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ob er den ungeheuren Treubruch wirklich
Äug' in Auge fragen, begangen.
Verstört blickte dämmerung sanken
Bente, mit der sich eine müßige Stunde vertändeln ließ, für ein tugendloses Weib, dem man ungestraft nahen durfte.
Sie stöhnte, während sie das Gesicht verhüllte, welcher der beleidigte Stolz mit dunkler Schamröthe bedeckt. Sie hatte an ihn geglaubt, seine Liebe war ihr Messias gewesen, der aus dunkler Grabesnacht sie erlöst, sie hinausgeführt zu lichten, sonnigen Höhen.
Und jenes Mädchen sollte schon lange seine Braut sein! Jenes Mädchen, das er liebte, in dessen Armen er nun Derjenigen spottete, die so schnell seinen Schwüren vertraut.
Jetzt schrie sie auf. Laut und gellend schallte es wieder in dem leeren Hause, das nur sie und den Todten umschloß.
Nur nicht hierbleiben, nur fort von hier, zn ihm, ihn
sie um sich. Die Schatten der Abendtiefer, bald wurde es Nacht. War
zögerte sie noch.
Wie gehetzt lief sie die Treppen herunter, an der Dienerschaft vorüber, die ihr verwundert nachblickte. „Wo kann die gnädige Frau nur so spät hingehen? Der neue Herr muß jeden Augenblick eintreffen; es gehört sich doch, daß sie ihn empfängt," hörte sie hinter sich leise sagen.
Was fragte sie in diesem Augenblick danach, was sich schickte, was kümmerten sie die Menschen, die ihr doch immer Unrecht gethan.
Staub flog ihr auf der Chaussee entgegen, lagerte sich wie eine graue Wolke aus ihr schweres Trauerkleid, dar lang und schleppend sie am schnellen Gehen hinderte.
Wie endlos sich der sonst so kurze Weg ausdehnte. Noch immer keine Stadt, keine Lichter. Noch eine kurze Galgenfrist, eine Minute schwachen Hoffens, ehe ewige Finsterniß ihr entgegengähnte.
Plötzlich stockte ihr Fuß. Dicht vor der Stadt, hart an der Chaussee, von dieser nur durch eine stachelige Weißdornhecke getrennt, lag des Bürgermeisters blumenreicher Garten, das Steckenpferd seiner Mußestunden. Noch war das Dämmerlicht hell genug, um ihn zu übersehen. In den breiten Kieswegen, die sich zwischen Rosenbeeten hindurchzogen, wandelte Mama Bürgermeister, den Strickstrumpf in den Händen, wohlgefällig hin und her. Der kleinen, runden Fran im blüthenweißen Häubchen und steif gestärktem Cattun- kleide galt jedoch nicht Thereses starrer Blick. Eine Stimme hatte sie gehört, deren Ton wie eine vergiftete Dolchspitze ihr ins Herz fuhr.
In die Hecke hineingebaut, gegen den Garte» zu durch ein luftiges, weinübersponnenes Gelände geschützt, lag eine verschwiegene Laube, und dort darin flüsterte es.
Sie drängte sich näher heran, unbekümmert darum, daß die Dornen ihr Hände und Gesicht zerstachen, griff sie in die Zweige. Nun wurde ein kleiner Durchguck frei. Ein Blick hinein, und jeder Hoffnungsschimmer, an de» sich ihr Herz schmeichlerisch geklammert, erlosch.
Auf der weißen Gartenbank faß er, den sie bis heute als ihr Eigenthum betrachtet, und auf seiner Schulter ruhte der blonde Kopf eines Mädchens, das er umfangen hielt.
„Nun mußt Du aber auch vernünftig fein, Kind, und mich nicht länger mit dieser thörichten Eifersucht quälen, hörte sie ihn sagen. „Ich leugne nicht, meine Fantasie war gefesselt, mein Geist geblendet, ein kurzer Sommernachtr- traurn!" Er seufzte, „er ist vorüber."
„Und nun bist Du mir auch wieder gut?"
„Ich war es Dir immer. Denke doch der vielen fröhlichen Stunden, die wir einander verdanken; so etwas vergißt sich nicht." ,
„Und Du wirft mir auch jetzt nicht mehr untreu werden« „Nein, das kann ich Dir fest versprechen. Emer zweiten Therese begegne ich nimmer!"
Die Lauscherin draußen grub die Zähne in die Lippen. Ein kurzer Sommernachtstraum jene selige Zeit, wo er t? auf den Knieen Liebe und Treue für ewig geschworen. Fa Iw
Bräutigam kann man freilich nicht verlangen, daß er in ein Todtenhaus heraufkommt."
Grinsend hielt sie inne, aber als sie bemerkte, daß Therese ihr nur zerstreut zuhörte, beschloß sie deutlicher zu werden.
„Gerade an dem Tage, als unser gnädiger Herr Baron starb, haben sie bei Bürgermeisters Verlobung gefeiert. Ei» ganz neues Kleid hat Fräulein Almachen dazu angehabt, und reizend soll sie ausgesehen haben, wie eine Weihnachtspuppe. Spät ist es geworden, weit nach Mitternacht; eine Gesundheit nach der anderen haben sie getrunken. Deshalb konnte man, als es unserem armen Herrn so schlecht ging, auch den Doctor nirgends finden. Beim Bräutchen hat er gesessen" ,
„Welchen Doctor?" Therese versuchte ungläubig zu lächeln, obgleich es ihr doch war, als ob eine eisige Hand ihr das zuckende Herz aus der Brust gerissen.
„Welchen Doctor?" Gnädige Frau wissen doch recht gut, daß ich nur einen meinen kann. Wer anders, als der Doctor Senglin sollte denn der Bräutigam sein. Sie kennen sich ja schon lange, es soll eine alte Liebe sein, und nur Almachens wegen ist er ja aus Berlin hierhergekommen. Bei Bürgermeisters nähen sie auf drei Mafchiiien die Ausstattung, und im September wird Hochzeit gefeiert."
„Das ist nicht wahr!" Therese hatte es herausgestoßen, aber ihre Stimme klang so rauh und heiser, so schrill wie der Ton einer jäh zersprungenen Glocke.
„Nicht wahr?" sagte Frau Krause anscheinend tief beleidigt. „Ich werde mir doch nicht erlauben, Lügen aufzubringen. Die Verlobungskarten sind schon gedruckt, sie werden nur noch nicht umhergeschickt, weil es sich nicht paffen möchte, so lange der Herr Baron noch über der Erde steht. Arm in Arm sind sie gestern schon ausgegangen, und meine Tochter, die eben gekommen ist, um mir meine Sachen herunterschaffen zu helfen, hat selbst gesehen, wie der DoctorMmachen am Fenster geküßt hat. Doch, gnädige Frau sehen auf einmal so bleich ans wie der Kalk an der Wand Mein Gott, Sie fallen ja. Gnädige Frau sind unwohl! Wasser! Hilfe!"
„Nichts, nichts!" Therese, die schwankend mit den Händen in die Luft gegriffen, stand wieder auf den Füßen, lehnte sich schwer gegen den runden Tisch. „Ein Schwindel, der mich oft befällt," fuhr sie mit schwerer Zunge langsam fort. „Gehen Sie, Frau Krause, wenn ich allein bin, wird mir stets schnell besser."
„Aber gnädige Frau werden doch nicht verlangen, daß ich jetzt gerade gehe. Gnädige Frau können ja ernstlich krank werden."
Neugierig und geschäftig umtrippelte sie die Alte, doch ein einziger Wink Thcresens genügte, um das Zimmer von ihr zu räumen.
Nun war sie allein. Warum konnte sie nicht lachen über die dreiste Lüge, die man erfunden, um sie zu schrecken. Warum erschien ihr Walters Fernbleiben plötzlich in solch einem ganz anderen Licht. Wenn er sie wirklich liebte, es ehrlich meinte, wußte er nicht mit ihr ausharren wie und wo es auch sei. Verratheu! Betrogen! In den Staub getreten! schrie es gellend in ihr auf.
Sie stürzte zum Fenster, riß eS auf, um nicht zu ersticken, doch die sanfte Stille des duftenden Juniabends war nicht dazu angethan, um den Sturm in ihrer Seele zu sänftige». Wenn der Donner grollen wollte, wenn feurige Blitze zündend niederzuckten, wenn der See vom Nordwind bis in seine Tiefen aufgewühlt, mißfarbene Wellen warf, ja dann würde das brennende Weh im Herzen das Hämmern und Stechen in "bett Schläfen betäubt und überwältigt werden.
Die gerungenen Hände fest gegen die glühende Stirn gepreßt, stand sie da und rief sich jedes falsche Lächeln, jedes Liebeswort, mit dem er ihr Herz gestohlen, in die Erinnerung zurück. Für was mochte er sie gehalten haben? Mohl für das, was man von ihr sagte; für eine leichte


