Ihre erste Liebe.
Novelle von E. von Bischdorf.
(Fortsetzung.)
ES war ein köstlicher Morgen, sonnig, frisch, lachend, als Lottchen Rechow erschien, um Regine zu einem Spazier- gange nach Wenningstedt abzuholen. Der Gedanke war verlockend, und bald wanderten sie mit noch einigen Damen dahin über die weite Heide.
Regine war ein wenig hinter den anderen zurückgeblieben. Sie genoß den Zauber des Augenblicks. Wie stattliche, weiße Berge ragten die Dünen empor, auf denen sich das Strandgras im Winde wiegte, und verbargen das Meer vor den Blicken. Nur das leise Rauschen der Wogen verkündete, daß hinter den Hügeln ein geheimnißvolles, großartiges Etwas sein Wesen treibe, dessen Dasein auch die feuchte, salzige Luft ahnen ließ. Ringsum war Alles einsam, kahl- kein Baum, kein Strauch, nur hier und da ein vereinzeltes, angepflöcktes Schaf, ein altes Friesenhaus mit strohgedecktem, weit überhangendem Dache. Dann und wann hörte man den krächzenden Schrei einer Möve. Der Duft des Thymian zog vom Boden empor, und die liebreizende, rosa Glöckchenheide malte röthliche Flecken auf die weiten Flächen, die ihre wohlbekannte, lila Namensschwester bedeckte.
„Wie reizend, daß ich Sie endliche treffe, meine gnädigste Frau," rief da plötzlich eine fröhliche Stimme neben ihr, und Lossen schwenkte grüßend seine Mütze. „Drei Tage schon habe ich immer vergeblich nach Ihnen ausgeschaut! Aber wie geht es Ihrem Herrn Gemahl, hat er sich von den Un- akoehyllichkeit der Seefahrt ganz erholt?"
' Die Frage sollte verbindlich klingen, aber eine leise Ironie tönte doch durch.
„Danke für Ihre gütige Theilnahme," erwiderte die junge Frau etwas gereizt, „mein Mann war wieder völlig ivvhl, er mußte mich leider schon gestern verlassen."
1897.
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üPm Glück nicht stolz sein und im Leid nicht klagen. Das Unvermeidliche mit Würde trage», Das Rechte thun, am Schönen sich erfreuen, Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen, Und fest an Gott und bessere Zukunft glauben, Heißt leben, heißt dem Tod sein Bitt'res rauben.
„Wird es Sie nicht interessiren in Wennigstedt das Hünengrab zu besuchen, gnädige Frau?" fragte Lossen nach einer Pause.
„Ich weiß nicht," meinte sie zögernd und strich die zerzausten Haare zurecht, mit denen der Wind sein Spiel getrieben, „die Epoche der Hünengräber ist mir zu entlegen. Ich habe keine rechte Sympathie für jene Urbewohner des Landes, sie sind mir zu roh in ihren Sitten und Gebräuchen. Ein Volk gewinnt erst dann Interesse für mich," fuhr sie langsam fort, als suche sie sich selbst über ihr Empfinden Rechenschaft zu geben, „wenn einzelne Gestalten aus demselben hervortreten und durch ihr Handeln darthun, welcher Sinn ihre»Zeit und Umgebung beseelt, wenn das geistige Leben erwacht, — mich fesselt überhaupt nicht Sage, sondern Geschichte, durch die Wissenschaft festgestellte und begründete Thatsachen."
„Wie unendlich schwer ist aber dieses Begründen und Feststellen," fiel Lossen ein, „was wir durch Jahrhunderte für Wahrheit genommen, wird durch einen neueren Forscher plötzlich wieder in Frage gestellt. Die Grenze zwischen Sage und Geschichte ist schwerer zu ziehen, als Sie meinen. Uebrigens hat doch ein Werk rohester Heidenzeit einen gewaltigeren Eindruck auf mich gemacht, als ich für möglich gehalten hätte — ich meine jene colossalen Steinkreise bei Salisbury, Stonehenge genannt, denen man nicht ohne Scheu der Ehrfurcht nahen kann, als wohne dort wirklich jene unsichtbare Gottheit, der zu Ehren sie errichtet sind."
Regine sann noch seinen Worten nach.
„Mag auch der Geschichtsschreiber in Einzelheiten irren," sagte sie dann, wir sind ihm doch so viel Dank dafür schuldig, daß er große Zeitepochen der Vergessenheit entreißt, vergangene Jahrhunderte vor uns wieder aufleben läßt, deren Geist uns oft so viel verwandter anmuthet, als derjenige unserer Zeit."
„Sehnen Sie sich wirklich in die Vergangenheit zmück, wenn Sie Geschichte lesen?" rief Lossen lebhaft. „Nein, mir dient ihr Studium nur dazu, mich die eigene Zeit recht verstehen zu lehren, mir die frohe Zuversicht zu geben, daß wir jetzt höher stehen, als je zuvor!"
„Glauben Sie wirklich an die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechtes?" fragte Regine zweifelnd.
„So sicher glaube ich daran, wie an meine eigene Mangelhaftigkeit," entgegnete er scherzend, „aber im Ernst gesprochen: wir gehen wirklich aufwärts, wenn auch nur all- mälig mit vielen Windungen, gleichsam in Spiralen."
„Denken Sie doch aber an die reichen Culturen, die


