Ausgabe 
13.3.1897
 
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Begleitung eines Briefes, der offenbar in sehr melancholischer Stimmung geschrieben war. Eine Berliner Redaction habe ihm seine Arbeit zurückgeschickt, mit anerkennenden Worten zwar, aber doch mit dem Hinzufügen, daß sie für ihre Zeitschrift aus verschiedenen Gründen nicht geeignet sei. Zugleich habe sie ihn an uns verwiesen, da der Roman vermuthlich unseren Zwecken entsprechen werde. Nun schicke er uns das Manuscript, um einen letzten Versuch zu wagen, ohne Hoffnung freilich aus Annahme. Wenn auch wir, wie er bestimmt vermuthe, es ablehnten, so wolle er es überhaupt nicht Wiedersehen, sondern bitte nur, es an Ihre Adresse gelangen zu lassen. Vielleicht hat uns der eigen« thümliche Brief zu rascherer Prüfung veranlaßt, als es sonst geschehen wäre- jedenfalls hat uns die Lectüre auf das Angenehmste überrascht. Ein schönes Talent und eine reiche Phantasie sprechen aus dem Werke, das wir mit Vergnügen, und zwar recht bald, veröffentlichen werden, sofern sich der Verfasser zu einigen kleinen Aenderungen entschließt, die wir in dem Schreiben an ihn selbst näher bezeichnet haben. Von Ihnen, gnädige Frau, möchten wir nun erbitten, daß Sie dem ohne Zweifel Ihnen bekannten und erreichbaren Autor das Manuscript baldmöglichst zu­gehen ließen, damit wir in dieser Sache mit ihm zum Abschluß gelangen können. Mit vorzüglicher Hochachtung rc."

Immer lebhafter hatte Frau Henningers Herz geschlagen, und wenn sich ihr die Augen mit Thränen gefüllt hatten, als sie von Georgs wehmüthigem Schreiben las, diese Thränen waren rasch wieder versiegt, vom Sonnenschein eines ersten Erfolges, den sie mitfühlend theilte, freundlich getrocknet. Nun hielt sie sich für berechtigt, den Brief an den Geliebten selbst zu lesen, und sie fand darin die Bestätigung dessen, was ihr eben schon so freudig das Herz bewegt hatte, in noch wärmeren, herzlicheren Worten ausgedrückt. Ein ansehn­liches Honorar wurde ihm gegeben, zugleich die Hoffnung ausgesprochen, er werde auch in Zukunft seine Arbeiten in erster Linie der Redaction zur Verfügung stellen, die den vorliegenden Roman zu erwerben wünschte. Die geforderten Aenderungen erschienen geringfügig und wenig mühsam der Freude gegenüber, diese erste Schöpfung hinauswandern zu sehen in die große Welt.

Wie fühlte Frau Ina sich durch den Erfolg des Geliebten gehoben, mit welch' froher Bewegung öffnete sie die Umhüllung des Manuscriptes! Georg hatte unter falschem Namen ge schrieben, wie sie es dem Briefe nach vermuthet hatte, aber sie kannte seine Schrift, und als sie die ersten Blätter gelesen hatte, fühlte sie sich freundlich und vertraut berührt, als wäre er selbst schon an ihrer Seite. Sie meinte zuweilen, seine geliebte Stimme an ihrem Ohr zu hören, und sein Geist, ihr so vertraut und bekannt in jeder leisesten, zartesten Regung, sprach offen und ohne Rückhalt, wie in friedvoller Dämmerung zu ihrem Geiste.

Rascher, als sie es für möglich gehalten hatte, verging ihr der zweite Tag des Wartens im Lesen seines Romans. Und als sie die letzten Blätter des Manuscripts bei Seite legte, da that sie es mit der Empfindung jener stolzen Theilhaberschaft, die aus dem Gefühl einer wahren Liebe entspringt. Von jedem Glück, von jedem Erfolg des geliebten Mannes, durfte sie nach der Stimme ihres Herzens einen vollen, verdienten Antheil sich nehmen,- war sie doch auch bereit, Elend und Kummer, Verlassenheit und Krankheit zu jeder Stunde mit ihm zu theilen. Und nicht nur die liebende Seele mochte sich an dem Werke dankbar erfreuen, auch ihr gesundes Urtheil konnte seinem Schöpfer einen Preis aus innerster Ueberzeugung freudig gewähren. Aus diesen Blättern sprach ein Talent, noch unsicher vielleicht in Bewegung und Ausdruck, aber voll echter, erwärmender Kraft. Jetzt hatte der Geliebte das Feld gefunden, auf dem er seine besten, eigensten Fähigkeiten bethätigen und erweisen konnte, und jene Zartheit, jenes rasche Vibriren der Nerven, das ihm des Lebens Freuden oft gestört und verbittert hatte, in

seinen Schriften mußte es zu einem elektrischen Fluidum werden, das in die Seele des Lesers hinüberströmte, sie be­zwang und unterjochte.

Noch ganz erfüllt von goldenen Zukunftsträumen, er­wachte Frau Ina am Morgen des dritten Tages. Es wurde voraussichtlich ein bewegter Tag, denn er brachte für Hildes­heim die erste Aufführung des Luthersestspiels, und fast alle Bewohner des Hauses der Schatten erwarteten ihn seit Wochen in jener wunderlichen Erregung, die das Theater in der Menschen Herzen hineinträgt. Ihr aber war diese Unruhe der anderen willkommen- klang sie ihr doch wie ein Echo der freudvollen Unruhe im eigenen Gemüthe entgegen. Willig hatte sie sich erboten, am Abend das einsame Haus zu be­wachen, um dem gesammten Personal auch Johanne hatte sich, weil die Anderen gingen, einen freien Abend zum Besuch von Verwandten erbeten, den Gennß des Spiels zu ge­währen. Selbst Fräulein Tietjens schien von der allgemeinen Bewegung der Geister ergriffen zu sein und hatte den Wunsch ausgesprochen, der Aufführung beizuwohnen. Frau Henninger war cs kein Opfer, ihr fern zu bleiben- Dilettantismus aus der Bühne hatte sie niemals gelockt, und heute hätte sie die größte Tragödie für das erwartete Telegramm des Geliebten ohne Bedenken und Zaudern dahingegeben.

Daß Caroline mißvergnügt und ungehalten über ihr Costüm war, konnte den Frieden und die Stille des Hauses an diesem Tage nicht vergrößern. Sie hantirte lärmend mit Feuerzange und Eisengeschirr und versicherte wiederholt- Um dem alten Kittel lohnt sich der ganze Comödie doch nich!" Erst als ihre Herrin mit einigen verschönernden Zuthaten und altem Maskeradenschmuck ihrer umfangreichen Erscheinung aufhalf, glätteten sich allmälig ihre Züge, und als sie am Abend sich mit den anderen Mitwirkenden Frau Henninger, fertig costiimirt, präsentirte, da waren die Wolken vom Himmel ihrer Seele verschwunden. Mit sich selbst wieder zufrieden, erfreute sie sich neidlos nun auch an der Schönheit der beiden jungen Menschen, die sie an diesem Abend in den Gefahren des Theaterlebens beschützen sollte. Martha Wernicke und Fritz Köhler waren ihrer Obhut anvertraut worden, seit dem vergangenen Tage nun endlich ein festverlobtes Paar. Nach Neuerts mißglückter Verhaftung war die Untersuchung gegen Köhler rasch zu Ende geführt worden- der Umstand, daß sein Gegner als Anarchist entlarvt war, hatte nicht wenig zu seinen Gunsten gesprochen, und man hatte ihm ohne Bedenken eingeräumt, daß er in der Nothwehr gehandelt habe. Nun hatte Marthas Vater keinen Widerspruch mehr erhoben, und ein kleiner, behaglicher Familienkreis, vom Duft einer wohlgefüllten Maibowle umspielt, hatte am vorigen Abend im Erdgeschoß des alten Hauses das Fest der Verlobung gefeiert.

Mit ungeheuchelter Freude hatte Frau Henninger Caro­linens Vorschlag ausgenommen, mit dem jungen Paar und dem Diener Carl, der als schmucker Landsknecht mitwirken sollte, Ferdinand Elster hatte auf der Köchin Geheiß als nich gebildet genug vors Comödiespielen" wieder zurücktreten müssen, Bei ihr zu erscheinen. Es war ihr ein schönes Gefühl, gerade heute, wo sie die Nachricht von dem Geliebten erwartete, den beiden endlich vereinten Menschen gegenüber zu stehen. War doch ihr eigenes Herz vom Glück so voll, daß sie meinte, auch über Andere es mit reichen Händen ausstreuen zu können, ja, sie glaubte zu fühlen, daß ihr Glückwunsch, an solchem Tage dargebracht, allein schon die Kraft haben müsse, Kummer und Unheil fern zu halten.

Mit großer Herzlichkeit ging sie den Kommenden ent­gegen, die ein Stückchen bunten, mittelalterlichen Lebens in ihr Zimmer hereintrugen. Sie sagte dem Brautpaar, was ihr Herz ihr eingab, küßte Martha auf die Stirn und be­wunderte die schmucken Erscheinungen mit freundlichen Worten. Auch Caroline und der Diener bekamen ihren Antheil von Lob und Anerkennung, und bald erklang ein fröhliches Durcheinander lebhafter Stimmen um Frau Ina her. Sie selbst aber wurde stiller und stiller, denn ihr Blick haftete