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erste Mal, daß sie ihn kritischer betrachtete. Er war äußer­lich doch verändert. Das Wohlleben hatte die frühere, vor­nehme Schlankheit der Figur in ein gewisses Enbonpoint verwandelt; seine Züge erschienen ihr schlaff, gealtert oder war eS nur der Mißmuth über seine Frau, der ihn entstellte?

Constanze merkte, daß er sie über alle Berge wünschte, und gerade darum blieb sie.

Gestatten Sie, meine Damen, daß ich mich ein wenig zu Ihnen setze? Es ist ein solcher Genuß, einmal wieder mit seinesgleichen reden zu können. Bisher war noch wenig Adel hier vertreten, die Haute-volee kommt immer erst im August. Mit den Professoren- und Doctorfrauen in meinem Hotel mochte ich mich natürlich nicht einlassen- man ist doch aus zu verschiedenen Gesellschaftssphären. Ich bin überhaupt sehr vorsichtig mit Badebekanntschaften, man kann damit schrecklich hereinfallen, so habe ich mich nur wenigen ange­schlossen."

Nun Plauderte sie so unaufhaltsam weiter, als habe sich der Strom ihrer Rede lange angestaut und lasse sich nun nicht mehr zurückhalten, nachdem sich endlich ein Publikum gefunden hatte, mit dem sie sich sorgloseinlassen" konnte. Sie schien trotz der angeblichen Zurückgezogenheit jeden Menschen und alle Klatschgeschichten von Westerland zu kennen und setzte bei ihren Zuhörerinnen ein lebhaftes Interesse daran voraus.

Lossen wurde es sichtlich immer unbehaglicher zu Muthe. Er benutzte einen Wink seiner Frau, sich unter dem Vor­wande, nach den Kindern zu sehen, stillschweigend zu entfernen.

Frau Constanze aber war im schönsten Fahrwasser. Endlich gewahrte sie einen blaffen, blonden Jüngling, höchst stutzerhaft in ein schneeweißes Strandcostüm gekleidet und mit so kurz verschnittenem Haare, daß der Kopf fast kahl erschien.

Sehen Sie dort Baron Barnim," rief sie erfreut. Er ist naMch ein glühender Verehrer von mir, ich kann mich kaum genug wehren gegen feine Aufmerksamkeiten. Run schleicht er schon den ganzen Vormittag herum auf der Suche nach mir, und läßt sich's keiner Mühe verdrießen. Wenn ich mich in ein Mauseloch verkröche, er würde mich doch heraustüfteln! Ich muß doch wohl barmherzig sein und dem Armen zu Hülfe kommen!"

Damit verabschiedete sie sich hastig und rauschte von dannen. Eine Weile blieb Alles stumm in dem Strandzelte, das eben noch von ihrer lebhaften Rede wiederhallte. Dann konnte sich Regine nicht länger enthalten, eine Frage zu thun, die ihr auf den Lippen brannte:

Sag', Lottchen, wie kommt Lossen zu dieser Frau?"

Die Gefragte zuckte mit den Schultern.

Ja, wie das so geht. Man sagt, daß er schwere Spielschulden hatte - Constanze Pottmüller war steinreich, verliebte sich in ihn und brannte vor Begier, sich aus einer simplen Commerzienrathstochter in eine adlige Offiziersfrau zu verwandeln- so wurden sie handelseinig. Ich finde eS schade um ihn. Aber es ist Zeit, daß wir uns zur Table dhftte zurecht machen!"

Damit packte sie die Arbeit ein und rief nach den Kindern.

* * *

Auf das strahlende Bild, das Regine sich von Lossen gemacht, war ein dunkler Schatten gefallen. Sie stand vor einer unbegreiflichen Thatsache. Er hatte sich für Geld an eine ganz gewöhnliche Person verkauft und ertrug nun deren Plattheiten, nur weil ihr Vermögen ihm ein bequemes Leben sicherte. O, wie hatte Regine früher über solche Ehen raisouniren können als etwas ganz Unwürdiges! Nun hatte ihr Ideal, Lossen, der ihr bisher als etwas außergewöhnlich Vollkommenes galt, eine solch niedrige Handlung begangen Diese Offenbarung lastete auf ihr wie ein schwerer Druck in den nächsten Tagen.

Lossen bemerkte wohl, daß er in Ungnade gefallen sei. Vergebens zeigte er sich wieder als der alte, unwiderstehlich liebenswürdige Gesellschafter. Vergebens sprach er von Dingen, bei denen er sicher war, Reginens Interesse zu er­wecken es gelang ihm nicht mehr, ihre verlorene Gunst zurückzuerobern. Dieser Mensch, der eine Persönlichkeit, wie Constanze, zur Gattin erwählt, wollte ihr von ästhetischem Feingefühl reden!

Als er sein Bemühen fruchtlos sah, verlor er rasch Geduld und Stimmung und erkor besonders seine Gattin, die unschuldige Ursache seines Mißerfolges, zum Opfer seiner Launen, und mit immer erstaunteren Augen betrachtete Regine ihr einstiges Ideal.

Es war später Nachmittag. Mit mächtigem Anprall überschlugen sich die Wogen. Der Wind trug den Badegästen Frische und Stärkung zu und rüttelte sie ordentlich durch. Heute wehte er so stark, daß Regine sich eilig hinter eine der Strandhallen flüchtete, um nicht umgeblasen zu werden und in Ruhe ein bischen Athem zu schöpfen.

Die Kinder hatten mit Lottchen einen Spaziergang unter­nommen nach dem südlich gelegenen, im Flugsande halb be­grabenen Dörfchen Rantum. Die meisten Gäste machten sich zu dieser Stunde etwas Bewegung. Nur vereinzelte Herren saßen bei ihrer Cigarre oder einer Scatpartie. Im Vorüber­eilen hatte Regine Lossen an einem der nächsten Ecktische er­kannt und neben ihm einen alten Bekannten, seinen einstigen Rittmeister aus Falkenberg, der seit Kurzem in Westerland weilte. Die Beiden waren aber so in ihr Gespräch versunken, daß sie nicht bemerkt wurde. Wie sie nun erschöpft gegen die Rückwand der Halle lehnte, konnte sie deutlich die Stimmen der Herren unterscheiden. Sie dachte nicht daran, ihrer Unterhaltung Aufmerksamkeit zu schenken, als plötzlich ihr eigener Name an ihr Ohr schlug.

Sieht noch verteufelt hübsch aus, die Frau von Helling," sagte der dicke Rittmeister,die Jahre scheinen spurlos an ihr vorübergegangen zu sein."

Ja, sie war immer eine schöne Erscheinung," bestätigte Lossen gedehnt,biegsame Figur, königliche Haltung, pracht­volle Augen!"

Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, als Sie ganz weg waren von der Kleinen," neckte der Dicke lachend. Aufrichtig gestanden, erwartete ich damals Ihre Berlobungs- anzeige, als Sie in Berlin auf Turnfchnle waren, Lossen."

Nun, für einen solch unpractischen Schwärmer hätten Sie mich doch nicht halten sollen," lautete die Entgegnung, sie hatte ja kaum das Nöthigste zu beißen und zu brechen. Was helfen mir die schönsten Braunaugen ohne anständige Zulage! Jetzt liege ich weicher gebettet, und sie ist ja auch schlau genug gewesen, eine reiche Partie zu machen."

Regine hatte genug gehört. Sie eilte geräuschlos von bannen, immer weiter und weiter, so lange ihr Fuß sie trug. Der Schlag war grausam. Für ihn, der in ihrem Leben eine so große Rolle gespielt, war sie also nie mehr gewesen, als nur ein Spielzeug. Sie hatte ihm ihre reine, glühende Jugendliebe gebracht, er aber verachtete sie um ihres geringen Vermögens willen und setzte bei ihr ohne Weiteres die eigene, berechnende Gesinnung voraus, er, von dem sie sich noch vor Kurzem allein nach ihrem wahren Werthe geschätzt glaubte! Nichts Anderes wußte er an ihr zu rühmen, al» ihren guten Wuchs!

Um dieses Menschen willen hatte sie sich jenem Manne entfremdet, der nie etwas Anderes begehrt als ihr eigenes Selbst, der mit seinem erworbenen Vermögen auch für die Ihren eintrat als etwas ganz Natürliches. Felix, Felix! Warum hatte sie sich von ihm getrennt, warum war sie nicht daheim geblieben, wo sie hingehörte! O, daß er in ihrer Nähe wäre, daß sie in seine Arme flüchten könnte, ihr ver­wundetes Gemüth ausruhen an seinem reinen, edlen Herzen, o, daß sie ihn jetzt um Verzeihung bitten könnte! Denn plötzlich wußte sie, welches großes Unrecht sie ihm gethan.