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Bella hatte die Worte gehört, die sie kaum noch im Zweifel ließen, daß mit ihr etwas Unheilvolles geplant war.
„Erbarmen, liebste Mutter — helfen Sie mir!" flehte sie mit erhobenen Händen.
„Wenn ich das dürste! Ich bin nur Sclavin und kann nichts thun, was mir nicht befohlen ist."
„Dann eile ich ohne meine Sachen," hastete Bella.
„Ich werde den Weg wiederfinden. Nur fort — fort!" Neva machte eine beschwichtigende Bewegung.
„Nichts gewaltsam, Kind, nichts gewaltsam! Es ist unmöglich! Die Wächter ließen Sie nicht durch!"
„Wie, ich wäre hier eine Gefangene?"
„Das weiß ich nicht, mein Kind, aber eins ist gewiß: Die englische Lady hat sich auf hohen Befehl entfernen müssen und hat Sie nicht mitnehmen wollen."
„Nicht mitnehmen wollen? O, sie wäre eine Ver- rätherin an mir? Ich hab' ihr doch nichts gethan! Ich war ihr so treu, folgte ihr so voll Vertrauen! Ich muß fort, ich muß!" Und abermals wollte Bella die Stufen hinunter eilen.
„Versuchen Sie das nicht, bestes Kind!" bat die Aufseherin. „Beruhigen Sie sich und bleiben Sie! Welche Gefahr sollte Ihnen drohen, wenn Sie nicht wissentlich hier sind? Der Rajah ist gütig und thut mit Absicht Keinem ein Leid. Er wird Sie gewiß sicher gehen lassen, wenn Sie ihn bitten. Aber allein, ohne Schutz dürfen Sie nicht hinaus. O, Sie kennen das wilde Volk hier nicht, das alle Fremden, besonders Alles was englisch ist, haßt. Und gerade jetzt, während des Festes . . . nein, ich würde mich versündigen, wenn ich Sie gehen ließe! Fassen Sie sich, Liebe!
Nein, nicht weinen! — Ach, einstmals habe ich auch so geweint, als ich hierher kam, aber das war noch eine andere Zeit. Damals, vor dreißig Jahren, herrschte ein anderer Rajah und es wohnten hier mehr als hundert Frauen . . ."
„Und Sie, Neva?" fragte Bella gespannt.
„Ich wurde von meiner bösen Stiefmutter heimlich verkauft, heimtückisch verschachert. Ich war von englischen Eltern, aber in Indien geboren. Mit Gewalt wurde ich hierher geführt. Für mich gab es keine Rettung. Hier bin ich alt geworden. Beim Tode des Rajah Asan wurde ich zur Aya, das heißt Aufseherin des Frauenpalastes bestellt, aber das Haus ist leer geblieben. Nein, Kind, Sie dürfen nicht verzagen, Ihr Schicksal wird nicht ein so trübes sein. Sobald : . ."
Plötzlich hielt sie lauschend inne, sah sich um und ent fernte sich lautlos wie eine Fliehende. Fast unhörbar auf den weichen Teppichen nahten Tritte, und ehe noch Bella weiter über die Worte der Aufseherin nachdenken konnte, stand der Rajah Gora vor ihr. Er ging ganz in Weiß. Sein Rock, von halb europäischem Schnitte, hatte große Diamantknöpfe, seine weiten Pantalons fielen unten geschlossen auf gelbe Stiefeln. Auf dem Kopfe saß ein weißer Turban mit blitzender Agraffe. In seinem Gesicht, dessen gelbe Farbe gegen das Weiß allerdings grell abstach, lag milder Ernst. Er verneigte sich respectvoll.
„Fürchten Sie nichts, Miß Bella," begann er in sanftem Tone. „Sie sind unter meinem Schutze so sicher, wie Sie in England waren . . ."
„Wenn dies der Fall ist, Sahib, dann bitte ich Sie dringend, mich schnell der Lady Agnes nachreisen zu lassen!" erwiderte Bella, fest und ruhig.
Der Rajah machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
„Hören Sie mich erst, Miß Bella," fuhr er in dem gleich sanftem Tone fort. „Gerade von dieser wollte ich Sie trennen und befreien, denn sie ist Ihres Besitzes nicht würdig. Sie war eigennützig. Ich durchschaute sie. Sie wollte Geld dafür, daß sie Sie bewog, mit nach Indien zu gehen, und ich mußte es ihr verschreiben. Ich durfte mich nach ihrem Willen auch in England von Ihnen nicht ver
abschieden. Hier forderte sie ihren Lohn und mir gingen die Augen auf." Er zog zwei Papiere aus der Brusttasche und reichte sie Bella. „Da, die Beweise!"
Bella las die Verschreibung und die Quittung, ihre ganze Gestalt begann zu beben. Lange starrte sie auf die Blätter, die Röthe des Zornes kam in ihr Gesicht und ihre Finger krampften sich unwillkürlich über den Papieren zusammen.
„Sie hat mich verkauft — diese Schlange! Es ist empörend, ja, empörend!" stieß sie hervor. Dann aber kam das ganze Elend ihrer Lage über sie, sie schlug die Hände vor's Gesicht und schluchzte laut auf.
„Fassen Sie sich, Miß Bella!" bat der Rajah mild.
„Ich bin kein Despot, der Sklavinnen von Ihrer Art kauft. Es steht Ihnen frei, ganz frei, zu gehen, wohin Sie wollen. Ich ließe Sie geleiten. Doch, hören Sie mich! Ich sage Ihnen, was ich Ihnen schon in London angedeutet habe! ich habe Sie lieb gewonnen, ganz von Herzen. Wenn Sie meine Gefährtin sein wollen, in allen Ehren, so werde ich glücklich sein. Es wäre ein Band, das mich fester an die Reformen fesselte, die ich im Sinn habe und für mein Volk erstrebe. Für uns Indier giebt es keine gesegnetere Zukunft, als die der europäischen Aufklärung. Je zäher wir uns dagegen sträuben, desto sicherer werden wir vergewaltigt, verschlungen, ansgesogen! Ich will den Fanatismus ausrotten. In diesem Augenblick ist bereits ein deutscher Missionar auf dem Wege nach Jeypur. Wenn Indien jemals von den englischen Erpressern loskommen soll, kann es nur durch christliche Aufklärung geschehen, vielleicht in vielen Jahren! Sie wissen nun, wie ich denke. Sinnen Sie darüber nach, ob Sie bleiben oder gehen wollen! Ich lasse Ihnen Zeit. Sie sind hier Gebieterin. Kein Haar auf Ihrem Haupte soll gekrümmt werden. Darf ich morgen wieder zu Ihnen kommen und Ihren Entschluß hören?"
Bella erhob ihre Augen halb scheu zu dem Sprechenden, dessen Gesicht der Ausdruck edler Gesinnung verschönte.
„Sie haben die schönsten Augen, die ich je gesehen," sagte der Rajah. „Ich bekenne Ihnen, daß ich dadurch in England zuerst an Sie gefesselt wurde. Nun wäre es grausam, wenn ich Sie nicht mehr sehen sollte. Doch füge ich mich in Unabwendbares, auch wenn es grausam ist. Wollen Sie mich morgen empfangen?"
Bella neigte stumm den Kopf. Das Benehmen des Fürsten flößte ihr Vertrauen ein. Sie konnte sich sagen, deß er ihr ein besserer Schutz sei als tausend Ladys von der Art ihrer feig entwichenen Gebieterin- und als der Rajah, nachdem er sich tief herabgebeugt und ihre Hand mit seinen Lippen berührt hatte, gegangen war, warf sie trotzig den Kopf zurück und ihr alter Stolz kam wieder zu seinem Rechte. Warum sollte sie nicht dem Manne, den sie geliebt und der sie verrathen hatte, durch ein außerordentliches Glücksloos die gebührende Antwort geben? Und warum sollte sie den Verrath einer habsüchtigen Frau nicht durch die Thatsache ihres Triumphes erwidern? Je länger sie über ihre letzten Lebensschicksale nachdachte, desto mehr versöhnte sie sich mit dem Gedanken an eine neue, glänzende Existenz an der Seite eines mächtigen Herrn, der sich als wahrhafter Edelmann erwies. „Ich will Fürstin werden!" rief die Stimme des Stolzes in ihr. Sie nahm den an ihren Vater gerichteten Brief in die Hand, schaute sinnend auf ihn und legte ihn dann wieder hin. „Warte noch, mein guter, alter Papa," sagte sie leise, „ich hoffe Dir noch einen guten Nachsatz schreiben zu können!"
Eine wohlige Ruhe kam in ihre Seele. Sie trat auf den Balkon hinaus und legte ihre schönen weißen Arme aus die kühlende Balustrade. Ihr Blick schweifte über die reizvolle Landschaft und ein liebliches Träumen erfüllte ryr ganzes Wesen. Als sie noch so traumverloren stand, kam leisen Trittes die alte Aya und brachte der Ueberraschten kostbare Stoffe, fein gewebte, duftige Gewänder und Shawis, eine Perlenkette, schöner als die, welche sie vordem tn ug


