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Umschlagtücher verhüllten den Schaaren neugieriger Gaffer die Pracht, welche sich jenseits der Hotelthür enthüllen sollte.

Hie und da schwankte ein Laternchen vor einer Hono­ratiorendame her, und je nachdem, ob em oder zwei Lichtlein in demselben brannten, erkannte man den Grad der Würde, welchen die Nahende einnahm.

Mehr und mehr füllte sich der Festsaal.

Die Herren in seltsam langschößigen Fracks, mit weißen Zwirnhandschuhen an den Händen. Der Assessor, Apo­theker und Doctor, sowie etliche derübertrieben" eleganten jungen Herren hatten Glacss angelegt! köstlich duftend nach Pomade und Moschus, die Krieger mit der Denkmüuze oder gar dem schwarz-weißen Bändchen im Knopfloch, die Nicht- Krieger mit kleinen Sträußchen an der Brust, deren Blüthen in dieser blüthenlosen Märzzeit durch Strohblümchen ge­schmackvoll und sinnig ersetzt wurden.

Die Damen hatten ungeheuerliche Anstrengungen ge­macht, zu glänzen.

Die Mamas fanden sich mit Würde in entsagungsvolle Farben, schwarz, pflaumenblau, kaffeebraun, lila und grau, Nüancen, welche jedoch auf das lieblichste durch die dreieckig gelegten weißen Crepe de chin-Tücher gehoben wurden, ohne welche eine Ballmutter von Angerwics einfach undenkbar war.

Die Matronen hatten ungeheuere Kopfputze, eine Art blumenumrankter, federumwallter, spitzenumnickter und bänder­umflorter Sturmhauben, bei derem schwiegermütterlichen An­blick eigentlich jedem Freier, auch dem beherztesten, das Herz in die Hosen rutschen mußte, so kriegerisch kampfesmuthig trugen die Damen dieses stattlich geschmückte Haupt auf den Schultern.

Der Mittelscblag der noch nicht ergrauten Frauen lächelte unter Puffscheiteln oder Zöpfen hervor, welche als Wunder der Flechtkunst um die Ohren gelegt waren, ein paar handfeste Rosen oder Astern vervollkommneten den Liebreiz, goldene oder elsenbeingeschnitzte Kreuze oder Broschen prunkten am Halse.Trotz manches hübschen, vollwangigen Gesichts waren diese mittelalterlichen Gattinnen die vollste Ehrbarkeit, welche nicht mehr an Tanzen und Kokettiren denkt/ der Strickstrumpf erinnerte auch jetzt in ihrer Hand an die lieben Kleinen daheim.

Die holde Jugend war vollzählig und wie überall in kleineren Städtchen im Uebergewicht erschienen. Auf vier Damen kamen ein Herr, weswegen die Fräuleins ungenirt unter sich tanzten. Weiß, rosa, himmelblau, Blumenkränze, Filethandschuh, bemalte Holzsächer und ausgeschnittene Kitr- lederschuhe . . . schwarze, blonde, rothe Haare, dick und dünn, groß und klein, hübsch und häßlich, graziös und plump, Alles war vertreten.

Ein Gefühl, aus Staunen, Bewunderung und Neid ge­mischt, beschlich aller Herzen, als die Bürgermeistenn mit ihren drei Töchtern eintrat! Die Ueberraschung war complett.

Modern frisirt! das Althergebrachte einfach über den Haufen geworfen, nach dem Muster der Gräfin hoch­modern frisirt! Die Haare des halben Vorderkopfes waren kurz geschnitten und in krause Locken gebrannt. Hoch auf dem Kopfe bäumten sie sich, wie indignirt über solche Zu- muthung, gleich einem Kakaduschops, von der Stirne ab­starrend und über die Ohren hinwegragend!

Wie wunderlich verändert die Mädchen aussahen! Die beiden Aeltesten waren ja nie sehr hübsch aber heute . . . W . - oder täuschte man sich? Eine so hochmoderne Frisur muß ja gut kleiden, es war nur das Ungewohnte des Anblicks, welch-s jedes Auge stutzig machte! Em Wagen rollte heran. Oberförsters. Nun waren die hohen Würdenträger versammelt, nun konnte das gräfliche Paar auch erscheinen/ die Getreuen von Angerwies stellten sich feierlich, mit hochklopfenden Herzen rings an den Wänden auf/ gleich dem Hofstaat, welcher die Majestäten erwartet. Während dessen hatte Gräfin Melanie ihre Toilette be­endet und die Jungfer hinaus geschickt. Es war die Zofe

ihrer Schwefter, welche fie fich vom Lande hatte kommen lasfen, und welche so gut wie kein Wort verstand.

Diesen Umstand lobte der Graf soeben wieder.Es ist ein Glück, daß die Person nicht ahnt, was um sie her vorgeht, ihre Sprachunkenntniß ist der Hemmschuh für jeg­lichen Klatsch. Es wäre Dir doch auch sehr zu empfehlen, anstatt dieser entsetzlichen Frau Stiehl auch eine Französin zu engagiren! Denke Dir die Stiehl hierher in diese Situation! Ihre Zunge würde uns jeden Plan durchkreuzen, sowohl hier, wie in der Residenz."

Die Gräfin seufzte:Du hast ganz recht, aber sag selber, wäre cs vortheilhaft, dieses Frauenzimmer jetzt zu entlassen, damit sie uns in der ganzen Stadt herumbrmgt? Sie hat zu oft gehorcht und ausipionirt, um nicht über Mancherlei vollständig informirt zu sein. Die Klugheit gebietet energisch, sie im Hause zu behalten!"

Rüdiger knurrte etwas Unverständliches, seine Gemahlin aber stand vor dem Spiegel und musterte ihre strahlende Erscheinung mit ironischem Blick. Und als sie die Brillant­armbänder anlegte, brach sie plötzlich in ein leises Gelächter aus und warf fich in das Sopha. Sie preßte das duftende Spitzentuch gegen das Gesicht, aber sehr vorsichtig, daß der Puder nicht abwischte und lachte immer mehr und immer spöttischer.

Der Gras, welcher in elegantestem Bollanzug mit Orden und Ehrenzeichen geschmückt im Zimmer auf- und abgegangen war, blieb vor ihr stehen und blickte sie mit seinen scharfen, kalten Augen überrascht an.

Bist Du von Sinnen? was soll dies Benehmen?!" herrschte er sie ärgerlich an.

Verzeih, Rüdiger es kommt mir so namenlos komisch vor."

Was denn, wenn man fragen darf?"

Ihr Blick flog musternd über seine schlanke Gestalt und sie lachte abermals!Daß wir so fabelhafte Anstrengungen machen, um uns für dieses odiöse Krähwinkelpack zu putzen! Schade um meine schöne Schleppe!"

Er zuckte nervös die Achseln:Thun wir es etwa zum Vergnügen? Ich dächte, Du wüßtest genugsam, um was es sich handelt!"

Weiß ich auch, mon ami," nickte sie plötzlich ernst werdend und sich erhebend,und ich will diese schöne Toilette und noch weitere acht Tage meines Lebens gern opfern, wenn wir dadurch das Ziel erreichen können! Bis jetzt stehen die Chancen gut, und ich denke, heute Abend werden wir siegen."

Ich bitte Dich, liebe Melanie, bei der außerordentlichen Farce, welche Du zu sehen bekommst, ernst zu bleiben. Denk, Du besuchst einen Costümball altmodische, spieß­bürgerliche Verhältnisse sind Vorschrift. Und nun komm und öffne der Llebenswürdigkeit alle Schleusen, um mir in die Hände zu arbeiten!" Er bot ihr aufseufzend den Arm und schritt zur Thüre.

Wie durch einen Zauberschlag verstummte das Sprechen, Lachen und Geigenstimmen im Saal, als Herr Simmel athemlos in der Thür erschien und in heimathlichen Lauten meldete:Se kumm'n Se kumm'n!"

Und sie kamen.

Der Bürgermeister hatte sich nvt dem Gedanken ge­tragen, beim Eintritt des gräflichen Paares die National Hymne spielen zu lassen, der Doctor und Oberförster fanden diese Idee jedoch nicht ganz passend, und der Vater der Stadt ühlte sich ein wenig beleidigt.

Dafür aber schritt er, von sämmtlichen Honoratioren der Stadt geleitet, den Etntretenden unter zahllosen Bück­lingen entgegen, und das gefeierte Prar wußte bei ad er Liebenswürdigkeit doch so viel hoheitsvolle Würde zu zeigen, daß es den Herren und Damen von Angerwies voll traum­haft seligen Entzückens zu Muthe war, als ob sie doch einmal in ihrem Leben auf höfischem Parquet stünden, sich tief vor den Majestäten zu verneigen.