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Wann ist der Baronet gekommen?"

Vor einer halben Stunde."

Die Krisis stand bevor- Ethel mußte derselben kühn die Stirne bieten. Regnaults dunkle, herrliche Augen schienen vor ihr aufzuleuchten und ihr Kraft und Muth einzuflößen- um seinetwillen konnte sie Alles thun und wagen. Sie eilte nach ihrem Zimmer hinauf, gefolgt von Tante Pamela, die sehr eifrig sprach, jedoch zu tauben Ohren. Dort machte sie Toilette, indem sie vor sich hinflüsterte: Oh, mein Geliebter! Ich will Dir treu sein- ich werde meinen Schwur nicht vergessen! Dein bin ich Dein bleibe ich bis in den Tod!"

Beeile Dich, mein Kind!" sagte Tante Pamela.

Bleich, aber gefaßt, begab sich Ethel mit ihrer Tante die Treppe hinab. Sie hatte ein schwarzes Kleid angezogen und einen Vergißmeinnichtstrauß an den Busen gesteckt. Einen Augenblick hielt sie vor der Bibliothek an, um sich zu sammeln- dann öffnete sie die Thür und trat ein.

Ethel," sagte der Großvater, indem er ihre Hand er­griff und sie nach dem Kamin geleitete,unser sehnlichst er warteter Gast und Verwandter ist hier- erlaube mir, Dir Sir Gervase Grehlock von Greylock Park in Suffolk, Eng­land, vorzustellen."

Langsam und zögernd erhob sie ihre Augen zu ihrem englischen Freier. Er war groß von Statur- ihr Auge hatte mehrere Zoll über ihre eigene Höhe emporzuwandern, um seinem Blick zu begegnen. Dann aber fuhr sie erschrocken zurück- das Blut strömte in ihre Wangen- sie versuchte zu sprechen, vermochte aber kein Wort zu finden. Sie stand dem Manne gegenüber, der an diesem Morgen Regnaults Brief am Strand von Blackport aufgehoben und während des Gewitters an der Thüre des alten Boothauses Sultana" gehalten hatte.

18. Capitel.

Eine neue Heimath.

Polly! Polly!" rief der Hausherr, undPolly! Polly!" rief auch die Hausfrau.Polly! Du mußt mir mein zerrissenes Kleid flicken!" schrie eines der Kleinen. Polly, ich will ein Butterbrod!" ließ sich ein Anderes vernehmen.

Das dunkle Mädchen mit den seelenvollen Augen und der schwächlichen Gestalt, die geduldige Sklavin des lärmenden, unordentlichen Steele'schen Haushalts, flog Treppe auf, Treppe ab, nach dem Zimmer ihrer Herrin, um mit einem einzigen Paar müder Füße und zwei mageren Händen ein Dutzend Befehle auszuführcn und die Arbeit einer Köchin, Aufwärterin, Näherin und Kindermagd zu vollbringen.

Es war eine nachsichtslose, undankbare Brut, diese Steel'sche Kinderschaar. Seit Jahren schon war Polly, die namenlose Waise, der Spielball ihrer Launen gewesen seit jenem Abend, als Dick Vandine sie von dem Hospital nach dem Hause des Doctors gebracht hatte.

Während dieser Zeit war Großmutter Serags schwarzer Satan" aus einem Kinde zu einer hageren Jungfrau herangewachsen. Sie hatte eine häßliche Narbe an der Stirn, eine bleibende Erinnerung an den Unfall, der ihr bei dem unglücklichen Versuche, Nan einzuholen, beinahe das Leben gekostet hätte- zwei große Rehaugen und ihr üppiges Haar waren ihre einzige Schönheit.

Im Alter von ungefähr achtzehn Jahren Niemand vermochte ihr Alter genau anzugeben gebrach es Polly nicht ganz an Schulkenntnissen- von früh bis spät hatte sie sich zwar für die Kinder abmühen müssen - allein sie hatte auch Zeit gefunden, die Schulaufgaben derselben mitzulernen- Sonntags saß sie stets mit der jungen Brut um sich her im Kirchenstuhl der Familie. Dick Vandine, dessen Interesse für die arme Waise die Zeit nicht abzuschwächen vermocht hatte, brachte ihr oft Bücher, die Werke Shakespeares, vor­zügliche Romane, die besten Dichter aller Nationen, sowie gute Geschichtswerke.

Diese Bücher richtig zu lesen, ist an und für sich eint 1 gute Erziehung," hatte er ihr einmal gesagt-Du bist-« geweckten Geistes, um in Unwissenheit oufzuwachsen." 5

Und Polly hatte die Bücher in den stillen Stunden bet Nacht gelesen, wenn die geräuschvolle Familie schlief, Ulli) wenn ihr eigener müder Leib ebenfalls hätte der Ruhe pflegen sollen. In jeder Beziehung hatte sie sich ihrer Herr­schaft unschätzbar und unentbehrlich gemacht, allein in Bez«» auf die Frage des Lohnes blieb dieselbe stumm. Sie war eine unbezahlte Sclavin. Nicht einen Cent hatte sie je für all ihre Mühe und Arbeit empfangen- Alles, was sie er­hielt, war ihre Beköstigung und Kleidung, und Beides lief in Quantität und Qualität viel zu wünschen übrig.

Als sie älter wurde, fing sie an, sich gegen diese un­gerechte Behandlung aufzulehnen- sie faßte sich ein Herz, mit Vandine darüber zu sprechen.Es war, wie Sie wisse« längst meine Absicht," stammelte sie,etwas Geld zu er­sparen, um Nan aufzusuchen- wie soll ich dies aber anstelle« wenn ich keinen Lohn erhalte? Ich werde meinen Liebling wohl nie Wiedersehen?"

Was?!" rief Doctor Dick,hast Du Nan noch immer nicht vergessen?"

Pollys mageres Gesicht, das hübsch gewesen wäre, wenn es Fleisch und Farbe besessen hätte, nahm einen wunderbaren Ausdruck an.Vergessen! In meinem ganzen Leben werde ich sie nicht vergessen! Und sollte ich hundert Jahre alt werden, so würde ich bis zu meinem letzten Athemzug an sie denken und sie lieben'"

Du gute, treue Polly!" rief Vandine.Beim Himmel, ich möchte wissen, ob Nan an Dich denkt und sie Deiner Treue auch nur annähernd würdig ist."

Es war ein ungemüihlicher Regentag. Rauch und Nebel hüllten die Stadt ein und erfüllten die enge, unscheinbare Straße, in welcher die Familie Steele wohnte. Der Nach­mittag ging zu Ende. Polly saß mit den Kleinen in der Kinderstube, mit dem Ausbessern ein großen Haufens Kleider und Wäsche beschäftigt. Robert und Joseph, die größten Plagegeister des Hauses, lagen zu ihren Füßen und rissen Löcher in den ohnehin schon stark abgenutzten Teppich.

Zwei oder drei kleine Mädchen hingen an der Rücklehne ihres Stuhles und amüsirten sich damit, ihren Ellbogen mit Steck­nadeln zu stechen, während sie dem Scheine nach der kleinen May, dem einzigen artigen Kinde der Familie, zuhörten, die auf einem Stuhle neben Polly saß und aus einem Buche laut vorlas- die Thür ging auf und Doctor Vandine trat ein.

Ein vielstimmiger Freudenruf erscholl durch die Kinder­stube. Niemand achtete darauf, wie Pollys Gesicht bleich, dann roth und dann wieder bleich wurde. Die Kinder stürmten insgesammt auf ihren Vetter heran- selbst die kleine May warf ihr Buch hin und sprang von ihrem Stuhle herab.

Es dauerte einige Zeit, bis Vandine im-Stande war, sich Polly zu nähern und ihr freundlich die Hand zu reichen. Da bist Du, wie gewöhnlich, von diesen Plagegeistern um­ringt," sagte er.Wie hager Du wirst, armes Ding! Doch kein Wunder- des Doctors zahlreiche Sprößlinge würden selbst einen weiblichen Herkules alles Fleisches be­rauben. Komm, Joe, laß meinen Hals los- ich kam in Geschäften nach der Stadt und dachte, ich wolle aus einen Augenblick hierher gehen, ehe ich nach Blackport zurückkehre."

Polly gab sich keine Mühe, ihre Freude über seinen Besuch zu verbergen- ihre großen, dunklen Augen leuchteten wie zwei Monde, eine schwache Röthe überflog ihre hohlen Wangen- sie ließ ihre Arbeit auf einige Augenblicke ruhen. Gefällt es Ihnen in Blackport, Doctor?" sagte sie,und gedenken Sie dort zu bleiben?"

Eine Wolke beschattete sein gutmürhiges Gesicht- er streichelte Roberts Flachskopf mit solcher Energie, daß dieser jüngste Sprößling des Steele'schen Ehepaares laut zu heulen anfing.

Oh ja, ich werde bleiben," antwortete er-der L-r