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Die Dienstmädchenfrage in den Vereinigten Staaten von Nordamerika
(Schluß.)
Ein Dienstmädchen kann darauf rechnen, daß ihre Arbeits« zeit täglich etwa zwölf bis vierzehn Stunden dauern wird, oft noch länger, die Pausen während der Essenszeit und vielleicht eine Ruhestunde Nachmittags nicht davon abgerechnet. Bei den Handwerkern in den Großstädten ist dagegen das Achtstunden'System schon zur Regel geworden. Die Gesetze ihrer Unionen zwingen sie sogar zum frühen Aufhören. In den Familien des weniger wohlhabenden Mittelstandes wird meistens nur ein Mädchen gehalten, und für diese gibt es dann am Montag Wäsche, am Dienstag das Bügeln, Mittwochs Fenster putzen, Donnerstags Schlafzimmer fegen, Freitags kommen Besuch- und Wohnzimmer an die Reihe, Samstags Eßzimmer und Küche. Neben diesem oder vielmehr als Hauptsache sind die drei täglichen Mahlzeiten und das Gc- schirrwaschen zu besorgen. Am Donnerstag Nachmittag kann das Mädchen ausgehen, hat aber vor dem Abendessen wieder zu Hause und an der Arbeit zu sein) am Sonntag hat sie die Freiheit, nachdem sie das Mittagsgeschirr gewaschen, auszugehen und ziemlich lange am Abend fortzubleiben) der einfache Theetisch wird dann von den Damen des Hauses be-
wir in dem Bahnhof zu New - gor? aus. Unser Aeußeres | verrietst nichts Merkwürdiges. Die alte Hopkins hatte mir einen dichten Schleier um beit Hut befestigt und ihren eigenen warmen Shawl um meine Schulter geworfen. Sir Gervase trug einen langen, grauen, bis zum Halse hinauf ! zugeknöpften Ueberzieher, in welchem er alltäglich genug ! aussah. Kein Mensch würde einen Edelmann in ihm vermut!) et haben.
Als wir den Zug verließen, bestürmte er die Bahnbeamten mit Fragen, doch leider vergeblich. Hunderte von Damen waren seit Mittag angekommen und abgereist. Ebensogut hätte man eine verlorene Nadel in einem Haufen Heu suchen können. Auf dem Bahnhof war keine Auskunft über Nan zu erlangen.
„Hier konnte ich allerdings nichts erwarten," erklärte Sir Gervase traurig.
Dann miethete er eine Kutsche, und wir fuhren nach der Harmouy-Alleh.
Mein Herz pochte gewaltig, als wir uns dem schmutzigen Viertel näherten, wo das Miethshaus stand. Auf allen Seiten traten mir bekannte Gegenstände vor die Augen. I Wenige Veränderungen hatten in dieser Gegend stattgefunden.
Beim Eingang der Alley hielt die Kutsche an; Sir Gervase und ich stiegen aus.
Ich blickte mich um.
„Ja," sagte ich, „dies ist der Platz. Und hier ist auch das alte Haus. Wollen Sie warten oder wollen Sie mit mir kommen? Es war in jenen Tagen eine schreckliche Spelunke."
„Ich begleite Sie," antwortete er; „gehen Sie voran!" I
Ich schritt die wohlbekannte Alley hinab, die noch I ebenso schmutzig war und in der es noch ebenso von Straßen- I jungen wimmelte wie in den unvergeßlichen Tagen meiner Kindheit.
Wir traten endlich in einen dunklen Hausflur ein, wo zwei keifende Weiber mit ungekämmten Haaren und von Schnaps gerötheten Gesichtern einander ein wüthendes Treffen mit Schimpfworten der gröbsten Art lieferten.
„Madame," sagte Sir Gervase, indem er eine der beiden Drachen höflich anredete, „können Sie mir vielleicht sagen, ob eine alte Frau Namens Scrag in diesem Hause wohnt?"
Die beiden Weiber hielten in ihrem Wortgefecht inne und starrten uns an. Eine Person von anständigem Aussehen war in Harmoity - Alley ein seltener Anblick. Ich waitete mit verhaltenem Athem auf die Antwort des Weibes.
Endlich kam dieselbe mit zwei oder drei Flüchen vermischt.
„Großmutter Serag? Das ist die Hexe in der Dachstube. Sie erwirbt sich ihren Unterhalt mit Betteln auf den Straßen. Ja, junger Mann, folgen Sie nur Ihrer Nase jene Treppe hinauf, bis Sie nicht weiter können; dort werden Sie das Quartier der Alten finden!"
Ich ging voran; Sir Gervafe folgte.
Ja, es war noch dieselbe alte, wackelige Treppe, aus der ich gar manchen heißen Kampf mit Pietro ausgesochten hatte; fast schien es mir, als müßte ich ihm und seinem Vater, dem Orgeldreher mit dem Affen, begegnen. Da waren noch dieselben dunklen, übelriechenden Treppenabsätze, dieselbe in ihren Angeln knarrende Dachkammcrthür am Ende der obersten Treppenflucht und im Innern die Hölle meiner Kindheit, die Dachstube, in der ich mit Nan gelebt und gelitten hatte!
Ich öffnete die Thür, welche nie verschlossen werden komtte. Das schmutzige „Skylight", der Wandschrank, das Lumpeubett, der zerbrochene Ofen — Alles war noch da; allein keine menschliche Seele befand sich in der Kammer.
„Dies ist die Stube," sagte ich zu Sir Gervase; „allein die Alte ist nicht hier."
„Wir müssen auf sie warten," antwortete er.
Es brannte kein Feuer in dem Ofen, und bittere Kälte
herrschte in der Stube. Sir Gervase reichte mir einen zerbrochenen Stuhl und begann bann in ber Kammer auf unb ab zu schreiten.
„Sehen Sie sich in biesem Zimmer um," sagte ich, „unb benken Sie bann an Greylock Woobs unb bas Leben, das Nan bort führte! Denken Sie an ben Luxus, an bie Liebe unb Sorgfalt, womit sie Jahre lang umgeben war. Sie werben ohne Zweifel sagen, baß Gobfrey Greylock schänblich hintergangen, baß Sie selbst burch diesen Betrug zu bitterem Leiben verbammt würben; ich sage Ihnen aber, baß meine arme Schwester burch biesen Schlag am schwersten von Allen betroffen worben ist! Aus einem solchen Eben wie Greylock Woobs nach einem solchen Platze wie biesem zurück- verstoßen zu werben — Gott erbarme sich ihrer!" Ich schlug heftig bie Haube ineinanber, beim ich selbst wußte nur zu gut, was es hieß, arm, heimathlos unb freunblos zu fein. Er war eben im Begriff, zu antworten, als wir schwere Fußtritte unb einen keuchenben Athem auf der Treppe vernahmen. Die Thür ging auf; eine tiefgebückte Fran wankte mit einem Stock in ber Hanb unb einem alten Korb in ber anderen in der Kammer.
Es war Großmutter Scrag.
Es schien mir, als ob ihr zerlumptes Kleid und ihr durchlöcherter Shawl noch dieselben waren, welche sie in den Tagen meiner Kindheit getragen hatte; jedenfalls strömten sie den wohlbekannten Schnapsdunst aus. Ihr häßliches, mumienähnliches Gesicht, ihre steifen, grauen Haare, ihre hervorstehenden Knochen waren unverändert. Sie blieb bei unserem Anblick plötzlich stehen und ließ ihren Korb auf den j Boden sinken. Sie selbst betrieb jetzt das Gewerbe einer Straßenbettlerin, welches ich vor Jahren so plötzlich aus- gegebeu hatte.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?" fragte sie mit krächzender Stimme, indem sie bald den Baronet, bald mich anblickte.
Sir Gervase trat auf sie zu und antwortete: „Wir haben wichtige Geschäfte mit Euch, meine gute Frau. Wer wir sind, kommt vorläufig nicht in Betracht. Was wir wollen, ist Auskunft über zwei Kinder, die einst hier bei Euch lebten — zwei kleine Mädchen Namens Nan und Polly.
I Ihre nanntet sie Eure Enkelinnen."
Die Alte ließ sich auf einem zerbrochenen Stuhl nieder. Trotz ihrer Bosheit konnte ich nicht umhin, sie zu bemitleiden.
(Fortsetzung folgt.)


