Der Majoratsherr.
Roman von Nataly v. Eschstrnth.
(Fortsetzung.)
Dann hatte man eine feierliche, sehr schmeichelhafte und respektvolle Einladung aufgesetzt, welche zwei Herren Persönlich nach Schloß Niedeck brachten.
Natürlich bekamen sie den Grafen, welcher ausgegangen sei, nicht zu Gesicht. Aber es sollte baldmöglichst Antwort geschickt werden. Heute Morgen war diese Antwort endlich eingetroffen, und als der Bürgermeister sie las, brach es wie ein Wuthgeschrei über seine Lippen.
„Er kommt nicht, Lieschen! — zum Teufel, er kommt nicht!"
Frau Lieschen schüttelte den Kopf. „Ich habe es gleich nicht begriffen, daß Ihr ihn eingeladen habt! So etwas ist Euch doch früher nicht in den Sinn gekommen! Da sagtet Ihr: „Wie können wir es wagen, einen hochgeborenen Reichsgrasen zu uns Ackerbauern zu invitiren!" und nun mit einmal thut Ihr, als wäre es Eures Gleichen!"
Der Bürgermeister tobte mit wüthenden Schritten durch die Stube: „Schweig still! das verstehst Du nicht! Reichsgraf hin — Reichsgraf her! — zeigt es nicht unser Freund Rüdiger und seine Gemahlin, daß man mit uns verkehren ?7nn? Und die sind auch Grafen von Niedeck — und .Millionäre! Aber sie kennen keinen Dünkel und Hochmuth, wi,e der verdammte Kerl im Schafspelz! Dieser Verrückte! Dieser Geizhalz, dieser Kleidertrödler, der sich nicht schämt, einherzugehen wie ein Lump! wie ein Slowak!" Damit stürzje er zur Thüre hinaus.
Unb wie Anno 48 ein dumpfes Murmeln aufrührerischen Hasses durch das Volk ging, so schlug auch jetzt die Zunge des Stadtoberhauptes als Alarmglocke an —: „Bürger heraus!" — Das lief an allen Straßenecken zusammen, schimpfte und fuchtelte, immer bedrohlicher und hitziger.
188?
»TZpyll aNfchij
lieblich ist das Lachen In Gottes schöner Welt;
'iM) Doch weil es oft uns Schwachen Zu kühn die Seele schwellt, Wird Schmerz ihm beigesellt.
Fouque.
Gevatter Handschuhmacher aber zuckte wehmüthig die Achseln. „Ruhig Blut, Kinder! Was nützt alles Gezeter'? Ein Majoratsherr ist kein König, der eine Revolution stürzen kann. Der Niedecker sitzt sicher und unantastbar im Nest, und ehe nicht Freund Hein ihn hinauswirft, nützt alles Sturmlaufen unsererseits ganz und gar nichts!"
„So? muß man sich etwa einen Verrückten zum Herrn gefallen lassen? — Sagt nicht die Gräfin auch, ein Narr gehört ins Narrenhaus?"
„Die Gräfin mag das schon sagen, denn sie gehört zu seiner Familie, aber uns geht das nichts an!"
„Darüber ließe sich wohl reden!" trotzten etliche Stimmen: „Ein Gaudi wär's für uns, wenn es dem hoch- müthigen Schuft passirte!"
„Fragt doch den Assessor! der muß es ja wissen, ob wir ihm nicht eine Suppe einbrocken können."
„Laßt aber den Rüdiger nichts merken! Es mag kein Vornehmer gern einen Vetter im Tollhaus haben!"
„Bah — er und die Gräfin haben ihn ja zuerst verrückt genannt!"
„Ich rathe Euch, sprecht erst mit dem Assessor!"
„Heute Abend sondiren wir den Graf, der Wein löst die Zunge!"
„Gut, heut Abend!"
Mit wetterschwülen Stirnen trollten sie heim. Die Schmach, die Graf Willibald ihnen angethan, fraß ihnen an der Ehre, und Einer hetzte den Anderen auf, wenn gar ein Wort fiel: ob's denn wahrlich ein so schwerer Schimpf sei, wenn ein Sonderling nicht gern unter Menschen gehe!
Die Sonne sank — und voll fiebernden Eifers rückten die Frauen und Jungfrauen von Angerwies die Spiegel zurecht, um endlich die Fesseln der Papilloten zu sprengen!
Wenn es nur aufhören wollte zu regnen! Die Mütter konnten ja feste, rindslederne Stiefel anziehen, aber die tanzenden Töchter! je nun, man hatte sich in solcher Verlegenheit schon so ost geholfen, warum nicht auch heute? In Ermangelung einer Droschke thaten die riesenhaften Holzpantoffeln genau so gute Dienste, und darum waren sie, so lange man denken konnte, in Angerwies existenzberechtigt und genossen die Achtung, welche sich das Zweckmäßige überall erwirbt.
Eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit hörte man denn auch ein unermüdliches „Klipp Klapp-Klipp-Klapp" auf dem holprigen Pflaster und dann und wann ein jungfräulich, zartes Aufkreischen, wenn eins der hölzernen Piedestale in einer Pfütze versank. — Große Regenschirme und flatternde


