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ist zwar verteufelt gesund, allein ich bin der einzige Arzt dort- meine Aussichten auf Erfolg sind in dem kleinen Städtchen wie Blackport besser, als in einer Großstadt, wo unbemittelte Doctoren in jeder Straße wie Pilze emporschießen."

Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren," sagte Polly ruhig-Sie sehen bekümmert und niedergeschlagen aus."

Der junge Arzt runzelte die Stirne, lachte dann aber hell auf und sagte:Welchen Scharfblick Du besitzest, Polly! Nun ja, ich gebe zu, daß ich seit einigen Tagen in keiner angenehmen Gemüthsstimmung bin - laß uns an das Fenster treten, so daß die junge Brut uns nicht hört- ich habe Dir etwas mitzutheilen."

So sonderbar es erscheinen mag, kam der junge Doctor oft mit seinen kleinen Anfechtungen zu Polly- ihr ruhiges, sympathisches Wesen flößte ihm Vertrauen ein- überdies wußte nur sie ihn und seine Tugenden richtig zu würdigen. Sie trat daher seinem Wunsche gemäß an das Fenster, während er eine Schachtel mit Bonbons auf dem Tische ausleerte, über welche die jungen Steeles sofort herfielen. Er wußte, daß er wenigstens auf einige Augenblicke Ruhe haben würde, und trat nun ebenfalls an das Fenster.

Wie kommt es nur, Polly," begann der Doctor, daß ich mich immer unwiderstehlich zu Dir hingetrieben fühle, um über meine Angelegenheiten zu reden, namentlich wenn dieselben schief stehen?"

Ich weiß es nicht," murmelte Polly.

Hol mich der Henker, wenn ich es selbst erklären kann, aber Thatsache ist es- ich glaube, daß Du der beste Freund bist, den ich in der Welt habe!"

Ich?" erwiderte sie mit wehmüthigem Lächeln.Nicht doch, es giebt Leute, die sich sehr beleidigt fühlen würden, wenn sie Sie so sprechen hörten."

Ganz und gar nicht," entgegnete er lachend-ich bin nicht reicher an Freunden, denn an Geld. Polly, ich habe eine ungeheuere Thorheit begangen, die schlimmste, die ein Mann in meinen Schuhen nur begehen kann."

Mein Gott!" ries Polly erschrocken-sind Sie sind Sie in Schulden gerathen?" 1

Die Steeles waren beständig in Schulden und Polly erkannte die üblen Folgen eines solchen Zustandes aus Erfahrung.

Unsinn!" rief Doctor Dick-es ist etwas unendlich Schlimmeres."

Sie haben doch Niemanden beraubt oder getödtet?" stammelte Polly erblassend.

Dick lächelte düster und sagte:Nicht daß ich wüßte, obwohl den Doctoren Beides zuweilen passirt. Ich will Dir die ganze Affaire in kurzen Worten mittheileu, Polly!" Ich bin verliebt bis über die Ohren verliebt, und die Zauberin, die es mir angethan hat, ist die Erbin eines großen Vermögens, schön wie eine Venus und steht auf der höchsten Sprosse der gesellschaftlichen Leiter! Nun sage mir aufrichtig: kann ein Mensch blödsinniger handeln als ich?" Polly empfand eine plötzliche, seltsame Erschütterung - es war ihr, als ob ihr ein Dolchstoß durch das Herz führe­st bemeisterte indessen ihre Gefühle und sagte:Ist es ist es Jemand dort in Blackport?"

Ja," antwortete Doctor Dick, indem er auf seinen rothen Schnurrbart biß-das einzige weibliche Wesen, das der Erwähnung werth ist- im Vergleich zu ihr erscheinen mir alle übrigen Mädchen von Blackport wie Talgkerzen neben dem Monde."

Polly hatte ihr dunkles Gesicht an eine Fensterscheibe gedrückt und starrte nun mit trübem Blick auf die Straße und in den Regen hinaus.Wie sieht sie aus?" fragte sie endlich.

Sie ist das holdeste Geschöpf auf Erden," antwortete ey;weiß wie Schnee, mit Haaren wie von getriebenem Golde, die Augen wie Veilchen und einer Gestalt, die Worte nicht zu beschreiben vermögen."

Oh!" stammelte Polly,eine Blondine! In allen Romanen, die ich gelesen habe, ist es immer die blonde Schönheit, die ihrer Nebenbuhlerin den Liebhaber wegschnappt - sind Sie sind Sie schon lange mit ihr bekannt?"

Die jungen Steeles waren den Bonbons wegen einander in die Haare gerathen- sie machten einen entsetzlichen Lärm- allein weder Dick noch Polly achteten darauf.

Gerade seit einer Woche," antwortete der junge Doctor, und ich gebe Dir mein Wort darauf, daß ich während dieser Zeit unaussprechliche Qualen erduldet habe. Sie ist mein Himmel und meine Hölle- ich kann nur noch an sie denken, und dennoch ist mir jeder Gedanke eine Folter."

Weiß sie darum?" fragte Polly mit matter, heiserer Stimme, als ob das Leben in ihr erstürbe, während ihre Stirn noch immer an die Fensterscheibe gedrückt war.

Ob sie es weiß? nach einer Bekanntschaft von einer Woche? Ich denke wohl nicht."

Nun, warum verzweifeln Sie dann?"

Mein Gott! Sie ist schon so gut wie verlobt mit einem englischen Baronet, einem Verwandten ihrer Familie. Welche Chance hat wohl ein armer Uankee-Doctor neben einem solchen Nebenbuhler? Der Henker hole ihn!"

(Fortsetzung folgt.)

Gesellschaften.

Von Frau Prof. Barthels, Bonn.*)

In der Wohnung eines in unserer Nähe wohnenden höheren Beamten bemerkte ich an einem klaren Winterabend, daß die Fenster in hellem Lampenlicht erglänzten. Wagen fuhren vor und ich glaubte sogar, fröhliches Stimmengewirr zu vernehmen.So, so," dachte ich unwillkürlich,da drüben ist wieder einmal Gesellschaft," und grübelte nach nicht etwa über die Herrlichkeiten und Genüsse, die dort zu sehen, zu hören und zu schmecken waren, sondern über die Berech­tigung der Klagen, in die die Hausfrau aus jenen strahlen­den Räumen vor wenigen Tagen erst mir gegenüber aus­brach: über die theure Wohnung, die theuren Kleider, die theuren Schulbücher der Kinder und den immerhin ge­ringen, kaum ausreichenden Gehalt ihres Mannes, von welchem man nicht nur nichts für spätere Zeiten (Ausstattung der Töchter, Wechsel für eventuell studirende Söhne u. s. w.) zurücklegen, sondern selbst nicht einmal einen Nothpfennig für etwaiges Kranksein erübrigen könne. Wider Willen stieg mir der übrigens recht naheliegende Gedanke auf: Würde jene Frau, wenn sie keine Gesellschaften gäbe bezw. sich nicht darauf eingerichtet hätte, auch nöthig haben, derart zu klagen? Denn der Gehalt ihres Mannes über 6000 Mk. jährlich reicht nach meinen Erfahrungen und Beobach­tungen auch heutigen Tages noch hin, anständig zu leben und eine kleine Summe zu ersparen. Als ich mir bewußt wurde, was ich gedacht hatte, erschrak ich fast vor mir selbst- denn es ist doch eine Ungeheuerlichkeit, nicht über Gesellschaften, den Stolz der jungen und älteren Ehegattinnen, die Freude der ganzen Damenwelt, entzückt, rein weg zu sein oder sich nicht in eine solche vielleicht die eben abgehaltene ver­setzt zu wünschen!

Jedes jung verheirathete Beamtenpaar und jedes sonstige Pärchen, welches glaubt, sich dadurch ein Ansehen zu geben, nur dadurch etwas zu gelten, daß es einHaus macht", wie man sich auszudrücken beliebt, macht sich gleich mit dem Gedanken vertraut, Gesellschaften zu besuchen und zu geben. Da wird nun zunächst eine passende Wohnung gesucht. Dem Gehalte des Mannes oder sonstigen Einkommensverhältnissen entsprechend wäre eine solche von wenigen Zimmern, reinlich

*) Obigen Aufsatz entnehmen wir der österreichischen Zeitschrift Frauen-Werke", an welcher die Verfasserin Mitarbeiterin ist.

Die Red.