
„Geschweige ihnen als erwachsene Dame die Zunge herausstecken!"
Comteßchen lachte: „Ich bin ja noch gar nicht erwachsen! O, Pia, wenn ich jetzt schon erwachsen wäre!"
Ein tiefer Seufzer begleitete diese Worte: „Es geht doch verteufelt langsam damit!"
„Als Mädchen rechnet man mit sechzehn Jahren schon vollständig zu den Großen, wenn man sich danach beträgt!"
„Ja, als Mädchen!" und jählings den Kopf zu der Mutter umwendend, welche bei den letzten Worten an die Seite des Töchterchens getreten war, fuhr Fränzchen lachend fort: „In dieser Beziehung ist es wirklich gut, daß ich ein Mädchen geworden bin, Mama!"
„Wildfang Du!"
Tante Johanna blieb vor einem alterthümlichen Häuschen stehen und betrachtete es amüsirt, Pta aus die wunderlich geschnörkelte Hausthüre aufmerksam machend, dann sah sie nach der Uhr und fand es an der Zeit, umzukehren, da das Essen nun wohl bereitet sein werde.
„Fränzchen machte ein brummiges Gesicht: „Jetzt schon? — dann treffen wir womöglich Pias Verehrer noch einmal!"
„Freue Dich doch, wenn Deine Cousine soviel Bewunderung erregt!"
„Freuen? — Hm!"
Ein seltsamer Ausdruck lag plötzlich in dem Gesicht der jungen Gräfin, und Pia verstand nunmehr ihr seltsames Wesen. Fränzchen war eifersüchtig, wie alle häßlichen Mädchen auf die Triumphe der bevorzugten Genossinnen neidisch sind.
Neid war es aber nicht in wahrem Sinne, dazu beherrschte zu viel Herzensgüte und harmlose Heiterkeit ihren Character, aber eine gewisse Eifersucht machte sich dennoch geltend, und das deuchte Pia nur begreiflich und selbstverständlich. Es muß sehr hart für ein heranwachsendes Mädchen -
sein, seine Häßlichkeit doppelt schwer neben einer hübschen Freundin empfinden zu müssen!
Vor Fränzchen blieb kein Maler stehen, sie voll Entzücken i zu grüßen, und darum wallte es trotzig in ihr aus und sie i ärgerte sich seiner Frechheit.
Arme Kleine! Wie manch bitterer Tropfen mag noch in den Freudenbecher Deines Lebens fallen! Pia wird gewiß nichts dazu thun, um dem jungen Mädchen den grellen Unterschied zwischen ihnen empfindbarer zu machen.
Sie fühlt großes, herzliches Mitleid mit einem jungen Mädchen, welches heimlich Qualen leidet, von denen andere begnadete Menschen gar keine Ahnung haben.
„Pia, — wenn der Mensch nun auf Dich wartet!" fragt die Comteffe abermals, und ihre dunklen Augen blicken beinahe flehend.
Fräulein von Nördlingen schüttelte lächelnd den Kopf. „Dann wollen wir ihm dieses harmlose Vergnügen unbeschadet lassen!"
„Du verliebst Dich vielleicht in ihn?"
Nun lachte ihre Nachbarin hell auf.
„Fränzchen, Du bist nicht recht gescheit! zu den phantastischen Menschenkindern, welche sich auf den ersten Blick in einen schönen Unbekannten verlieben, gehöre ich nicht!"
„Du bist zu stolz dazu?"
„Nenn es so, wenn Du willst."
„Du wirst nur einen Graf heirathen?"
Da zuckte das blonde Köpfchen in dem Nacken und der mißtrauisch forschende Blick, welcher Pia in letzter Zeit eigcnthümlich geworden, blitzte zu der Fragerin hinüber.
„Du irrst!" sagte sie kalt,- „ich werde nie nach Namen, Stellung und Mitteln eines Mannes fragen, sondern einzig den heirathen, welchen ich liebe!"
„Und wenn nun keiner kommt, den Du lieben kannst?" „Dann bleibe ich ledig."
Fränzchens Gesicht strahlte: „Aber mich hast Du lieb?" „Franzisca, sei nicht so kindisch?"
„Ich bin ja gar nicht kindisch, Mama! Ich will meiner süßen Lilian ja nur den Vorschlag machen, daß sie gar nicht heirathen, sondern immer bei mir bleiben soll! wäre das nicht herrlich, Du?"
Pia lachte abermals. „Wer weiß, Fränzchen! Es wäre vielleicht das beste und friedlichste Glück, welches ich mir wünschen könnte! Aber Du würdest auf die Dauer doch wohl nicht mit der strengen Schulmeisterin zufrieden sein!"
„Doch! doch! — o dann würdest Du mir eben keine Schulmeisterin mehr sein!" jubelte die Comteffe und vergaß in ihrer Freude die Beherrschung, welche sie bei diesem Spaziergang gewahrt, — sie ließ Pias Arm los und stürmte nach der Hotelveranda, wo der Graf mit Friedeich im Gespräch stand.
Beide kehrten ihr den Rücken zu.
Fränzchen aber sauste heran, machte einen kunstgerechten Stütz auf je eine Schulter der Beiden und schwang sich secundenlang zwischen ihnen, wie an einem Turnreck.
Der Erbherr von Niedeck knickte unter der unerwarteten Wucht zusammen wie ein Taschenmesser und Friedrich sank ebenso altersschwach und erschrocken in die Knie, — Tante Johanna konnte aber vor Lachen kaum weiter gehen, sie preßte ihr Taschentuch gegen die Lippen und konnte gar nicht wieder zu Athem kommen.
„Wie unbeschreiblich komisch das aussah — — dieses lauge Frauenzimmer — — mit den schlumprigen Kleiderröcken — — o — ich ertrage es nicht mehr!" und sie wischte die Lachthränen aus den Augen. Dann sah sie Pias betroffenes Gesicht und ward etwas verlegen. „Sie ist eine furchtbare Range, liebstes Herz! — wundere Dich nicht allzu sehr über ihre Tollheiten, welche Dir gewiß böhmisch Vorkommen! Wir sind ja seit Jahren daran gewöhnt, und Willibald will's mal so, — er ist ja sonderbar in seinen Ansichten, aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich! — Nur um eins bitte ich Dich, mein Liebling, nimm den Unsinn, welchen Fränzchen


