578

duldet, als sie sah, wie Fränzchen mit vollen Segeln in eine schwärmerische Liebe zu ihm hineinsteuerte?

Und dann redete sie auch der Nichte so lebhaft und eindringlich ab, die Gemahlin des künftigen Majoratsherrn zu werden, um jeden Schein einer Begünstigung zu ver­meiden, um Pia völlig sicher und harmlos zu machen, und Wulff-Dietrich den Sieg dadurch noch zu erleichtern.

Eine grenzenlose Erbitterung erfaßte sie bei dem Ge­danken und ein wilder Trotz, nun erst recht alle hinter­listigen Pläne der Verbündeten zu vereiteln.

Und dieses Gefühl von Haß und Empörung ließ fürerft den Verlust ihrer Liebe völlig in den Hintergrund treten; ihr spröder Stolz schien ihr mehr noch verletzt, wie ihr Herz, und solange es noch wirr und wüst in ihrem Innern nach Klarheit rang, verblaßte die Erinnerung an ihr junges Liebesglück, wie die Welt plötzlich in Nacht und Dunkel ver­sinkt, wenn die Sonne von schwarzen Wetterwolken ver- fchlungen wird.

Nicht ein Gedanke der Entschuldigung oder des Zweifels an Wulff-Dietrichs Schuld tauchte in ihr auf, ihre Heftigkeit riß sie mit sich fort, in planlose, gründ- und haltlose Vor­stellungen hinein, und das Wahngebilde, welches ihr das Mißtrauen im ersten Augenblick blitzartig vorgespiegelt, ver­folgte sie und gewann immer mehr Gestalt und Farbe, je leidenschaftlicher sie sich in ihren Schmerz versenkte.

Dorette hatte schon zum zweiten Mal geklopft und ge­meldet, daß das Frühstück servirt sei und die Herrschaften auf das gnädige Fräulein warteten.

Pia erhob sich blitzenden Auges. Sie brauchte kein rothgeweintes Antlitz zu kühlen, ehe sie sich vor Menschen zeigte, ihre marmorkühle Blässe fiel kaum auf.

Sie scheut die forschenden Blicke nicht, im Gegentheil, er wird ihr eine stolze Genugthuung gewähren, sich vor ihnen zu zeigen, umgebeugter, ungedemüthigter wie je; sie haßt die Niedecks! sie alle! Onkel und Tante Johanna vielleicht mehr wie jenen egoistischen Comödianten, für welchen sie gefällig die Couliffen zurechtschoben und ihm das Stich­wort zuflüsterten.

Sie sollen sehen, daß ihre Falschheit keine Wunde schlug, daß Pia von Nördlingen viel zu stolz ist, um jenem Verächtlichen eine Thräne nachzuweinen, um kraft- und muthlos zusammenzubrechen, wenn ihr Lebensglück von frevelnden Händen in Trümmer geschlagen wird.

Mechanisch strich sie über die lockigen Haare, sie zu glätten, richtete sie sich hoch auf und schritt starren Blicks, beinahe unheimlich in dieser Ruhe anzusehen, die teppich­belegte Treppe hinab.

Der eilige Schritt eines Kellners tönte ihr von der Treppe entgegen, als sie die Hand auf die Klinke der Eßzimmerthüre legte und geräuschlos etntrat.

Ein Blick auf den Frühstückstisch zeigte ihr, daß die gräfliche Familie nicht länger auf sie gewartet hatte. Das Zimmer war leer.

Gleichzeitig klopfte es hastig an der Thür des kleinen Nebensalons.

Die Stimme des Onkels rief:Herein."

Der Herr Forstaffeffor Hellmuth bittet um die Ehre, sich vor seiner Abreise von der gnädigen Herrschaft verab­schieden zu dürfen."

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, und Pia, welche jählings einen Schritt vortrat, sah, wie Onkel und Tante, welche zusammen am Fenster saßen, einen sehr betroffenen Blick welchselten.

Dann nickte die Gräfin mit bittendem Ausdruck in den sanften Rehaugen und ihr Gatte sagte mit heiserer Stimme: ich lasse bitten!"

Ein spöttisches Lächeln kräuselte die Lippen des jungen Mädchens. Wie triumphirend flammte es in ihren Augen auf.

Welch ein Abschied wird das werden! Wie höchst ge- demüthigt werden die ausgepfiffenen Aeteurs sich jetzt condo- lirend die Hände drücken!

Ist es unrecht oder unedel, zu lauschen?

In diesem Fall sicher nicht, wo sie ja selber der Pelz ist, um welchen man verhandelt, der Pelz, welchen man so zuversichtlich verkaufte, ehe man den Bären hatte!

Pia kreuzt gelassen die Arme über die Brust und lehnt sich wartend gegen denThürpfosten; seitlich von ihr befindet sich der Salon, durch dessen halb geöffnete Thüre man zwar nur einen kleinen Raum des Zimmers überblicken, wohl aber jedes Wort verstehen kann, welches darin gewechselt wird.

Sie empfindet es als Genugthuung, als eine Gerechtig. keit des Schicksals, daß sie sich von seiner Schuld, seiner Verächtlichkeit überzeugen kann; keinen besseren Balsam giebt es wohl für die Wunde, welche man ihr geschlagen.

Schritte auf dem Flur, sein fester, stolzer Schritt, nur schwerer, nicht so elastisch wie sonst.

Das gräfliche Ehepaar verharrrt im Nebenzimmer regungslos, in tiefem Schweigen, es ist so still, daß Pia vermeint, sie höre ihr Herz klopfen, unruhiger, schneller, seit sein Schritt erklingt.

Ein kurzes Klopfen, der Kellner reißt die Thüre auf Wulff-Dietrich tritt ein.

Das junge Mädchen lehnt sich fester gegen den Thür- pfosten, eine jähe Schwäche überkommt sie, wie Schatten wallt es vor ihren Augen;sie beißt die Zähne aufeinander und richtet sich gewaltsam auf.

Ich höre zu meinem größten Bedauern und Befremden, daß Sie abreisen wollen, mein lieber Assessor," stottert Onkel Willibald und schreitet seinem Besuch mit unsicheren Schritten entgegen,und wie ich durch Fränzchen hörte, ist der Grund Ihrer Abreise ein ganz besonders trauriger; wir nehmen herzlichen Antheil an dem schweren Verlust, welcher Sie betroffen; Ihr Herr Bruder starb sehr Plötzlich."

Eine kleine, verlegene Pause, man hört die feinen Goldketten der Manschertenknöpfe, an welchen der Sprecher hängende Kugeln trägt, leise erklingen, sie schütteln sich die Hand.

Seltsam warum nennt er ihn unter vier Augen nochAssessor?!"

Fräulein Fränzchen hat Ihnen bereits von unserem Zusammentreffen im Garten erzählt Mister . . . Mister Luxor?"

Wie seltsam verändert klingt seine Stimme! Pia fühlt, daß ein finsterer, qualvoller Schauer sie bei diesem Klang durchrieselt.

Sie neigt sich mechanisch vor sie sieht just in Onkel Willibalds Gesicht, und sieht, daß es heiß erröthet. Er macht eine hastige Geste, als schleudere er etwas Unsichtbares von ssich fort, tritt schnell einen Schritt näher und breitet voll herzlicher Empfindung die Arme aus.Wulff- Dietrich! nein, bei Gott, ich kann und will es nicht leugnen, daß ich durch Kränzchen erfuhr, wer Du bist! und weil ich Dich als Forstaffeffor Hellmuth lieb gewann, so will ich Dich als meinen Neffen ehrlich weiter lieben, wenn Du wahrlich, Wulff-Dietrich! Du verdienst es!"

Onkel mein bester, gütigster Onkel!" Seine Stimme bebt vor Erregung, er wirft sich in die Arme des alten Herrn und fährt voll warmer Innigkeit fort:Gott sei gelobt für diese Stunde! der heutige Tag hat mir wohl Alles genommen, was eines Menschen Glück bedingt, aber er schenkte mir dafür dennoch eins, die Erfüllung meines Wunsches, Frieden zu sehen zwischen Dir und mir!"

Tante Johanna, welche noch immer am Fenster gestanden, drückte unvermerkt das Taschentuch an die Augen und trat leise an die Seite ihres Gatten.

Wulff-Dietrich wie wunderbar sind Gottes Wege! wie unvermuthet hat er uns znsammengeführt und wie hat er es in seiner Gnade gefügt, daß Willibald Dich trotz aller Vorurtheile und allen Haffes nun doch noch so lieb gewinnen mußte!"

(Fortsetzung folgt.)