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Jahrtausende vor uns blühten und dann verschwunden sind, an Egypten, Griechenland, Rom! Es kommt mir vor, als ob für jedes Einzelwesen daS Leben damals ruhiger, harmonischer und genußreicher war, als in unserer Zeit des Dampfes - jetzt erscheint mir die große Mehrzahl des Volkes oft zur Maschine herabgedrückt."

Zu keiner Zeit war aber die allgemeine Bildung der Massen auf einer so hohen Stufe als jetzt," protestirte Lossen. Wohl steht unser Jahrhundert unter dem Zeichen des Dampfes, aber vergessen Sie auch nicht, was wir diesem verdanken! Den ganzen Erdkreis hat er der Civilisation näher gerückt, fortan giebt es keine Entfernungen mehr. Wenn ich nur der großen Entfernungen gedenke, um welche sich die Cultur während der vierzig Jahre seit meiner Ge­burt bereichert hat, dann thut es mir bitter leid, daß ich nicht die kommenden Jahrhunderte mit erleben kann und den weiteren Fortschritt beobachten auf allen Gebieten."

O nein, nicht zu lange leben!" rief Regine abwehrend, von einem plötzlichen Impulse getrieben,unsere Existenz währt schon lange genug!" Sie war stehen geblieben- ihre Blicke schweiften in die Ferne.

Wer einmal dem Glücke recht in das Antlitz geschaut hat, der lebt gerne, sei es auch nur um der Erinnerung willen," flüsterte Lossen, ihr tief in die Augen sehend. Sie wandte sich ab.

Was bedeutet Glück?" fragte sie unwillkürlich.

Glücklich sein heißt: nicht mehr einsam sein- einen Menschen neben uns haben, der uns versteht bis in die ver­borgenste Falte unseres Herzens- der uns lieber ist als die ganze Welt!"

Er hatte sein Haupt dicht zu dem ihrigen geneigt. Sie fühlte seinen Athem und schritt hastig vorwärts. Seine Worte tönte ihr im Ohre fort. Wieder hatte er ausgesprochen, was sie empfand.

Es war, als wenn ein Traum sie umfinge. Die ganze Welt schien für sie zu versinken- sie wandelte allein auf einer einsamen Insel und hörte nur das ferne Brausen des Meeres und die Stimme dessen, den sie liebte.

Er aber betrachtete sie mit Entzücken. Die reinen Linien ihrer schlanken Figur wurden durch ein schlichtes, weißes Kleid gehoben, das in weichen Falten an ihr nieder­floß. Der Helle Sonnenschein gab dem Gewände einen gelb­lichen Schimmer, welcher von dem orangefarbenen Schärpen­bande auszugehen schien, das sich um die feine Taille schmiegte. Ein großer Florentiner Strohhut beschattete das schöne Antlitz, das reiche, dunkle Haar. Und diese Frau, gleich vollkommen an Leib und Geist, hätte sein eigen sein können, wenn er damals vor zwölf Jahren nur gewollt hätte! War sie nicht im Grunde doch ein kostbarerer Besitz, wie ein stattliches Vermögen?

Aus seiner Erinnerung tauchte plötzlich eine Scene auf mit greifbarer Deutlichkeit. Er sah sich wieder mit Regine im Kahne sitzen und hörte sie Stielers Gedicht vom Mönche Eltland mit ihrer ausdrucksvollen Stimme sprechen- und wieder schien er seine eigenen Worte zu vernehmen.

Welch klägliches Schicksal, wenn man sich durch eigene Unvernunft um sein Glück gebracht hat, durch ein Verkennen der gütigen Absicht des Schöpfers, der uns nur in dem Weibe, das wir lieben, zur eigenen Vollendung kommen läßt!"

War er denn im Grunde nicht noch thörichter gewesen, als jener Mönch? Er hatte das für ihn bestimmte Weib ja schon gesunden gehabt, als er die Stimme seines Herzens geflissentlich überhörte und sich an eine Andere verkaufte.

Aber Lothar von Lossen schüttelte diese unbequemen Betrachtungen mit energischem Ruck von sich ab. Man mußte das Leben nehmen, wie es war. Er bereute grund­sätzlich niemals Unabänderliches.

* * *

Der Wind blies, und hoch aus bäumten sich die dunkel- grSnea Wellen, gewaltig, drohend, um sich dann mit lautem

Tosen zu überschlagen und scheinbar harmlos über den weißen Sand zu lecken. Hier und da, wo man sich am sichersten vor ihnen glaubte, schlichen sie sich heimcktüsch heran an ein zierliches Damenkleid und bedeckten es mit ihrem klebrigen Schaum, und die also Ueberfallene diente dann noch zum Gegenstände allgemeiner Heiterkeit.

Eben hefteten sich aller Blicke schadenfroh auf eine weiße Wollentoilette mit überreichem Spitzenbesatz, deren Trägerin bestürzt die gebliche Kante musterte, mit der die salzige Feuchtigkeit sie soeben bedacht hatte. Es war eine jugendliche Erscheinung, aber ohne Frische, mit übermäßig fein geschnürter Taille und großem, hochmodernem Hute, auf dem die, von der nassen Luft erschlafften, grellgrünen Federbüschel nach allen Seiten nickten. Man befürchtete bei­nahe, daß der schlanke Hals einmal abbrechen möchte unter der Wucht dieses Monstrums, das immer die Neigung zeigte, mit dem Winde auf und davon zu gehen.

Welch eine unglaubliche Idee, sich hier am Strande mit einem derartigen Federhute auszurüsten," sagte Regine, die neben Lottchen im Strandzelte saß, während ihre Kinder mit den Rechow'schen Buben eine großartige Sandburg schaufelten,wer die geschmacklose Person nur sein mag?"

Das kann ich Dir ganz genau sagen," erwiderte Lottchen in dem angenehmen Bewußtsein, eine unerwartete Neuigkeit zu verkünden.Sie heißt Constanze von Lossen, geborene Pottmüller."

Ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel hätte auf Regine nicht verblüffender wirken können, als diese Kunde. Con­stanze Pottmüller, die ein Lothar von Lossen für würdig er­achtet, seine Frau zu werden! Wie so eine ganze andere Erscheinung hatte sie sich zu diesem Namen gedacht- einfach vornehm, auch äußerlich ihm angemessen konnte es wirk­lich kein Jrrthum sein?

Doch nein, jetzt kam er ja auf die besprochene Dame zu, und Regine konnte sogar aus der geringen Entfernung seine Stimme hören, die nicht eben freundlich klang. Einzelne Worte, wiealbernes Gehabe",auffällige Plündern", schlugen an ihr Ohr. Dann wandte er sich um und erkannte Regine. Der ärgerliche Ausdruck in seinen Zügen machte sofort einem verbindlichen Lächeln Platz, als er nun auf sie zuschritt.

Aber Frau von Lossen war ihrem Manne gefolgt, und dieser mußte sie vorstellen, obgleich er es sichtlich ohne Freudigkeit that. Lottchen Rechow in ihrer Gutmüthigkeit erleichterte die Situation.

Meine Cousine und ich sind alte Bekannte Ihres Herrn Gemahls", sagte sie und bot der sie neugierig Musternden die Hand,das Gut meines Vaters liegt in der Nähe von Falkenberg, und Herr von Lossen brachte dort zuweilen etwas Leben in unsere ländliche Einsamkeit."

Wie intereffant!" rief Constanze lebhaft,nun nimm Dich nur in acht, Lothar, ich werde mir alle Deine Jung- gesellenftreiche von den Damen hinterbringen lassen! Ein sehr liebenswürdiger Gesellschafter kann er damals eigentlich nicht gewesen sein," fuhr sie mit einem Versuch zur Schelmerei fort, der doch eine gewisse Gereiztheit nicht verbergen konnte. Ich habe ihn noch als recht ungeleckten, kleinstädtischen Brummbären übernommen und erst etwas aufmöbeln müssen. Und Sie, meine Damen, fühlen Sie sich wohl hier? Sie vermissen Ihren Herrn Gemahl, Frau von Rechow? O, eigentlich sind Sie doch beneidenswerth in Ihrer Strohwittwen- schaft! Wir armen Frauen leben im Grunde erst so recht auf, wenn wir den Haustyrannen ein Weilchen los sind. Dann steckt man den Trauring in das Portemonnaie, damit er einen nicht beständig an seine Sclaverei erinnert, und freut sich seiner goldenen Freiheit. Für mich hat diese schöne Zeit nun aufgehört!" Dabet schielte sie herausfordernd nach Lossen hinüber. Sie wußte, daß sie ihn ärgerte mit ihrem freien Wesen- aber gerade das war ihr Zweck, sie wollte sich rächen für die eben erhaltene Zurechtweisung.

Auch Regine blickte ihn an, und zwar war eS das